Raumfahrt

Die letzte Reise der Mir

Nach fast 15 Jahren stürzte die Raumstation „Mir“ am 23. März 2001 kontrolliert in den Pazifik

von Alexander Frese
Raumstation Mir
Russlands Raumstation "Mir" im Januar 1998, aufgenommen von Space Shuttle STS-89

Das Schauspiel begann um halb vier Uhr morgens Moskauer Zeit: Die erste Zündung der Raketentriebwerke eines angedockten Raumtransporters bremste die Raumstation „Mir“ aus ihrer Laufbahn ab und beförderte sie in einen Sinkflug, der sie von 400 zunächst bis auf 220 Kilometer Höhe herabführte – den „point of no return“. In den nächsten fünf Stunden folgten zwei weitere bremsende Raketenimpulse, der letzte mehr als 20 Minuten lang. Dann ging alles sehr schnell. Die noch mehr als 100 Kilometer über der Erde fliegende Raumstation nahm durch die zunehmend dichte Atmosphäre immer größere Schäden, bei 100 Kilometern begannen die Sonnensegel zu verglühen, auf 80 Kilometern Höhe rissen die Außenbatterien ab und 60 Kilometer über der Erde zerbarst die stolze Raumstation in verschiedene, am Himmel hell verglühende Teile. Die verbliebenen Überreste stürzten östlich von Neuseeland in den Südpazifik, dem vorausberechneten Endpunkt der letzten Reise der „Mir“. Es war der 23. März 2001, neun Uhr Moskauer Zeit – heute vor genau 20 Jahren.

Mehr als 86 300 Weltumrundungen und fast genau 15 Jahre zuvor, am 19. Februar 1986, hatte die Laufbahn des bis dahin größten Raumschiffs mit dem Start des Hauptmoduls begonnen. Im Kontext des damaligen Kalten Kriegs war der Start der Raumstation auch ein wichtiges Signal im Wettlauf der Supermächte im Weltraum. Es war vermutlich nicht gänzlich zufällig, dass nur wenige Tage nach dem im sowjetischen Fernsehen übertragenen Start der 27. Parteitag der KPdSU begann. So konnte Gorbatschow, gestärkt durch den weithin als großen Erfolg wahrgenommenen Start der „Mir“, den ersten von ihm geführten Parteitag eröffnen.

Die Mir überlebte die Sowjetunion

Die Raumstation war eigentlich nur auf eine Lebenszeit von fünf Jahren ausgelegt. Tatsächlich aber war es die Sowjetunion, die nur noch fünf Jahre Lebenszeit hatte. Gorbatschows Liberalisierungspolitik ließ den Vielvölkerstaat auseinanderfallen, während die „Mir“ über die Jahre um immer neue Module wuchs und zu einem Meilenstein auch der internationalen Raumfahrt wurde. Zehn Jahre später bestand sie aus insgesamt sieben Modulen und war durch zahlreiche Kooperationen zu einem Symbol der wissenschaftlichen Zusammenarbeit im Weltraum geworden – zumal sie über den gesamten Zeitraum die einzige Raumstation blieb.

In der „Mir“ arbeiteten und lebten gleichzeitig in der Regel drei, kurzzeitig auch bis zu sechs Kosmonauten. Insgesamt reisten in der fünfzehnjährigen Geschichte der Raumstation 137 Personen per „Sojus“, „Progress“ und von den 1990er-Jahren an auch „Space Shuttle“-Raumschiffen zur „Mir“. Auch dank verschiedener internationaler Kooperationsprogramme – vom noch sowjetische „Interkosmos“-Programm über die „Euromir“-Kooperation mit der ESA bis hin zum „Shuttle-Mir“-Projekt mit der NASA – vertraten diese Gäste nicht nur die Menschheit, sondern auch zwölf verschiedene Länder. Ihrem Namen, der wahlweise mit „Welt“ und „Frieden“ übersetzt werden kann, machte die „Mir“ auch so alle Ehre.

Defekte und Unfälle häuften sich

Doch nach zehn Jahren fast ununterbrochener Bewohnung und Benutzung begann die Raumstation zunehmend Verschleißerscheinungen zu zeigen. Defekte und Unfälle häuften sich, und eine Kollision mit einem Versorgungstransporter im Jahr 1997 beschädigte die Station so schwer, dass zunächst nicht klar war, ob man sie weiter nutzen können würde. Zugleich nahmen die Planungen für eine internationale Raumstation Gestalt an, und Ende 1998 wurde das erste Modul der neuen ISS in den Orbit gebracht.

Der von der Schocktherapie der frühen 1990er-Jahre wirtschaftlich schwer gebeutelte russische Staat litt zunehmend auch an Finanzierungsschwierigkeiten für die komplexe und teure Raumstation. Im Jahr 2000 wurde sie dann nolens volens aufgegeben. Die letzte Besatzung verließ die „Mir“ am 4. April 2000.

Der Wert der vielen Tausend Experimente auf der „Mir“ war von unschätzbarem Wert – gerade auch für die Untersuchung von Langzeitaufenthalten im Weltraum. Ohne die Mir hätte es wohl kaum die heutige ISS geben können. Und selbst in letzterer lebt die sowjetisch-russische Raumstation in gewisser Weise weiter: Ihr Nachfolgeprojekt, zunächst als Mir-2 vorgesehen und ebenfalls dem Rotstift der 1990er-Jahre zum Opfer gefallen, wurde modifiziert zu dem aus fünf Modulen bestehende russische Segment in der ISS.