Literatur

Zukunftsmusik zur Zeitenwende

Ein Tag in einer UdSSR-Kommunalka: Katerina Poladjans bewegender Roman ‚Zukunftsmusik‘

Katerina Poladjan
"Es ist nicht so, dass ich unglücklich bin. Es ist nur so, dass ich nicht glücklich bin." Katerina Poladjan

Warum hat der Roman den Titel „Zukunftsmusik“ erhalten? Nichts riecht darin nach Zukunft, das meiste nach Verzweiflung.

Katerina Poladjan, die ihren vierten Roman vorlegt hat, wurde 1971 in Moskau geboren. Als Kind kam sie mit ihren Eltern in die Bundesrepublik. Wie bei vielen migrantischen Schriftstellern ist die Herkunft ein poetischer Ort, der literarisch aufgesucht wird. In ihrem Roman „Hier sind Löwen“ von 2019, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, blickt sie mit den Augen ihrer Hauptfigur, einer Buchrestauratorin, auf die Geschichte Armeniens im 20. Jahrhundert.

Der Roman erzählt vom Massaker an den Armeniern und schlägt den Bogen zum modernen Armenien. Dreh- und Angelpunkt ist die Bibel einer armenischen Familie. Sie wird der Restauratorin anvertraut, die darin eine Botschaft findet, die das Erzählen in Bewegung setzt. Es geht um Exil, ums Verlorengehen und den Schmerz noch Generationen danach.

Vielleicht war der Stoff etwas umfangreich gegriffen, so dass er – jedenfalls in meiner Erinnerung – die Mitte des Romans verwischte. Dies ist nun in ihrem neuen Roman „Zukunftsmusik“ ganz anders.

11. März 1985: Was damals geschah

Die Autorin beschränkt die Handlungszeit auf einen einzigen Tag: auf den 11. März 1985. Ein Tag, der in der Geschichte Russlands ein historischer werden sollte. Um keinen vordergründigen politischen Topos zu schaffen, dem im Roman dann nicht auszuweichen gewesen wäre, bleiben die späteren Folgen dieses Tags unerwähnt.

Nur so viel wird gesagt: „Zur Mitte der Nachtschicht war der Vorarbeiter vor die Belegschaft getreten, er hatte ein Transistorradio in die Höhe gehalten, aus dem Chopins Trauermarsch schepperte. Ihr wisst, was das bedeutet, hatte er gerufen und verkündet, das sei kein Grund zu verzagen, mehr denn je brauche die Sowjetunion jetzt Licht.“

Vielleicht ein prophetischer Satz, denn am 11. März 1985, einen Tag nach dem Tod des letzten Parteiführers, kam ein neuer ins Amt: Michail Gorbatschow. Dessen spätere Politik der Perestroika hat der ganzen Welt zu einem neuen Anfang verholfen. Aber „Zukunftsmusik“ ist kein Roman über Gorbatschow. Sein Name fällt nicht ein einziges Mal.

Hauptpersonen sind drei Frauen verschiedener Generationen: Großmutter Warwarja, Mutter Maria und Tochter Janka mit ihrer fast dreijährigen Kruschka. Sie leben tausende Kilometer von Moskau entfernt in einer Stadt im Osten, die im Roman keinen Namen trägt. Sie leben in einer Kommunalka, einem Gemeinschaftsquartier, in dem jede Familie nur über ein kleines Zimmer verfügt. Küche und Klo müssen von allen auf der Etage gemeinsam genutzt werden. Der Ingenieur Matwej nennt einmal die Größe seines Zimmers: es sind sechseinhalb Quadratmeter.

In dieser Welt ohne Privatleben, ohne Möglichkeit zum Rückzug wird geschrien, gegen verschlossene Badtüren gepocht und sich von fremdem Essen bedient, das auf dem Herd köchelt. Marias Mann hat es in dieser Enge nicht ausgehalten und ist in die Taiga zu den Rentierzüchtern geflohen.

