Leningrad

Das leise Sterben in Leningrad

8. September 1941: Der erste von 900 Tagen der Blockade von Leningrad

von Alexander Frese
Schwer getroffen: Leningrader verlassen am 10. Dezember 1942 ihre von Deutschen bombardierten Häuser.

Es war Montag, der 8. September 1941, als die Schlinge sich schloss – und eines der schlimmsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs nahm seinen Lauf.  Während aber viele der zahllosen Verbrechen im deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion von vergleichsweise kurzer zeitlicher Dauer waren – so war das Massaker von Babi Jar mit der Ermordung von fast 34 000 Juden schon nach zwei Tagen am 30. September 1941 grausige Geschichte – zog sich die Tragödie von Leningrad über fast 900 quälende Tage hin. Es war die bewusste und planmäßige Aushungerung einer Millionenstadt.

Nach dem Überfall vom 22. Juni 1941 bewegten sich deutsche Truppen auch in Richtung der nördlichen Sowjetmetropole mit großer Geschwindigkeit. Schon Ende August wurde die letzte Bahnverbindung nach Leningrad unterbrochen. Mit der der Eroberung von Schlüsselburg am 8. September schlossen deutsche Truppen die letzte Landverbindung zwischen Leningrad und sowjetisch kontrolliertem Territorium ab.

Nördlich von Leningrad eroberten zugleich finnische Truppen das erst 1940 nach dem sowjetischen Angriff im sogenannten Winterkrieg verlorene Territorium zurück, bleiben aber entlang des früheren Grenzverlaufs nördlich von Leningrad stehen. Dort bildeten sie die nördliche Begrenzung des Blockaderings. So konnte die Stadt nur noch von Osten her über den Ladogasee erreicht und versorgt werden.

Die deutschen Panzerkräfte setzten aber nicht zur Eroberung von Leningrad an, sondern wurden zum weiteren Vormarsch Richtung Moskau abkommandiert. Auch der sowjetischen Hauptstadt war das gleiche Schicksal zugedacht wie Leningrad – die vollständige Zerstörung.

Frühere Evakuierungsmaßnahmen hätten die Lage der Stadt – in die seit Kriegsbeginn zusätzlich über 300 000 Flüchtlinge geströmt waren – abmildern können, begannen aber spät, waren nicht gut organisiert und konnten so nur einen kleinen Teil der zu evakuierenden Bevölkerung aus der Stadt bringen. Etwa zweieinhalb Millionen Menschen waren noch in der Stadt, als die Bahnverbindung nach außen gekappt wurde und der Belagerungsring sich schloss.

Hunger, Morde, Kannibalismus

Unter ständigem deutschem Beschuss mussten die Zurückgebliebenen mit den rasch dahinschmelzenden Nahrungsreserven der Stadt auskommen. Die Rationen wurden zwischen Oktober und November 1941 mehrfach einschneidend gekürzt; zudem zerstörten schwere Bombenangriffe im November 1941 große verbliebene Versorgungsdepots. Auch die Öl- und Kohlereserven waren aufgebraucht.

Schon sehr bald breitete sich Unterernährung aus, und nur wenig später stiegen die monatlichen Todeszahlen in der Stadt sprunghaft an. Im Dezember fielen täglich bereits 5 000 Menschen dem immer schlimmeren Hunger zum Opfer. Die völlig entkräfteten Menschen starben in den eisigen Wohnungen, aber auf ihrem Weg durch die Stadt kollabierten unzählige Menschen.

Man aß alles, was irgendwie essbar schien. Auch zivilisatorische Normen wurden unter dem Hunger brüchig. Um an Lebensmittelkarten zu kommen, wurden Mitbürger ermordet; Fälle von Kannibalismus wurden bekannt.

Das alles sollte so sein – es war eine von den Deutschen absichtsvoll herbeigeführte Katastrophe. Das Oberkommando hatte sich im September 1941 gegen eine Eroberung der Stadt ausgesprochen, weil mit der Besetzung auch die Pflicht zur Versorgung der Stadt einhergegangen wäre. Hitler erklärte am 22. September in einer Weisung, die Stadt solle „ausradiert“ werden und verbot wenig später, eine etwaige Kapitulation der Stadt anzunehmen.

