Kriegsgefangene

Schicksale klären, Erinnerung stiften

Ein deutsch-russisches Projekt erforscht die Biografien sowjetischer und deutscher Kriegsgefangener und Internierter

von Heide Winkel, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

Sowjetische Gefangene in deutschem Gewahrsam waren eine der größten Gruppen, an denen während der Herrschaft der Nationalsozialisten systematisch Verbrechen verübt wurden. Mehr als fünf Millionen sowjetische Soldaten und Offiziere gerieten während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Kriegsgefangenschaft. Mehr als drei Millionen starben an den unmenschlichen Bedingungen oder wurden ermordet. Der deutsche Umgang mit den sowjetischen Kriegsgefangenen gilt heute zu den größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Zugleich spielte diese Personengruppe in den Erinnerungskulturen Deutschlands wie auch der Sowjetunion aus vielen Gründen eine untergeordnete Rolle. Bis weit in die Achtziger Jahre waren zudem viele maßgebliche Quellen in internationalen Archiven nur schwer oder gar nicht zugänglich. Dadurch war quellenbasierte historische Forderung nur sehr eingeschränkt möglich, Familien konnten keine verlässlichen Informationen über das Schicksal ihrer Angehörigen bekommen. Im Ergebnis sind die Namen vieler Personen heute noch unbekannt und Biografien häufig nur lückenhaft rekonstruierbar.

Das Thema sowjetische Kriegsgefangenschaft hat also eine humanitäre, wissenschaftliche und schließlich auch gedenkkulturelle Dimension. Das deutsch-russische Recherche- und Datenbankprojekt „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“, das 2016 vom Bundesminister des Äußeren Frank-Walter Steinmeier und seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow ins Leben gerufen wurde, dient der Realisierung von Maßnahmen, die in diesen drei Dimensionen wirken.

Unsere Zeit ist eine, in der die Erinnerung an den Krieg nicht mehr maßgeblich durch die Erlebnisgeneration geprägt ist und nur noch selten direkt intergenerationell weitergegeben werden kann. In dieser postmemorialen Situation werden personenbezogene Quellen besonders stark nachgefragt.

Gerade weil viele Menschen den Zugang zur Kriegsgeschichte über individuelle Schicksale suchen, sind die Qualität der Quellen und ihre Zugänglichkeit von zentraler Bedeutung. Hier setzt das Projekt an: Russische und deutsche Partner recherchieren und digitalisieren in enger Kooperation Unterlagen in russischen, deutschen und internationalen Archiven. Die Digitalisate sowie die aus ihnen gewonnenen personenbezogenen Daten fließen in Datenbanken ein, deren Bestände laufend erweitert werden. Davon profitiert die wissenschaftliche Forschung ebenso wie die humanitäre Schicksalsklärung.

Dimensionen und Perspektiven

Derartige gemeinsame deutsch-russische Initiativen zur Recherche und Dokumentation von Namen und Schicksalen sowjetischer Gefangener gab es bereits seit dem Jahr 2000. Im Laufe von rund 14 Jahren sind umfangreiche Datenbestände zusammengetragen worden. Allerdings sind diese bei weitem nicht vollständig.

Das laufende Projekt soll alle relevanten Quellen erschließen, die noch nicht bearbeitet wurden. Die Bundesregierung hat zugesichert, die zur Realisierung dieser Ziele notwendigen Kosten zu tragen. Sie hat den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. als Projektträger mit der Koordination beauftragt. Auf russischer Seite ist die Abteilung für die Verewigung des Andenkens an die gefallenen Vaterlandsverteidiger im Verteidigungsministerium direkter Partner des Volksbunds.

Die umfangreichen Archivrecherchen organisiert und betreut das Deutsche Historische Institut in Moskau als Partner des Volkbunds. Auf russischer Seite übernimmt die praktischen Arbeiten die Gesellschaft „Elektronische Archive“ (ELAR). ELAR übernimmt vor allem in den Archiven in der Russischen Föderation die Digitalisierung der Akten und die Erfassung der Metadaten. Darüber hinaus ist der Partner Betreiber großer Datenbankprojekte der russischen Regierung zur Popularisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Dazu gehört auch die Datenbank „OBD Memorial“, die personenbezogene Informationen über sowjetische Personen enthält, die im Krieg getötet wurden oder vermisst sind. Hier fließen auf russischer Seite die im Rahmen des Projekts erhobenen Daten und Dokumente ein.

Auf deutscher Seite ist das Bundesarchiv für die Verwaltung der Bestände verantwortlich. Es hat diese Aufgabe an die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg übergeben, wo sie im Portal „Memorial Archives“ verwaltet werden.

Auch das DRK ist eingebunden

Ein weiterer wichtiger Projektpartner des Volksbunds ist der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Er verantwortet die Recherchen über deutsche Gefangene und Zivilinternierte sowie die Auskunftserteilung an Angehörige. Auch viele Schicksale von Wehrmachtsangehörigen, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, sind bis heute ungeklärt. Vor allem in Archiven in der Russischen Föderation lagern noch wichtige Bestände.

Der Volksbund, der von der Bundesregierung das Mandat für die Kriegsgräberfürsorge im Ausland hat, plant gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt für die nächsten Jahre die abschließenden flächendeckenden Maßnahmen zur Ortung von Grablagen sowie ihren Um- und Ausbau in der Russischen Föderation. In diesem Zusammenhang sind Synergien zur Ermittlung bisher unbekannter Namen und der namentlichen Kennzeichnung von Grablagen vorgesehen.