Nicht unglücklich, aber auch nicht glücklich

Seine zurückgebliebene Frau entwickelt Sympathien für ihren Nachbarn Matwej. Sie bewundert seine Fähigkeit, das Leben nicht weiter zu hinterfragen und die Lieder der Partei aus vollem Herzen zu singen. Matwej korrigiert sie. Er könne ein ganzes Lexikon seiner Angst schreiben.

Bei Maria ist es anders: „Wissen Sie, Matwej, es ist nicht so, dass ich unglücklich bin. Es ist nur so, dass ich nicht glücklich bin. Natürlich frage ich mich gleichzeitig, ob ich es jemals gewesen bin – ich meine glücklich, oder ob ich immer nur dachte, ich wäre glücklich, es aber gar nicht war, weil ich das Gefühl, wirklich glücklich zu sein, gar nicht kannte, verstehen Sie?“

Katerina Polodjan moralisiert nicht, sondern erzählt mit Respekt von dem, was jede Figur aus ihrem Leben macht. „Zukunftsmusik“ versucht keine post-sowjetische Anklage. Eine kleine Handlungslinie zieht sich durch das Buch: Janka will am Abend ein Konzert geben, von dem sie hofft, dass sie entdeckt wird und die enge Welt der Kommunalka verlassen kann.

In dieser Welt ist es selbstverständlich, dass an der Toilettenwand die persönlichen Klobrillen aller Mitbewohner hängen. Oder es ist selbstverständlich, dass die Großmutter sich immer wieder bei der Garderobe ihrer Tochter bedient. Nichts lässt sich vor dem anderen verstecken. Das Wort „privat“ gibt es nicht.

Diese Genauigkeit, mit der ohne moralische Entrüstung, sondern sehr sachlich vom Leben in der Gemeinschaftsunterkunft erzählt wird, ist nur eine Seite des Romans. Die andere gehört den Hoffnungen.

Erträumt: Platz für ein eigenes Leben

Jede Figur träumt ihren Traum. Es ist nicht der Traum von Moskau, den Tschechows drei Schwestern in ihren Herzen tragen, aber auch ihrer verbindet sich mit einem Ort, wo es Platz gibt für ein eigenes Leben. Als am Ende des Romans plötzlich Bewegungen das Haus erschüttern, weiß niemand, ob sein Abriss bereits begonnen hat.

Janka, die allein zurückgeblieben ist, findet in dem Durcheinander eine bisher unbekannte Tür, die zu einem Balkon und zu einer wunderschönen Landschaft führt. Ein leicht pathetisches Bild zwar, aber es entlässt den Leser mit der Hoffnung, dass das Martyrium endlich ist. Leise ist die Zukunftsmusik, die der Titel versprochen hat, zu hören.

Immer wieder sind migrantische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Deutschland mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden. Wie es überhaupt als Tatsache gilt, dass vielfach Autorinnen und Autoren, die von einer anderen Muttersprache ins Deutsche gewechselt sind, ihre neue Sprache viel intensiver ausschöpfen als ihre deutschen Kollegen.

Dafür stehen unter anderen Natascha Wodin (Preis der Leipziger Buchmesse 2017), Sascha Stanisic (Preis der Leipziger Buchmesse 2014), Terézia Mora (Preis der Leipziger Buchmesse 2005), Katja Petrowskaja (Bachmannpreis 2013), Tanja Maljartschuk (Bachmannpreis 2018), Olga Martynova (Bachmannpreis 2012). Unter den fünf Nominierten für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse hat Katerina Poladjan mit ihrem Roman „Zukunftsmusik“ erste Aussichten. Auch wenn die Buchmesse nicht in der gewohnten Form ablaufen wird, wird der Preis am 17. März 2022 vergeben. Es gilt, die Daumen zu drücken.

Katerina Poladjan

Zukunftsmusik

S. Fischer
192 Seiten
Hardcover
22 Euro
ISBN 978-3-10-397102-6
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