Krieg in der Ukraine

Ukraine darf nicht kapitulieren

Endet der Schrecken, wenn die Ukraine aufgibt? Kapitulation ist keine Alternative zur Selbstverteidigung

von Thomas Gebhardt
Kiew 13.3.2022
Kapitulation ist keine Lösung: Kiew am 13. März 2022

Nach der ersten Welle der Hilfsbereitschaft, des Mitgefühls und der (ohnmächtigen) Wut schwappt nun angesichts der abzusehenden Konsequenzen für die deutschen Bürger eine zweite Welle durch den Blätterwald und das Talkshowdickicht: die Welle des grenzenlosen Opportunismus. Der von mir ob seines scharfen Geistes und seiner klaren Texte sehr geschätzte Thomas Fischer (Vorsitzender Richter a. D. am Bundesgerichtshof) bringt in einem Text auf Spiegel online als Analogie zum Krieg Russlands gegen die Ukraine das Bild von einer extrem bewaffneten Bande, die ein Familienheim überfällt.

Der Erfolg der Räuber wäre als sicher anzusehen, schreibt er, jede Gegenwehr würde zu unnötigen Opfern (auf Seiten der Familie) führen. „Die Alternative zur Niederlage mit sehr vielen Opfern und gewaltigen Vernichtungen ist eine Niederlage mit wenigen Opfern und weniger Zerstörungen. Man könnte, mit anderen Worten: kapitulieren. Das wäre eine schlimme Niederlage vor der ungerechten Gewalt. Aber 1000 lebende Besiegte sind besser als 1000 Tote.“

In der Berliner Zeitung vergleichen Robert Roisch und Holger Panhußen, den Krieg in der Ukraine (in Teilen durchaus passend) mit einer Geiselnahme und sie schreiben dort: „Die Analogie zur Lösegeldzahlung im Krieg ist die Kapitulation. Sie würde das unendliche, sich immer weiter steigernde Leid von Millionen Menschen sofort stoppen.“

Der Autor Richard David Precht versteigt sich gar dazu, dem ukrainischen Präsidenten eine Mitschuld an den Opfern des Kriegs anzudichten: „Ich rede aus der Perspektive der Regierung, die in Kauf nimmt, dass durch diesen Angriffskrieg Tausende, vielleicht irgendwann Hunderttausende Menschen ihr Leben verlieren. In einem Krieg, den man nicht gewinnen kann. Das ist falsch.“

Angriff wegen unserer Schwäche

Man kennt das auch als „Victim Blaming“, einen Mechanismus, der Opfern eine (Teil-)Schuld an der Tat oder zumindest ihren Folgen andichten will. Bleiben wir zunächst einen Moment bei der Analogie des Verbrechens: Die Schlüsse, die Panhußen und Roisch ziehen, sind schon im Ansatz widersinnig. Denn als Gesellschaft versuchen wir, genau das zu verhindern: dass sich Verbrechen für die Täter lohnen.

Deswegen tun wir alles, damit Lösegeld erst bezahlt wird, wenn wir glauben, dass wir den Verbrecher erwischen, denn sonst würde jeder lieber als Verbrecher arbeiten. Dazu kommt: Meistens bringt der Entführer die Geiseln nach der Lösegeldzahlung um. Und genau hier wird eine Analogie draus.

Nüchtern betrachtet ist auch der Rest eine bequeme Lüge. Wir loben Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte als höchste Güter. Wir verehren die Revolutionäre aller Generationen, die dafür gestorben sind. Wir schreiben uns „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auf die Fahnen, aber wir sind nicht bereit, für sie zu kämpfen.

Unsere Gesellschaft ist fett und bequem geworden – und moralisch beliebig. Und diese Schwäche hat Putin und seinen Angriff erst möglich gemacht. Eigentlich wissen wir das. Aber jetzt wehren sich die „dummen“ Ukrainer und halten uns den Spiegel vor.

Wir wissen, wir würden nicht kämpfen, weil uns inzwischen selbst eine Diktatur ziemlich egal wäre, solange wir Internet und genug zu fressen haben. Sollen sich die Ukrainer doch in ihr Schicksal ergeben, damit unsere Bequemlichkeit wieder ihre Ruhe hat, endlich wieder befreit vom Anblick des Leids und vom Druck, energieunabhängig zu werden.

„Aber der Angriff Russlands gilt ja nur den Ukrainern“, wird man mir vorhalten. „Wir sind ja weder angegriffen noch bedroht, denn uns schützt die polnische Ostgrenze und die Nato – bzw. deren Artikel 5. Und überhaupt schadet Eskalation letztendlich allen. Uns bleibt ja nichts zu tun, außer warme Worte für die Ukrainer und Wirtschaftssanktionen zu haben.“

Wobei seit ein paar Tagen wohl auch der Aufruf zur Kapitulation als „warme Worte“ gelten soll. Aber welchen Unterschied macht es, ob man die Ukraine zur Kapitulation auffordert oder Litauen? Man darf getrost davon ausgehen, dass diejenigen, die jetzt die Ukraine zur Kapitulation aufrufen (oder noch besser, der Ukraine eine Mitverantwortung umhängen, weil sie nicht schon vor dem Krieg kapitulierte), im Fall Polens, Litauens oder Sachsens dasselbe tun würden.

Ukraine hat keine Alternative zum Krieg

Doch zurück zur Ukraine, denn um die sollte es eigentlich gehen – und darum, was das mit uns zu tun hat: Die Ukrainer haben gar keine Alternative zum Krieg. Und es ist mies, das zu ignorieren. Die Ukraine verteidigt sich gegen einen Feind, der dem Land nicht nur einen Krieg gebracht hat, sondern die gesamte ukrainische Gesellschaft bedroht.

Und wir haben keine Alternative zur maximal möglichen Unterstützung der Ukraine (mit einer völlig neuen Energiepolitik, mit weitreichenden Embargos, mit möglichst umfassenden Finanz-Sanktionen und mit militärischer Hilfe), die gerade noch nicht den Atomkrieg mit Russland bedeutet. Und dieses Maximum muss jeden Tag neu gefunden, ausgelotet und verhandelt werden.

Denn wir verteidigen sehr wohl unsere Freiheit in der Ukraine. Wenn wir sie dort nicht verteidigen, werden wir sie hier irgendwann verlieren – weil wir unser Desinteresse schon bewiesen haben.

Der Autor ist Ingenieur und betrachtet sich als Pazifist. Ein Teil seiner Familie lebt in der Ukraine. Sein Beitrag ist im Rahmen der Open-Source-Initiative am 17.3.2022 in der Berliner Zeitung erschienen. Wir danken Verlag und Autor, den Text auf KARENINA veröffentlichen zu dürfen.