Pflegefamilien

Hilfe für ein selbständiges Leben

Die Arbeitsgruppe Zivilgesellschaft sprach in der Videokonferenz am 23. Oktober 2020 über „Pflegefamilien im Fokus der Fürsorge der Zivilgesellschaft“

von Michael Wilhelmi

In einem inhaltsreichen, auch von persönlichen Erfahrungen geprägten Fachaustausch, traten zwei unterschiedliche Ansätze zutage: die vielfältige zivilgesellschaftliche Initiative für Pflegefamilien in Russland und die stärker in ein institutionalisiertes Netzwerk eingebundene Pflegehilfe in Deutschland. Beide Seiten betonten, bei dem Thema voneinander lernen zu können und kamen überein, im Weiteren gemeinsame Empfehlungen für Pflegefamilien auszuarbeiten.

In der Diskussion über aktuelle Fragen wurden die angespannten deutsch-russischen Beziehungen angesprochen – ein Stichwort war der Fall Nawalny. Der deutsche AG-Koordinator Johann Saathoff, Mitglied des Bundestags und Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit Russland, Zentralasien und den Ländern der Östlichen Partnerschaft, hob hervor, dass die Spannungen die zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit nicht beeinträchtigen dürften. Sein russischer Counterpart Michail Fedotow, Leiter des UNESCO-Lehrstuhls für Urheber-, Leistungsschutz-, Kultur- und Internetrechte, Higher School of Economics in Moskau, erinnerte an ein Wort der Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa: „Je schlechter die politische Führung, umso größer die Rolle der Zivilgesellschaft.“

Kinder in Pflegefamilien

Im ersten Teil – Kinder in Familien oder Pflegefamilien – schilderte Tatjana Margolina von der Universität Perm die Entwicklung bei der Betreuung von Waisen und Sozialwaisen unter 18 Jahren in der Region Perm. Noch 2005 sei der überwiegende Teil der Waisen in Heimen aufgewachsen, mittlerweile seien mehr als 90 Prozent in Familien untergebracht. Ohne die gemeinnützigen Organisationen sei das nicht möglich gewesen: Diese suchten geeignete Pflegeeltern, bereiteten sie auf ihre Aufgabe vor und betreuten sie dann umfassend, auch mit mobilen Teams vor Ort.

Dank dieses Engagements sei es auch gelungen, viele Kinder wieder in die Herkunftsfamilien zurückzubringen. Die gemeinnützigen Organisationen arbeiteten eng mit öffentlichen Einrichtungen, Ministerien und der Regionalregierung zusammen.

Die Leiterin des Erziehungsstellenverbunds beim Arbeiter-Samariter-Bund Rostock, Susann Huth, erläuterte das Konzept der Erziehungsstellen. Bei Kindern mit psychischen und sozialen Beeinträchtigungen gerieten Pflegefamilien an ihre Grenzen. In den institutionell angebundenen Erziehungsstellen würden ein bis zwei solcher Kinder von einer beim Träger angestellten sozialpädagogischen Fachkraft im eigenen Zuhause betreut. Diese professionelle Betreuung in einem familiären Rahmen ermögliche den Kindern mit besonderen Bedarfen bessere Entwicklungschancen als es ein stationärer Kontext könne. Die Mitarbeiter der Erziehungsstellen würden fachlich umfassend betreut, auch durch Urlaube entlastet, um ihre Tätigkeit dauerhaft ausüben zu können.

Die Präsidentin der Stiftung Freiwilligenhilfe für Waisenkinder, Jelena Alschanskaja, beklagte, dass der Kontakt zwischen Herkunfts- und Pflegeeltern in Russland nicht gesetzlich festgeschrieben sei. Die Pflegefamilie werde nicht als Institution verstanden, die zum Ziel hat, das Kind, wenn dies wieder möglich ist, in die Herkunftsfamilie zurückzuführen. Nötig seien professionelle Pflegefamilien für eine temporäre Betreuung. Ihre Stiftung bereite Pflegeeltern auf diese Aufgabe vor und binde auch die Herkunftseltern ein. Diesem Ansatz müssten die Behörden folgen. Viele Heimkinder könnten über den Weg der Pflegefamilie wieder in die Herkunftsfamilie zurückgegeben werden.

Die Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Mersliakowa berichtete über gemeinnützige Initiativen für Pflegeltern im Gebiet Swerdlowsk: Dort bereiten Schulen für Pflegeeltern Pflegefamilien vor, begleiten und beraten bei Schwierigkeiten, psychologischen Problemen und rechtlichen Fragen. Die Initiativen verfügten hierfür über mehr Kompetenz als die Behörden, denen es an Fachpersonal mangele. Ziel sei es, die Kinder in den Pflegefamilien zu halten und zu verhindern, dass sie zurück in ein Heim gegeben werden.

