Putin: Der Pate im Weltall

Gas, Griner, ISS: Putins Aggression folgt dem Muster des passiv-aggressives Messaging der Psychologie

von Andrian Kreye
Das will Putin nicht mehr: Kosmonauten auf der ISS
Das will Putin nicht mehr: Kosmonauten wie Anton Schkaplerow (links), die auf der ISS mit Astronauten wie Samantha Cristoforetti (Italien, erste Frau auf der ISS) und Terry Virts (USA) zusammenarbeiten. (Bild aus dem Kosmodrom in Baikonur, Kasachstan, 2014)

Neben dem Vernichtungskrieg und dem Völkermord betreibt Putin derzeit noch eine weitere Form der Politik, die man in der Psychologie passiv-aggressives Messaging nennt. Dazu gehört der Ausstieg aus dem Programm der internationalen Raumstation ISS, den Russland nun bekanntgegeben hat.

Das Muster ist immer das gleiche. Unter dem Vorwand, sich strengstens an die Regeln zu halten, bricht Russland mit diesen. Die Absage an die internationale Raumfahrt ist nicht das erste Beispiel.

Besonders subtil ist dieses Messaging nicht. Man kann all diese Botschaften in einfache Worte übersetzen, sollte das aber im Tonfall von Robert de Niro, Al Pacino oder Marlon Brando vortragen. Denn die Methode stammt aus Mafiafilmen.

Also: Die Verhaftung der amerikanischen Basketballspielerin Brittney Griner in Moskau? „Ey Amerika! Wir kriegen nicht nur dich, sondern auch die deinen!“ Die Wartungsarbeiten an der Nord-Stream-Pipeline? „Ey Europa! Da hängt der Hammer mit dem Gas!“ Die Absage ans ISS-Programm? „Ey Welt! (Hier Schimpfwort einfügen) Dich!“

Wer den Film „Der Pate“ kennt – die Raumstation ist in diesem Fall der abgehackte Pferdekopf im Bett. „Da ist euer Symbol der internationalen Zusammenarbeit, der hehren Ambitionen der Menschheit mit der Wissenschaft, der Verletzlichkeit des Planeten in der unendlichen Weite des Universums.“

Ist Satellit Kosmos 2499 bewaffnet?

Der vor kurzem seines Amtes enthobene Leiter der russischen Raumfahrtorganisation, Dmitri Rogosin, war da noch direkter. Im März drohte er, die amerikanischen Astronauten auf der ISS beim nächsten Rückflug eines russischen Raumschiffs einfach da oben versauern zu lassen.

Kurz davor hatte er verkündet, die 500 Tonnen schwere Raumstation auf Amerika oder Europa stürzen zu lassen. Als Elon Musk der Ukraine satellitengestützte Internet-Verbindungen lieferte, tweetete er: „Dafür, Elon, wirst du wie ein Erwachsener zur Rechenschaft gezogen werden.“

Für Raumfahrer und Raumfahrerinnen sind solche politischen Geplänkel normalerweise nicht mehr als Weißrauschen in der Atmosphäre. Der deutsche Astronaut Ulrich Walter war neulich bei der Space Night des Bayerischen Fernsehens zu Gast und erzählte, wie so ein Aufenthalt auf der Raumstation das Leben für immer verändert: vom Blick auf diesen Himmelskörper und wie einem dort oben klar wird, dass die Menschheit nur gemeinsam darauf überleben kann.

Er sprach aber auch davon, dass da oben eigentlich kaum Zeit für Kontemplation bleibt, weil man rund um die Uhr mit wissenschaftlicher Arbeit, Sport und dem Alltag in der Schwerelosigkeit beschäftigt ist. Für die Raumstationsbewohner waren Kriege und Konflikte bisher jedenfalls buchstäblich sehr weit weg.

Aber auch das steckt in der Botschaft des Ausstiegs. Pate Putin kann überall zuschlagen. Vielleicht ganz real. 19 Länder haben militärische Programme im All. Auch Deutschland. Das dient vor allem der Aufklärung. Ob schon Killersatelliten im All sind, die andere Satelliten, aber auch eine Raumstation zerstören könnten, weiß man nicht mit Sicherheit.

Es wird vermutet, dass der Satellit Kosmos 2499, den Russland 2014 ins All schoss, bewaffnet sein könnte. Dann hätte Putin es schon im Jahr des Einmarschs auf die Krim geschafft, seine Aggressionspolitik bis in den Weltraum auszudehnen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 28.7.2022 / Alle Rechte vorbehalten: Süddeutsche Zeitung GmbH, München

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