Nawalny

Alexei Nawalnys deutscher Fitnesstrainer

Björn Leber: Der Schwarzwälder, der Nawalny nach dem Giftanschlag wieder auf die Beine half

Fitnesstrainer Björn Leber (rechts), der über Alexei Nawalny sagt: „Er ist so ein Typ, wenn er etwas will, dann tut er alles dafür.“

#5 – Für die KARENINA-Reihe „Zwischen den Welten“ entdeckt Gemma Pörzgen bemerkenswerte Menschen, die mit Russland und Deutschland verbunden sind.

In Gedanken ist Fitnesstrainer Björn Leber immer mal wieder bei Alexei Nawalny. Aber die Erinnerung verblasst langsam. Der 23-Jährige lebt im beschaulichen Konstanz am Bodensee und hat gerade sein Bachelor-Studium in Sportwissenschaften abgeschlossen. Der Kontrast zum Leben seines prominentesten Klienten könnte nicht größer sein, denn der sitzt seit einem halben Jahr im russischen Straflager.

Neun Wochen lang hat Björn im vergangenen Herbst mit Nawalny hart trainiert, damit der russische Oppositionspolitiker nach dem Nowitschok-Anschlag und dem folgenden Krankenhausaufenthalt überhaupt wieder zu Kräften kam. Dabei war es ein purer Zufall, der die beiden unterschiedlichen Männer zusammenführte. Nawalny hatte es zur Erholung in eine Ferienwohnung nach Ibach in den Schwarzwald verschlagen. Und Björn war im Fitnessstudio „Albgym“ im benachbarten St. Blasien der einzige Fitnesstrainer, der Englisch sprach. Die beiden wurden sich schnell einig, dass sie sich von nun an gemeinsam dem Muskelaufbau und Krafttraining widmen würden.

Mit Russland verband Björn bislang wenig. Er war vor einigen Jahren mal zur Sportolympiade im benachbarten Kasachstan, sonst weiß er wenig über den Osten Europas. Auch von Nawalny und dessen politischen Aktivitäten hatte er bis dahin wenig gehört. Nun wurde der junge Mann vor dem ersten Treffen von deutschen Sicherheitsbehörden zunächst übergeprüft. Die Beamten hätten ihm ein paar Tipps gegeben, erzählt er.

Mögliche Risiken seien ihm angesichts von Nawalnys Vergiftung schon bewusst gewesen, sagt Björn. „Aber ich hatte keine Angst, wir leben schließlich in Deutschland.“ Er wiege hundert Kilo und wisse mit schwierigen Situationen umzugehen, sagt er.

Seine Mutter und seine Oma hätten sich allerdings Sorgen gemacht. Auch er sieht es ganz realistisch: „Ich würde in den nächsten Jahren nicht nach Russland reisen.“ Es ziehe ihn auch wenig dorthin.

Willenskraft und Fitness haben Nawalny gerettet

„Ich habe mit ihm so trainiert wie mit jedem anderen auch“, sagt Björn über das Training mit Nawalny heute. „Ich habe in ihm den Menschen gesehen, nicht den Politiker.“ Der russische Klient hatte in der Berliner Charité im Koma gelegen und musste seine Fitness ganz neu aufbauen. „Seine Koordination war ganz schlimm und er zitterte ständig“, erinnert sich Björn an die ersten Tage. „Es war ein echt harter Job, denn durch die Nowitschok-Vergiftung war er auf null.“

Anfangs trainierten sie drei Mal die Woche, zum Ende hin fünf Mal. „Angefangen haben wir mit Push-ups und Schattenboxen“, sagt Björn. Nawalny habe erstaunlich schnell Fortschritte gemacht. „So etwas habe ich echt noch nie gesehen bei normalen Klienten, die nicht Sportprofis waren.“ Zu verdanken sei das vor allem dem enormen Willen des russischen Oppositionellen, sagt Björn. „Er ist so ein Typ, wenn er etwas will, dann tut er alles dafür.“ Als Trainer habe er einige Hilfestellung gegeben, aber die enorme Leistung habe Nawalny selbst erbracht.

