AG Wirtschaft und AG Gesundheit

Corona als Sprungbrett

Wegen der Corona-Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen wächst die Aufmerksamkeit für das Gesundheitswesen

von Michael Wilhelmi

Am 10. Dezember kamen keine Zweifel auf: Seit COVID-19 ist Gesundheit zum wichtigsten Faktor für die Wirtschaft geworden. Wie schon im Juni drehte sich bei der gemeinsamen Tagung der AG Wirtschaft mit der AG Gesundheit alles um die Corona-Krise. Unter der Überschrift „Aktuelle Entwicklungen der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Situation in Deutschland und Russland“ blickten die AG-Koordinatoren Andrei Klepatsch und Thomas Falk mit zahlreichen Vortragenden und Teilnehmenden auf erste Lehren und Folgerungen. Beide unterstrichen, dass Solidarität und gemeinsames Handeln – sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften – wesentliche Faktoren für die erfolgreiche Bewältigung der Krise seien.

Doppelter Schock: Corona und sinkender Ölpreis

Wie sehr die Pandemie die Volkswirtschaften beider Länder in Mitleidenschaft gezogen hat, verdeutlichten Andrej Klepatsch, Chef-Wirtschaftsanalytiker der Staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB.RF, und Michael Heise, ehemaliger Chefvolkswirt der Allianz SE, im ersten Teil der Videokonferenz.

Klepatsch konstatierte für die russische Wirtschaft im Jahr 2020 einen doppelten Schock aus Corona-Pandemie und sinkendem Ölpreis. Die Erholung werde dauern. Nach wie vor hänge Russlands Wirtschaft vom Export fossiler Energie ab. Bis 2025 sei mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,8 Prozent zu rechnen.

In den kommenden Jahren würden rund 9,5 Trillionen Rubel in die Verkehrs- und Energieinfrastruktur, aber auch in das Gesundheitswesen investiert, um Beschäftigung zu sichern und den Strukturwandel voranzubringen. Die Staatsverschuldung bleibe trotz Investitionen und staatlicher Hilfspakete mit knapp 20 Prozent des BIP in den kommenden Jahren moderat.

Deutsche Wirtschaft wird sich erholen

Michael Heise rechnete für die stark von der Weltwirtschaft abhängige deutsche Wirtschaft mit einer Erholung. China und Asien, die die Pandemie erfolgreich bekämpft haben, seien die Motoren der Aufwärtsentwicklung. Positive Faktoren stellten auch die expansive Geldpolitik vieler Staaten und die Corona-Impfstoffe dar.

Wie überall leide auch in Deutschland der Dienstleistungssektor. Die Einkommen flössen in den Warenkonsum. Davon profitiere vor allem die Industrie. 2021 werde die Wirtschaft um 4 Prozent wachsen. Nichtsdestoweniger blieben die Belastungen: Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit wie auch die drastisch bis auf 80 Prozent des BIP ansteigende Staatsverschuldung würden Deutschland noch über Jahre beschäftigen.

Gesundheit gewinnt an Bedeutung

COVID-19 kann auch Sprungbrett sein – zumindest für das Gesundheitswesen. Das erläuterte Nelli Najgowsina im zweiten, dem Thema Gesundheit gewidmeten Teil der Tagung. Die Leiterin des föderalen Zentrums für Ausbildung und berufliche Weiterbildung von Managern im Gesundheitswesen arbeitete heraus, dass der Bereich Gesundheit durch COVID-19 auf der Prioritätenliste der Gesellschaft nach oben rücke: Die Wertschätzung für das medizinische Personal sei gewachsen, und es werde mehr Geld in das Gesundheitswesen fließen, etwa für neue Kliniken und den Ausbau der Telemedizin. Für die Zukunft berge besonders die digitale Transformation des Gesundheitswesens immense Potenziale.

Ljalja Gabbasowa berichtete über Maßnahmen gegen antimikrobielle Resistenzen (AMR) in Russland. Die Referentin des Gesundheitsministers beschrieb die AMR als eine Bedrohung für Wirtschaften und Gesellschaften der ganzen Welt. Die COVID-19-Pandemie verschärfe die AMR-Problematik, die auch weit oben auf der Agenda der G20 und der WHO stehe, zusätzlich. Die vom russischen Gesundheitsministerium auch international koordinierten Maßnahmen reichten von der Sensibilisierung der Bevölkerung über medizinische Fortbildung und Forschung bis zu gesetzlichen Regelungen.

Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender der Sana Kliniken AG, berichtete über die infolge von COVID-19 angespannte Situation in den Krankenhäusern. In der zweiten Welle würden die Intensivkapazitäten stark in Anspruch genommen. Zudem befände sich viel medizinisches Personal in Quarantäne. Hilfreich seien die regelmäßigen Testungen und das mittlerweile ausreichend zur Verfügung stehende Schutzmaterial.

Ein Problem sei, dass derzeit nur rund die Hälfte der Mitarbeiter der Sana Kliniken bereit sei, sich impfen zu lassen. Hier müsse – wie auch bei der Bevölkerung – noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Neue Ansätze: Impfstoff und Bakteriophagen

Matthias Kromayer von der am Impfstoffentwickler BioNTech beteiligten MIG AG berichtete über das COVID-19-Vakzin. Der in einer Rekordzeit von sechs Monaten entwickelte Impfstoff basiere auf einer neuartigen Technologie: Das Vakzin enthalte eine genetische Bauanleitung, aus der der Körper harmlose Virusbestandteile herstellt. Gegen diese bilde dann das Immunsystem eine Abwehr.

Die mRNA-Methode habe eine Reihe von Vorteilen: Die Impfstoffe könnten rasch an mutierte oder neue Viren angepasst werden, sie seien sicher und ließen sich schnell herstellen. Auch wirkten sie in Tieren und Menschen gleich, so dass Ergebnisse auf den Menschen übertragbar seien. Die Wirksamkeit des Impfstoffs sei hoch, 95 Prozent der Geimpften würden vor einer Erkrankung geschützt. Kromayer schloss mit einem Plädoyer für privatwirtschaftliche Initiative: Innovation und wirtschaftlicher Wert entstünden aus dem Wissen der Bürger, die Aufgabe des Staates sei es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen.

Alexander Surabow, Präsident des Entwicklers und Herstellers von mikrobiologischen Präparaten Mikromir, nahm COVID-19 zum Anlass, den Blick auf Bakteriophagen als alternative Therapie gegen Infektionen zu lenken. Bakteriophagen – für den Menschen unschädliche Viren, die Bakterien abtöten können – hätten abgesehen von der ehemaligen Sowjetunion und teilweise dem heutigen Russland nirgends Eingang in die klinische Praxis gefunden. Derzeit seien sie kaum als zugelassene Arzneimittel zu etablieren. Angesichts der positiven Erfahrungen bei Mikromir plädierte er für neue Zulassungsregeln und eine Renaissance der Phagen-Therapie.