Holodomor

Holodomor: Stalins Hungeropfer

Die Hungerkatastrophe der 1930er-Jahre spaltet Ukrainer und Russen mehr denn je

von Tanja Penter
Holodomor Gedenkstätte Kiew
Holodomor-Gedenkstätte in Kiew: Für die Ukrainer war die "Tötung durch Hunger" ein Genozid, in Russland spielen die Hungeropfer in der Erinnerungskultur kaum eine Rolle.

Der Techniker Alfred Kempin, der für seine Düsseldorfer Firma in der damaligen ukrainischen Hauptstadt Charkiw eingesetzt war, berichtete nach seiner Rückkehr 1933 an seine Vorgesetzten: „Tote und Sterbende konnte man jetzt zu jeder Tageszeit und an allen Enden der Stadt sehen. Es war grauenhaft. Männer, Frauen und Kinder lagen am Straßenrand mit geschwollenen Händen und Füssen und bis zum Skelett abgemagerten Körpern. Weinend und klagend baten sie um ein Stück Brot. (...) Bei Einbruch der Dämmerung und in den Nächten wurden in großen Lastwagen alle Toten zusammengesucht. Sie alle zu beerdigen, war unmöglich. In großen Massengräbern, an Schluchten und Abhängen wurden Autos ihrer traurigen Last entledigt. (...) Trotz diesen grauenhaften Zuständen war Militär und GPU [die sowjetische Geheimpolizei] in allen Dörfern mit Haussuchungen nach Getreide und Mehl bei den Ärmsten beschäftigt. Mit entsichertem Gewehr oder Revolver wurde auch das letzte Korn geraubt.“

Kempin schilderte hier die Hungersnot der Jahre 1932/1933 unter Stalin, die zu den großen Katastrophen der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert und zu den größten Einzelverbrechen des Stalinismus zählt. Ihre Geschichte ist in einer breiteren europäischen Öffentlichkeit noch immer kaum bekannt.

Die Hungersnot steht auch beispielhaft dafür, wie sehr sich nationale Geschichtsschreibungen und Erinnerungskulturen in der Ukraine und Russland nach dem Ende der Sowjetunion auseinanderentwickelt haben. Für die Ukrainer gilt die Hungersnot, die im Ukrainischen als „Holodomor“ (Tötung durch Hunger) bezeichnet wird, als ein gezielter Genozid Stalins am ukrainischen Volk. In Russland, das ebenfalls von der Hungerkatastrophe betroffen war, wird dies anders gesehen, und die Hungeropfer spielen in der Erinnerungskultur kaum eine Rolle.

Weitgehend einig ist sich die Forschung heute darüber, dass die Hungersnot, die in der gesamten Sowjetunion 6 bis 8 Millionen Opfer forderte, nicht durch natürliche Faktoren verursacht wurde, sondern menschengemacht war. Ihre wichtigste Ursache lag in der brutalen Politik der staatlichen Getreiderequisitionen im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft.

Stalins „Revolution von oben“

Die von Stalin Ende der 1920er-Jahre eingeleitete „Revolution von oben“ zielte darauf ab, die Sowjetunion durch forcierte Industrialisierung, Zwangskollektivierung und die Verfolgung von vermeintlichen Feinden möglichst schnell in einen modernen Industriestaat zu verwandeln und zugleich die eigene Macht zu festigen. Im Zuge einer Kampagne zur „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ wurden Hunderttausende nicht nur wohlhabendere Bauern, sondern alle, die Widerstand gegen die Kollektivierung leisteten, in entlegene Gebiete Sibiriens und Zentralasiens zwangsverschleppt.

Unter den ukrainischen Bauern, aber nicht nur dort stießen die Maßnahmen auf starken Widerstand, so dass es zu zahlreichen Aufständen kam. Um gegen Stalins Politik aufzubegehren, schlachteten Bauern ihr eigenes Vieh ab, zerstörten ihre Arbeitsgeräte und verübten Anschläge auf Parteifunktionäre. Als die Ernteerträge in der Folge, auch durch zwei Missernten, stark zurückgingen, wurden die Ablieferungsquoten für die Bauern nicht gesenkt, sondern wurde der Einsatz von Gewalt bei den Beschlagnahmungen durch bewaffnete Brigaden erhöht.