Trotz seiner 44 Jahre sei Nawalny ein sehr sportlicher Typ gewesen. „Ich glaube, ihn hat gerettet, dass er vor der Vergiftung regelmäßig gejoggt ist und wirklich fit war“, glaubt Björn.

Wie schwer es ist, wieder auf eigene Füße zu kommen, wusste Björn aus eigener Erfahrung. Der junge Mann war Skicross-Profi, bis ihn ein doppelter Bandscheibenvorfall dazu zwang, diese Karriere aufzugeben. Ein Jahr lang musste er an sich arbeiten, um wieder Sport treiben zu können. Umso mehr imponierten ihm Nawalnys schnelle Fortschritte und dessen eiserner Willen.

„Wir sind Freunde geworden“

Den persönlichen Umgang habe er besonders nett in Erinnerung. „Wir haben über alles mögliche gesprochen, über Autos, Männerdinge halt“, erzählt der junge Mann. Bei Diskussionen über Politik hätten beide die unterschiedlichen Standpunkte respektiert. Nawalny sei sehr nett und respektvoll mit ihm umgegangen. „Wir sind Freunde geworden.“

Björn lernte auch Nawalnys Ehefrau Julia und die beiden Kinder kennen. Seine Oma habe für Nawalny und dessen Familie einmal eine echte Schwarzwälder Kirschtorte gebacken, erinnert er sich.

Neun Wochen haben die beiden zusammen verbracht bis in die Weihnachtszeit. Eines Tages habe Nawalny ihm gesagt, dass er bald abreisen werde. „Man braucht wirklich Mut, um zurück nach Russland zu gehen“, sagt Björn. „Das fand ich sehr eindrucksvoll.“

Er versteht, dass es für Nawalny keine andere Möglichkeit gegeben habe. „Wir haben darüber in den Wochen vor seiner Rückkehr viel gesprochen.“ Ein Politiker, der nicht in seinem Land sei, könne auch nichts erreichen.

Kurz vor dem Abschied machten die beiden zwei Fotos, die sie in den sozialen Medien teilten. Björn bekam auf Instagram 8000 Likes. „Bei Nawalny waren es hunderttausend.“

Björn erlebte sehr unterschiedliche Reaktionen auf seinen Post, mit dem er erstmals sein Schweigen über die Zusammenarbeit mit Nawalny brechen konnte: „Einige wünschten mir den Tod, andere wollten mich heiraten.“ Viele Russen hätten sich bei ihm dafür bedankt, dass ich Nawalny wieder fit gemacht habe. „Andere meinten, ich sei der Coach des neuen Adolf Hitler in Russland.“ Einige Kommentare seien auf kyrillisch gewesen, die er sowieso gar nicht verstanden habe.

„Man siehst sich zwei Mal im Leben“

Sich zu verabschieden, sei dann schon schwer gewesen. „Ich war traurig, als er abreiste“, sagt Björn. „Er ist ein guter Typ.“ Nawalnys Verhaftung direkt nach der Einreise habe er im Fernsehen gesehen und danach nochmal eine Nachricht geschickt: „Keep strong!“

Seither ist der Kontakt abgebrochen. „Er versucht weiterzukämpfen, wenn auch auf andere Weise“, davon ist Björn überzeugt. Sorge bereitete ihm als Trainer vor allem Nawalnys Hungerstreik und dessen Auswirkungen auf die Kondition, an der sie so lange gearbeitet hätten.

Für Björn geht das Leben normal weiter. Sein Bachelor-Studium hat er inzwischen abgeschlossen. Er arbeitet jetzt selbstständig als Fitnesstrainer in Konstanz. „Ich wünsche ihm das Beste“, sagt er. „Wir wissen, wie hart Gefängnisse in Russland sind. Mit Deutschland ist das nicht zu vergleichen.“ Björn bleibt optimistisch, dass Nawalny die Haftzeit überstehen wird und hofft auf ein Wiedersehen: „Man siehst sich zwei Mal im Leben.“