Forschung auch in Nachfolgestaaten der UdSSR

Der Maßstab der durchzuführenden Arbeiten ist riesig. Allein in der Russischen Föderation sind mindestens acht föderale und fünfzig regionale Archive zu bearbeiten. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Bestände auf Bund-, Länder- und kommunaler Ebene. Schließlich kann ein Projekt, das sich mit sowjetisch-deutscher Geschichte befasst, diese nicht auf die russische Dimension verkürzen.

Es ist deshalb zwingend notwendig, auch in anderen Nachfolgestaaten der UdSSR wie der Ukraine, Belarus oder Kasachstan zu forschen. Dabei sind die jeweiligen nationalen Interessen angemessen zu berücksichtigen. Auch Archive in weiteren Ländern, sowohl in Ost- wie auch Westeuropa sind relevant, ebenso wie der ehemalige Suchdienst der Alliierten, der International Tracing Service, heute Arolsen Archives.

In der Klärung von Schicksalen hat die russische Seite bereits seit den 1990er-Jahren eng mit deutschen Institutionen und Akteuren kooperiert. Der DRK Suchdienst hat in den letzten Jahrzehnten umfangreiche Bestände aus russischen Archiven erhalten.

Aus deutschen Archiven sind umgekehrt bis zu Beginn dieses Projektes kaum nennenswerte Bestände an Russland übermittelt worden. Außerdem hat sich das Vorgängerprojekt vor allem auf die Digitalisierung von Beständen über in der Gefangenschaft Verstorbenen konzentriert. Viele andere Bestände, die genaueren Aufschluss über die Umstände von Gefangenschaft und Gefangenschaftsverläufen oder Repatriierungen nach Kriegsende geben, blieben außen vor.

Die Erwartungen an das Projekt waren also groß. Umso erfreulicher ist es, dass bereits große erste Erfolge erzielt wurden. In Deutschland hat die ehemalige Wehrmachtsauskunftsstelle, die „Deutsche Dienststelle“, bis zum Jahr 2019 als zuständige Behörde die Unterlagen der Wehrmachtsverwaltung zum Kriegsgefangenenwesen verwahrt. Sie waren lange kaum zugänglich. Im Rahmen des Projekts ist es nach der Überführung dieser Behörde in das Bundesarchiv gelungen, die systematische Erfassung, Übergabe und Nutzung dieser Bestände nach und in Russland zu vereinbaren.

Im Mai 2020 konnten anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes die ersten Bestände übergeben werden, weitere Übergaben sind erfolgt und geplant. Damit hat das Projekt ein wichtiges versöhnungspolitisches Signal gegeben.

Die epidemiologische Situation hat breite Archivrecherchen in diesem Jahr leider stark behindert, aber es ist dennoch – auch durch den bemerkenswerten Einsatz unserer Kooperationspartner – gelungen, über das gesamte Jahr hinweg zumindest in einigen Archiven zu arbeiten.

Katalysator zivilgesellschaftlicher Initiativen

Das Projekt ist als Partnerschaft von zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteuren aufgebaut. Diese Transmitterfunktion kann es auch in genereller Hinsicht haben. In beiden Ländern gibt es derzeit vielfältige Impulse für die Erneuerung des Gedenkens an Kriegsgefangene auf staatlicher wie zivilgesellschaftlicher Ebene. Gerade Kriegsgefangene als lange vergessene Gruppe rücken in diesem Zusammenhang stärker in den Fokus.

In Deutschland sind hier der Bundestagsbeschluss zur Einrichtung eines Dokumentationszentrums für alle Opfer des deutschen Vernichtungskriegs und der NS-Besatzung zu nennen. Auch die Förderung des Ausbaus der NS-Gedenkstätte Stalag 326 in Schloss Holte-Stukenbrock-Senne zu einer sogenannten Gedenkstätte nationaler Bedeutung wurde kürzlich auf den Weg gebracht.

In Russland sorgen zahlreiche ambitionierte Mahnmal- und Datenbankprojekte dafür, dass Kriegsgefangene in das große Kollektiv der Personen eingeschlossen werden, die ihren Anteil am Sieg über den Nationalsozialismus hatten. Die namentliche Kennzeichnung von Grablagen sowjetischer Gefangener wird vorangetrieben, die Zahl der Angehörigenanfragen ist hoch.

Wir haben es mit einer intensivierten, gleichsam nachholenden Erinnerung an diese Gruppe zu tun. Sie ist deshalb wertvoll, weil an den Biografien viele Facetten der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte anschaulich werden. Das deutsch-russische Gemeinschaftsprojekt möchte diese Dynamik mitgestalten und den erinnerungskulturellen Dialog unterstützen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. hat selbst bereits seit Jahren sehr erfolgreiche friedenspädagogische Projekte im Programm, in denen der biographische Ansatz genutzt wird, um jungen Menschen zu vermitteln, wie der Krieg Lebensentwürfe zerstört.

Der Beschluss zur Umsetzung des Projekts zeigt den politischen Willen zur gemeinsamen Aufarbeitung dieses wichtigen Kapitels der Geschichte. Die Recherche- und Dokumentationsarbeiten stellen die medialen Mittel für die vertiefte Beschäftigung mit ihr zur Verfügung. Vielfältige erinnerungskulturelle Aktivitäten in der Zivilgesellschaft sind das beste Mittel zur kontinuierlichen Erneuerung der Erinnerung.