Diesen überzeugten Aktivisten gehörte in jungen Jahren auch Lew Kopelew an, der sich später voller Scham erinnerte, dass er die Dörfer systematisch auf der Suche nach versteckten Lebensmitteln durchkämmt und den Bauern das letzte Getreide weggenommen hatte, während er Menschen an Hunger sterben sah. Er war damals tief davon überzeugt, zur „großen und notwendigen Transformation der Landgebiete“ beizutragen, die den sowjetischen Bauern in der Zukunft bessere Lebensbedingungen bescheren sollte.

Um den Widerstand der Bauern zu brechen, erließ der Staat repressive Gesetze, die den „Getreidediebstahl“ von Hungernden mit drakonischen Maßnahmen bestraften. Dörfer, die ihr Soll nicht erfüllten, wurden auf „schwarze Listen“ gesetzt, vollständig von sämtlichen Warenlieferungen abgeschnitten und somit dem Verhungern ausgeliefert.

Durch die Einführung eines strengen Passregimes sollte die Flucht hungernder Bauern in die besser versorgten Städte unterbunden werden. Als aus einigen Dörfern Fälle von Kannibalismus gemeldet wurden, schickte man Vertreter der Geheimpolizei, um sie zu untersuchen und die Schuldigen zu verurteilen.

Die Ukraine trug die Hauptlast

Zur Linderung des Hungers wurden keine Maßnahmen ergriffen. Die Sowjetunion exportierte sogar weiterhin große Mengen an Getreide ins Ausland, um die Industrialisierung zu finanzieren, und leugnete gegenüber dem Ausland die Existenz einer Hungerkatastrophe, die das Land Millionen von Opfern kostete.

Den zahlenmäßig größten Anteil an den Hungertoten hatte mit 3,5 Millionen die Ukraine zu tragen, vor allem die ukrainischen Bauern, weniger die Stadtbewohner. Innerhalb der Ukraine gab es regionale Unterschiede: Am höchsten war die Sterblichkeitsrate in den zentralen Waldsteppenregionen Kiew und Charkiw, am niedrigsten war sie in der Industrieregion des Donbass, die als Vorzeigeregion der stalinistischen Industrialisierung selbst in den Hungerjahren die höchsten Lebensmittelrationen erhielt.

Auch in anderen Teilen der Sowjetunion verhungerten Menschen: In Kasachstan, wo die Hungersnot im Zusammenhang mit der zwangsweisen Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden stand, zählte man 1,5 Millionen Hungertote, etwa ein Drittel der Bevölkerung. In der damaligen russischen Sowjetrepublik waren insbesondere das Don- und Kuban-Gebiet im nördlichen Kaukasus sowie die Regionen an der mittleren und unteren Wolga, vor allem die Autonome Republik der Wolgadeutschen, von der Hungersnot betroffen. Neuste Forschungen gehen hier ebenfalls von weit mehr als zwei Millionen Hungertoten aus, unter ihnen auch zahlreiche ethnische Ukrainer.

In der russischen Sowjetrepublik stellte das Hungersterben ein regional begrenztes Phänomen der wichtigsten Getreideanbauregionen dar, während es in der Ukraine flächendeckend war. In der Ukraine fiel die Hungersnot zudem zeitlich mit Säuberungsaktionen der sowjetischen Geheimpolizei gegen ukrainische Eliten in Politik, Wissenschaft, Kirche und Kultur zusammen, was Vermutungen nahelegt, dass Stalin die Hungersnot gezielt als Waffe gegen die gesamte ukrainische Bevölkerung einsetzte, um ihren Widerstand zu brechen. Nichtrussen, vor allem Ukrainer und Kasachen, stellten insgesamt den überwiegenden Anteil der Hungeropfer.

Propaganda mit dem Holodomor

Jahrzehntelang durfte in der Sowjetunion über die Opfer der Hungersnot nicht gesprochen werden. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass eine erste Thematisierung der Hungersnot als Verbrechen Stalins unter deutscher Besatzungsherrschaft in der Ukraine stattfand.

Die Nationalsozialisten instrumentalisierten sie in ihrer Propaganda für die ukrainische Bevölkerung und beförderten sogar eine wissenschaftliche Untersuchung. Sie taten dies auch, um ihre eigene Hungerpolitik, die erneut Tausende von Menschen das Leben kostete, zu verschleiern. Diese Instrumentalisierung des Holodomor durch die Nazis hatte später eine Nachgeschichte im Kalten Krieg, als die Geschichte der Hungersnot zum Spielball der Systemkonkurrenz wurde.