Ein wichtiges Arbeitsfeld der Initiativen sei die Betreuung von Pflegekindern, die volljährig geworden sind. Oft könnten diese nicht zurück in die Herkunftsfamilie. Die Sozialpolitik sehe für Care Leaver keinen Hilfebedarf mehr. Dieser aber ende nicht mit der Volljährigkeit; weitere Unterstützung für das selbständige Leben sei notwendig.

Pflegefamilien: Chance für geflüchtete Kinder

Der Leiter des Fachdienstes für Integration und Migration in Paderborn, Martin Strätling, referierte über unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Pflegefamilien. Viele deutsche Familien seien bereit, ein geflüchtetes Kind aufzunehmen. Für viele Kinder eine Chance: Sie erlebten Familie, lernten die Sprache besser, würden vielleicht auch später noch von der Familie finanziell unterstützt.

Es gebe aber auch Risiken für beide Seiten: Viele Kinder hätten eine starke Bindung zur Herkunftsfamilie (afghanische Jungen werden oft geschickt, um ihre Familie zu Hause finanziell zu unterstützen), viele seien traumatisiert. Der Umgang mit den traumatisierten Kindern überfordere die Pflegeeltern; in der Familie könnten durch Aufmerksamkeitskonkurrenz Konflikte mit den eigenen Kindern entstehen. Die oft fehlende Bleibeperspektive der Pflegekinder stelle eine weitere Belastung dar. Der Fachdienst unterstütze die Pflegefamilien mit Psychologen und Familientherapeuten.

Anke Giesen von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin erläuterte das System „Hilfe zur Erziehung“ in Deutschland. Grundlegend sei die Rechtssituation: Die Verfassung schreibe das Recht der Herkunftseltern auf Pflege und Erziehung der Kinder fest, das Sozialgesetzbuch die Hilfen für Kinder und Familien.

Der Erhalt der Familie stehe an erster Stelle. Die Pflegefamilie sei letztes Mittel, wenn die Herkunftseltern ihre Kinder trotz Hilfen der Jugendämter nicht selbst erziehen können. Priorität habe stets die Rückführung der Kinder zu den Herkunftseltern. Pflegefamilien würden auf ihre Eignung geprüft, geschult und erhielten eine Aufwandsentschädigung.

Schwierigkeiten für die Pflegeeltern entständen oft aus der Verpflichtung, die Beziehung des aufgenommenen Kindes zu den Herkunftseltern zu begleiten. Auch wegen dieser Belastungen gehe die Entwicklung in Deutschland zu den Erziehungsstellen, in denen professionelle Erzieher Pflegekinder in ihre Familie aufnehmen. Neuerdings gebe es in Deutschland auch Hilfen für junge Volljährige, die aus der Betreuung herauswachsen.

Senioren in Pflegefamilien

Im zweiten Teil befasste sich die Arbeitsgruppe mit Senioren in Pflegefamilien. Die Menschenrechtsbeauftragte des Autonomen Bezirks der Chanten und Mansen/Jugra, Natalja Strebkowa, berichtete über zivilgesellschaftliches Engagement für ältere Menschen in Pflegefamilien. Wichtigster Akteur sei dabei der Bürger. Der Staat sei für den rechtlichen Rahmen, die Beratung und Finanzierung zuständig.

Für Senioren in Pflegefamilien gebe es in Russland keine landesweiten rechtlichen Regelungen, auch nicht für die Vergütung der Pflege. In gut 30 der 85 Föderationssubjekte lägen aber regionale Regelungen vor. Die Initiativen in Jugra hätten Eignungskriterien für die Pflegefamilien aufgestellt und gemeinsam mit den Behörden ein Vertragswerk sowie ein Kontrollsystem für die Pflege ausgearbeitet. Strebkowa forderte einheitliche gesetzliche Bestimmungen für Pflegefamilien in Russland.

Eva Rass von der Hochschule Mannheim stellte in ihrem Referat „Pflegefamilien statt Pflegeheim für Senioren“ den Lebensverlauf älterer Menschen in den Mittelpunkt. Wichtig sei zu verstehen, dass viele Senioren in der Kindheit Krieg, Verfolgung und Verlust erlebt hätten. Diese Traumata seien oft unverarbeitet geblieben. Im Alter brächen die Wunden wieder auf und könnten sich in schwierigen Verhaltensweisen äußern. Beziehungsarbeit, die in Pflegefamilien besser als in Seniorenheimen geleistet werden könne, sei für die alten Menschen hilfreich.

Umgekehrt könnten auch die Alten eine Bereicherung für die sie aufnehmende Familie sein, etwa als Ersatzgroßmutter oder -vater für die Kinder. Ein generationsübergreifendes Miteinander und ein soziales Netzwerk könnten zu einem zufriedenen Altern und Abschiednehmen beitragen.