Runet

Runet: Souverän, aber nicht frei

Runet, das russische Internet, feiert Geburtstag. Eine gemischte Bilanz

von Alexander Frese
Internet Russland .ru

Am 7. April feiert das „Runet“ Geburtstag. Der Begriff ist die Kurzform für „russisches Internet“. Doch ist eine nationale Bezeichnung nicht zutiefst paradox für eine Technologie, deren weltumspannende Natur in der Bezeichnung World Wide Web als Anspruch formuliert, und tatsächlich zu einem weltweit bekannten Namen und allgegenwärtigen Adressenbestandteil dieser neuen Technologie geworden ist? Und hat man je von einem „Denet“ oder einem anderweitig national apostrophierten Internet gehört? Das Runet – die Bezeichnung wurde angeblich 1996 von dem Aseri Raf Aslanbeily in Tel Aviv geprägt – ist tatsächlich ein begriffliches Unikum.

25 Jahre später hat dieses Runet ein stürmisches Wachstum hinter sich. Russischsprachige Inhalte stehen nach einer Statistik unter den 10 Millionen beliebtesten Webseiten mit mehr als 8 Prozent hinter den alles dominierenden englischen Inhalten (mehr als 60 Prozent) an zweiter Stelle – und das, obwohl russischsprachige Internetnutzer nur etwa 2,5 Prozent der globalen Internetnutzer ausmachen. Aber auch das ist seit 2000 eine Steigerung um mehr als 3 650 Prozent und schon seit zehn Jahren repräsentieren russische Internetnutzer den größten europäischen Online-Markt.

In diesem sprachlich definierten russische Internet wird seit 2004 vom Russischen Verband für elektronische Kommunikation jährlich in inzwischen 13 Kategorien ein Runet-Preis vergeben, als „Nationaler Preis für einen Beitrag zur Entwicklung des russischen Segments im Internet“. All das scheinen Indikatoren eines überaus gesunden Runet zu sein.

Der am 7. April begangene „Geburtstag“ des Runet verweist aber auf ein zweites großes Feld, das das Internet in nationale Kontexte stellt: die länderspezifischen Top-Level-Domains und damit – im weiteren Sinne – auch die rechtlichen und infrastrukturellen nationalen Rahmenbedingungen des Internets. Die Domain .ru wurde am 7. April 1994 als die Top-Level-Domain Russlands registriert und schuf damit einen russischen Raum im Internet, verwaltet vom „Russischen Forschungsinstitut für die Entwicklung von öffentlichen Netzen“ (RosNIIROS). Dieses Runet feiert heute also seinen 26. Geburtstag.

Eigentlich sollte es die 1990 geschaffene Domain .su ersetzen. Doch im Gegensatz zum Staat Sowjetunion hat ihre Domain bis heute überlebt und seit 2002 können sogar neue Seiten unter .su angelegt werden. Und seit 2010 steht gleichberechtigt als zweite nationale Domain neben .ru auch .рф, die kyrillische Abkürzung für Russische Föderation.

Die dunkle Seite des Internets

Wenn man mit dem Begriff Runet schließlich auch die rechtlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen des Internets in Russland in den Blick nimmt, erscheint die Bilanz des russischen Internets, dessen Aufschwung parallel verlief mit dem Abschwung des Sowjetsozialismus, sehr gemischt. Zwar wachsen die Infrastrukturen des Internets in Russland immer weiter, doch die Technologie Internet erscheint gerade hier in ihrer ganzen Ambivalenz: nicht nur als Medium der Demokratisierung und Wissensgesellschaft – solche Erwartungen knüpften sich gerade in den frühen Jahren die Entwicklung des Internets – sondern auch als Medium der Manipulation, geheimdienstlicher Überwachungsfantasien und Ort staatlicher Repressionen.

Diese dunklen Seiten hat gerade auch das russische Internet in letzter Zeit zunehmend entwickelt. Im Namen der nationalen Sicherheit trat im November 2019 das „Gesetz für das souveräne Internet“ in Kraft, welches das russische Internet in seiner Infrastruktur vom Ausland unabhängig und autonom machen soll.

Russische Internetprovider sollen zudem den Internetverkehr mit der Aufsichtsbehörde für Telekommunikation und russische Medien (Roskomnadsor) und dem Inlandsgeheimdienst FSB kontrollieren. Zusammen mit zahlreichen strafbewehrten Einschränkungen und repressiven Maßnahmen hat das russische Internet seinen einstmals geradezu anarchisch freien Charakter verloren und wird von Freedom House schon seit einiger Zeit als „nicht frei“ klassifiziert. Verglichen mit anderen medialen Sphären bleibt das Runet trotz aller Probleme dennoch ein bevorzugter und sehr lebendiger Ort der russischen Gesellschaft.