In der Sowjetunion konnte eine offene Diskussion über die Hungertoten erst in der Perestroika-Zeit beginnen. Nach 1991 entwickelte sich die Erinnerung an die Holodomor-Opfer dann in der unabhängigen Ukraine zum zentralen Bestandteil der ukrainischen Nationsbildung. An vielen Orten der Ukraine wurden in den folgenden Jahren Denkmäler für die Opfer der Hungersnot errichtet, in der Hauptstadt Kiew sogar ein großer Gedenkkomplex.

Ukrainische Historiker und Politiker bemühten sich um eine Anerkennung des Holodomor als Genozid und nannten ihn nicht selten in einem Atemzug mit dem Holocaust. Unter Präsident Wiktor Juschtschenko wurde die Hungersnot 2006 per Parlamentsbeschluss zum Völkermord am ukrainischen Volk erklärt und seine Leugnung unter Strafe gestellt.

Seither versucht die Ukraine, diese Anerkennung auch international durchzusetzen und die Hungeropfer stärker in die europäische und globale Erinnerungskultur gegenüber den Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts einzuschreiben. Unter internationalen Wissenschaftlern ist die Genozid-These zwar bis heute umstritten, es besteht aber ein breiter Konsens, dass es sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelte.

Bedenkenswerte Neuansätze boten in letzter Zeit Arbeiten zur Entstehungsgeschichte der Uno-Genozid-Konvention von 1948, die ihre Instrumentalisierung inmitten der ideologischen Kämpfe des beginnenden Kalten Kriegs aufzeigten.

Im Unterschied zur Ukraine besitzt die Erinnerung an die Opfer der Hungersnot in der russischen Erinnerungskultur heute kaum Bedeutung. Russische Historiker verstehen die Hungertoten häufig nicht als Opfer einer verbrecherischen Politik Stalins, sondern als Kollateralschäden der forcierten Kollektivierung und Industrialisierung, die sich später als entscheidend erwies, um den sowjetischen Sieg gegen NS-Deutschland im Zweiten Weltkrieg herbeizuführen.

Russische Politiker kritisierten mehrfach, dass die ukrainische Deutung der Hungersnot darauf abziele, Russland die Verantwortung dafür zuzuweisen und dadurch Feindschaft zwischen den zwei Völkern zu säen. In diesen Tagen hat der russische Bildungsminister Sergei Krawtsow die Untersuchung ukrainischer Schulbücher angeordnet, die angeblich die Geschichte verzerrten und Russland als „potenziellen ersten Feind der Ukraine“ darstellten.

Nach dem Ende der Sowjetunion ist es den Nachfolgestaaten nicht gelungen, integrierende Narrative über zentrale Ereignisse ihrer Geschichte des 20. Jahrhunderts zu entwickeln. Die erschreckende Sprengkraft der konkurrierenden Geschichtsbilder wurde seit 2014 zunehmend sichtbar und hat mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine eine neue Eskalationsstufe erreicht. Dabei hätten die Ukraine und Russland die Möglichkeit gehabt, in der gemeinsamen Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit und im gemeinsamen Gedenken an ihre Opfer Aussöhnung und Verständigung zu befördern.

Seitdem unter Präsident Putin die Verehrung Stalins in Russland wieder in den Vordergrund und die Aufarbeitung seiner Verbrechen in den Hintergrund gerückt ist, wurde dies immer schwieriger. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat diese Chance nun auf lange Sicht zunichtegemacht.

Heute erheben ukrainische Politiker erneut den Vorwurf des Völkermords gegen Russland und prangern die massiven Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung an. Während 1932/1933 aufgrund der sowjetischen Geheimhaltungspolitik nur wenige Berichte über die Hungerkatastrophe die Weltöffentlichkeit erreichten, wird diese heute über die Medienberichte unmittelbar Zeuge der Verbrechen.

Tanja Penter ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Heidelberg und Mitglied der Deutsch-Ukrainischen sowie der Deutsch-Russischen Historikerkommission. Ihr Beitrag ist zuerst erschienen in: Neue Zürcher Zeitung.