Russland plant Mehrfrontenkrieg? „Ein absurdes Szenario“

Nato warnt vor Angriffen Russlands gegen Ukraine und andere europäische Staaten. Gerhard Mangott antwortet auf t-online, 14.1.2022

von KARENINA
Russland Angriff gegen Nato?

An der Grenze zwischen der Ukraine und Russland stehen seit Monaten Soldaten – mehr als 100 000 auf beiden Seiten – und militärisches Gerät. Die Verhandlungen zwischen Russland und westlichen Organisationen und Staaten sind ergebnislos geblieben. Medien und die Nato reden über einen Krieg, der immer wahrscheinlicher werde, das Magazin Der Spiegel titelt sogar: „Nato-Insider fürchten russischen Angriff an mehreren Fronten.“ Russland könne nach deren Meinung sogar gegen Mitgliedstaaten der Nato zuschlagen.

Gerhard Mangott, Politikwissenschaftler und Professor für internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck, hält das für nicht realistisch: „Ich halte einen Mehrfrontenangriff für ein relativ absurdes Szenario“, sagte er im Interview mit t-online. „Die baltischen Staaten wird Russland nicht angreifen, weil das den Bündnisfall im nordatlantischen Bündnis auslösen würde. Das würde bedeuten, dass die Nato tatsächlich gegen russische Truppen kämpft.“ Das aber sei von beiden Seiten nicht gewollt, weil das nuklear eskalieren könnte. Es gebe auch keine Anzeichen für eine höhere Konzentration russischer Streitkräfte im Baltikum. Das gelte auch für Polen.

In Bezug auf die Ukraine geht Mangott davon aus, dass niemand Putins Pläne genau kenne, „nicht einmal die Verhandler, die die Gespräche diese Woche geführt haben“. Er rechne nicht mit einer „großflächigen Invasion der Ukraine“. Dafür seien die vielzitierten Truppen zu klein.

Mangott, einer der Erstunterzeichner des Aufrufs „Raus aus der Eskalationsspirale! Für einen Neuanfang im Verhältnis zu Russland“ gehört, kann sich allerdings „eine begrenzte militärische Operation begleitet von einer Cyberoperation gegen die kritische ukrainische Infrastruktur“ vorstellen. Auch eine Ausweitung des Separatistengebiets im Osten der Ukraine käme infrage, maximal „die Schaffung einer Landbrücke zwischen Donbass und der Krim“.

Sollte es zu einer solchen Intervention kommen, werde die Nato „militärisch gar nichts tun, auch wenn Russland die Ukraine großflächig angreifen sollte“. Es gebe den zynischen Spruch: „Die Nato wird die Ukraine bis zum letzten ukrainischen Soldaten verteidigen.“ Statt selbst Soldaten zu schicken, würde die Nato massive Wirtschaftssanktionen verhängen und die Truppenpräsenz in den osteuropäischen Mitgliedstaaten verstärken.

Gleichwohl bleibe das Risiko einer militärischen Eskalation, „wenn die Nato den Forderungen Russlands nicht entspricht“. Ginge Putin dann zur Tagesordnung über, verlöre er sein Gesicht nach innen und nach außen, so Mangott. Deshalb sieht er die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Eskalation „bei etwa 75 Prozent“.  PHK