Belarus

Belarusische Brutalitäten

Zeugnis des Staatsterrors: Vitali Alekseenoks bewegender Bericht über „Die weißen Tage von Minsk“

Vitali Alekseenok in Minsk vor Bereitschaftspolizei
Mutig: Vitali Alekseenok kehrt der Staatsmacht den Rücken

Für Vitali Alekseenok ist es eine Frage der Identität. Die hängt manchmal an einem einzigen Buchstaben. Der belarusische Präsident schreibt seinen Nachnamen mit russischem o statt belarusischem a: Lukaschenko statt Lukaschenka. In einer Rede sagte er 2019: „Wir haben zwei staatlichen Sprachen, Russisch und Weißrussisch. Nicht ukrainisch, nicht russländisch, aber russisch, verstehen Sie? Russisch, die Sprache, der wir unsere Seele gegeben haben.“

Dieser angepasste Präsident hat sein Volk jahrzehntelang mit den Methoden der vormaligen Vormacht stranguliert, was im sogenannten Westen nicht sonderlich auffiel, weil Belarus dort ohnehin nur als Annex oder siamesischer Zwilling Russlands galt. Nicht so für Alekseenok. Nach seinem politischen Erwachen hat er sich am Bestreben der belarusischen Opposition beteiligt, die sich von der verordneten Vergangenheit lösen und in eine neue, selbstgewählte Zukunft aufbrechen wollte und will.

Sein Entsetzen über „die Eigenheiten unserer politischen Situation“ erwachte 2010, als Alekseenok erstmals wählen durfte. Damals entdeckte er, wie Lukaschenko Rivalen ausschaltete, seine Macht stärkte, Justiz, Massenmedien und damit die ganze Gesellschaft in Schach hielt.

„Mir war klar, welch hohen Preis man bezahlen musste, wenn man mit dem System in Belarus nicht einverstanden war“, schreibt er in seinem Buch über „Die weißen Tage von Minsk“. „Das Einstehen für eine oppositionelle Position konnte bedeuten, die sozialen Privilegien zu verlieren und zu einem Ausgestoßenen der Gesellschaft zu werden. Es konnte aber auch Gefängnis, Exil oder im schlimmsten Fall den Tod bedeuten. Meinungsverschiedenheiten wurden unterdrückt, so lange und systematisch, bis jede Quelle einer oppositionellen Position ihre Vitalität völlig verlor.“

Erst verschwindet die Sprache, dann der Mensch

Ein Symbol für die fortgesetzte Unterdrückung sieht Alekseenok im erzwungenen Verschwinden der belarusischen Sprache. Zu seinen Schulzeiten haben sich seine Landsleute dafür geschämt. Diese Sprache wurde an Schulen immer seltener gelehrt. Schließlich sollten sich die Proletarier aller Länder vereinen – unterm Dach der Sowjetunion. Entstanden sei die Trasianka, eine Mischung aus Russisch und Belarusisch.

Indem Lukaschenko die Zügel anzog, habe er, so Alekseenok „die Rückkehr der Ängste und die Größe unseres belarusischen Minderwertigkeitskomplexes“ bemerkt, „gegen den ich in der Jugend kämpfen musste“. Es sei immer schwerer gefallen, „mit aufgeknöpften Seelen und ohne einen Hut der Ironie unsere Häuser zu verlassen, wenn auf der Straße ständig die Kälte des Totalitarismus herrscht“.

Geschämt habe er sich auch für die Kultur und eine belarusische Identität. Bis er merkte, dass man das alles erhalten müsse, um später in eine Welt mit offenen Grenzen übertreten zu können, „ohne uns selbst dabei zu verlieren“.

Im Interview mit KARENINA sagt er, Belarus müsse sich vom postsowjetischen Erbe lösen. In Deutschland, wo er seit 2015 lebt, hat der Dirigent sich deshalb mit der belarusischen Kultur und Geschichte beschäftigt. Das hat sein Engagement für die Oppositionsbewegung ge- und verstärkt. Wobei ihm sehr bewusst ist, dass sich zu den Opponenten auch Anhänger Putins gesellen.

Der Dirigent reist nach Minsk

Klar, dass er im August 2020, wenige Tage vor den Wahlen in Belarus, nach Minsk fliegen musste, um die Opposition zu stärken. Er blieb länger als geplant, nachdem Lukaschenko die Ergebnisse hat manipulieren und Oppositionelle massenhaft einsperren lassen. Alekseenok hatte gesehen, wie seine eigene Stimme in der Wahlkabine geklaut werden sollte. Und nun sah er, wie die „Banditen der Macht“, die Bereitschaftspolizei, „die Menschen von den Straßen einfach wegraubten“.

Er erfuhr von den Zuständen in überfüllten Gefängnissen, willkürlichen Prügeleien und sexuellem Missbrauch (an Männern, denen hinten die Hosen weggeschnitten waren). Er sah die Plakate: „Hört auf, die Menschen zu verkrüppeln und zu töten.“ Aber sie hörten nicht auf.

Also demonstrierte er mit anderen auf der Puschkinskaja, wo Unbekannte in Uniform Aliaksandr Tarajkoŭski (34) erschossen, man muss sagen: hingerichtet hatten. Er trug zur Hauptverkehrszeit ein Plakat über eine Hauptverkehrsstraße. Er dirigierte vor der Philharmonie, ein T-shirt mit der Abbildung von Soutines „Eva“ auf dem Leib, die Uraufführung das Werk „Sommer am Ufer der Freiheit“ von Andrej Chadanovič (Text) und Volha Padhajskaja (Musik). Er sang mit den Musikern die Hymne, die vor Lukaschenko gegolten hatte. Und er beteiligte sich an Flashmobs des Freien Chors, der, alle maskiert, in Einkaufspassagen sang, wieder verschwand und an anderer Stelle erneut auftrag.

Wir glauben, wir können, wir gewinnen

Das waren die „weißen Tage von Minsk“. Alekseenok konnte nicht zurückfliegen nach Deutschland. Er musste bleiben. Er glaubt an den Slogan der Maryja Kaliesnikava, Swetlana Tichanowskaja, Waleri und Veronika Zepkala und der Anhänger der Opposition: „Wir glauben, wir können, wir gewinnen.“

Schließlich doch zurückgekehrt nach Berlin, hat Alekseenok den Satz aufgeschrieben: „Die Transformation unserer Gesellschaft kann vielleicht verlangsamt, aber sie kann nicht verhindert werden.“

Vitali Alekseenok hat ein eindringliches Zeugnis abgelegt über der Staatsterror in Belarus. Und er hat ein glaubhaftes Plädoyer für den Wert von kultureller Identität abgeliefert. Offenbar sind ihm Identitäten in jeder Hinsicht von Bedeutung, er spricht, wo üblich, das Sternchen stolperfrei mit.

Leider gibt es beim Lesen des Buchs auf jeder Seite Stolperfallen wie diese auf Seite 150:

Da die_der Diri-
gent_in die_der einzige offensichtliche Teilnehmer_in war…

Derartige Verheerungen der Sprache müssen Lesende heute anscheinend ergeben ertragen. Aber das ist natürlich nichts im Vergleich zu den Zumutungen, mit denen die Menschen in Belarus zurechtkommen müssen.

Vitali Alekseenok

Die weißen Tage von Minsk
Unser Traum von einem freien Belarus

S. Fischer
192 Seiten
Hardcover
18,00 Euro
ISBN 978-3-10-397098-2
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