Leningrad sollte mitsamt seinen Bewohnern – auch ohne eine direkte Eroberung – vollständig vernichtet werden. Der Hungertod der Bevölkerung war kein (grausames) Mittel zum (militärischen) Zweck, sondern das eigentliche Ziel. Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg zeigte sich hier in Reinform.

Mehr als eine Million Tote

Insgesamt fielen der Blockade nach fast zweieinhalb Jahren etwa 1,1 Millionen Menschen zum Opfer, bevor die Belagerung im Januar 1944 durchbrochen werden konnte. Sie erlagen ihrer Entkräftung, der Kälte, Krankheit, dem ständigen Artilleriebeschuss und Bombardierungen.

Keine andere Stadt hat im Zweiten Weltkrieg einen solchen Blutzoll leisten müssen. Dass Leningrad überhaupt überleben konnte, lag an der „Straße des Lebens“ – so wurde die Nachschub- und Evakuierungsroute über den Ladogasee genannt. Zunächst mit Lastkähnen, im Winter dann über eine Eisstraße, die über den gefrorenen See führte, konnten unter großem Risiko und ständigen deutschen Angriffen wachsende Mengen dringend benötigter Versorgung in die Stadt gebracht und gleichzeitig weiter evakuiert werden. Im folgenden Winter 1942/43 wurde sogar der Bau einer Bahnstrecke über den vereisten See begonnen.

Die öffentliche Erinnerung an die Blockadezeit wurde in der Sowjetunion schon bald von ideologischen Vorgaben geprägt, die den Ereignissen einen verpflichtend „heldenhaften“ Charakter geben sollten – auch wenn der Gegenstand der Erinnerung weniger eine heroische Schlacht war, sondern vor allem das langsame und leise Sterben von Tausenden, Zehntausenden und Hunderttausenden.

Das Ende der sowjetischen Zensur hat ein sehr viel differenziertes Bild zutage gebracht, auch dank einer großen Zahl an Tagebüchern, welche die damaligen Bewohnern Leningrads während der Blockadejahre führten. Heute geben viele Petersburger mit Beiträgen zur Lokalgeschichte des belagerten Leningrads dem Gedenken und der Erinnerung an die Blockadezeit auch ein sehr persönliches Gesicht und rekonstruieren die Geschichte der Blockade aus ungezählten kleinen Geschichten einzelner Straßen, Häuser und – natürlich – ihrer individuellen Bewohner.

So wie sich das Leiden und Sterben den unmittelbaren Blicken der deutschen Belagerer weitgehend entzog, so hat auch die (west)deutsche Öffentlichkeit in den Nachkriegsjahrzehnten es mehrheitlich vorgezogen, sich mit der Blockade Leningrads nicht kritisch auseinanderzusetzen. In Erinnerungen von beteiligten Militärs wurde die Blockade zudem als eine im Krieg normale Aktion dargestellt. In der DDR blieb hingegen die sowjetische Darstellung der Blockade maßgeblich.

In der deutschen Geschichtswissenschaft dominierte lange ein rein militärhistorischer Zugang, der die intendierten Konsequenzen der Blockade und das Leben im belagerten Leningrad tendenziell ausblendete. Erst seit einigen Jahren geraten die Folgen der Blockade für die Bevölkerung von Leningrad und ihr unmittelbarer Zusammenhang in die verbrecherischen NS-Planungen allmählich in den Fokus historischer Untersuchungen.

In der deutschen Öffentlichkeit ist die Blockade Leningrads aber weiterhin nur wenig thematisiert. So bleibt ein zentrales Element des deutschen Vernichtungskriegs – die nicht nur geplante, sondern auch erschreckend weit umgesetzte Vernichtung einer europäischen Metropole – auch heute noch eine weitgehende Leerstelle im historischen Gedächtnis.

Zum Weiterlesen:

Ales Adamowitsch, Daniil Granin: „Blockadebuch. Leningrad 1941 – 1944“. Aus dem Russischen von Ruprecht Willnow und Helmut Ettinger. Mit einem Vorwort von Ingo Schulze. Berlin: Aufbau, 2018.

Jörg Ganzenmüller: „Das belagerte Leningrad, 1941 – 1944: Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern“, Paderborn: Schöningh, 2007.

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hrsg.): „Die Leningrader Blockade. Der Krieg, die Stadt und der Tod“, Berlin 2011 [= Osteuropa 8-9/2011].