Augenzwinkernde Kumpanei in Syrien

Trotz unterschiedlicher Bündnispartner verbindet Russland und Israel eine stillschweigende Allianz

Sorry, Kumpel: Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu im Februar 2019 in Moskau

An den Fingern einer Hand lässt sich die Zahl der Stellvertreterkonflikte im Syrien-Krieg längst nicht mehr abzählen: Araber gegen Kurden, Schiiten gegen Sunniten, Dschihadisten gegen staatliche Armeeeinheiten – das sind noch die einfachsten Konstellationen, die den 2011 als Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad begonnenen bewaffneten Konflikt charakterisieren.

Hinzu kommen etliche externe Akteure, die in den Krieg verwickelt sind: USA, Türkei, Iran und die libanesische Hisbollah sind seit langem mit Truppen in Syrien präsent – und seit fünf Jahren auch Russland, das im September 2015 militärisch intervenierte, um die drohende Niederlage Assads in Aleppo und anderen Landesteilen abzuwenden.

Dabei kam es immer wieder zu Konfrontationen mit Israel, mit schwerwiegenden Folgen zuletzt im September 2018: Weil die israelische Luftwaffe Russland zu spät vor einem Angriff auf Militärdepots proiranischer Einheiten warnte, schoss die syrische Luftabwehr versehentlich ein russisches IL-20-Flugzeug ab.

Für das „friendly fire“ mit 15 Toten machte Moskau die Führung in Jerusalem verantwortlich. Erst bei einem Treffen Präsident Wladimir Putins mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ein halbes Jahr später in Moskau wurde der Konflikt beigelegt.

Moskau schweigt zu israelischen Luftangriffen

Seitdem prägt eine Strategie des gegenseitigen Wegschauens das russisch-israelische Verhältnis in Syrien. So hat Moskau nie öffentlich Stellung bezogen gegen israelische Luftangriffe auf Waffendepots und Militärkonvois. Sie gehen seit Beginn des Aufstands gegen Assad im März 2011 in die Hunderte und gelten in der Regel den iranischen Revolutionsgarden oder der libanesischen Hisbollah, Irans Stellvertreterarmee an den Grenzen zum Heiligen Land. Russland nimmt das stillschweigend hin, obwohl es wie Iran das Assad-Regime militärisch und wirtschaftlich unterstützt.

Denn zugleich ist das russisch-iranische Verhältnis von Konkurrenz geprägt: Putin soll verärgert reagiert haben, als er vom nicht mit ihm abgesprochenen Besuch Assads in Teheran im Februar 2019 erfuhr. Auf dem Spiel stehen lukrative Wirtschaftsverträge, sollte der Krieg eines Tages beendet werden und der Wiederaufbau beginnen. Diese möchte die Führung in Moskau ungern iranischen und chinesischen Firmen überlassen.

Wichtigster Schauplatz für die augenzwinkernde Kumpanei Russlands und Israels sind die südsyrischen Provinzen Quneitra und Daraa, wo der Aufstand gegen Assad begann. Bis 2018 unterhielt Israel auf den angrenzenden Golanhöhen Krankenstationen, um verwundeten sunnitischen Aufständischen beizustehen.

Irans Freunde einhegen

Zugleich sollte ein Erstarken von iranischen Revolutionsgarden und Hisbollah in diesen nahe Israel gelegenen Gebieten verhindert werden. Schließlich fühlt sich Israel schon aus dem Südlibanon von der schiitischen Partei Gottes Generalsekretär Hassan Nasrallahs bedroht. Eine weitere Front mit dem Iran im Süden Syriens gilt als rote Linie.

Diese berücksichtigte auch die russische Führung, als Assads Armee im Sommer 2018 die südlichen Provinzen zurückeroberte. Anders als im Norden des Landes, wo russische Einheiten massiv militärisch intervenierten, setzte Moskau dort verstärkt auf Verhandlungslösungen.

So gelang es einerseits, aufständische Milizionäre in die staatlichen Einheiten zu integrieren. Andererseits verhinderte Putin ein Einsickern mit Iran verbundener Milizen in den sensiblen Grenzbereich zu Israel und Jordanien. Denn auch das haschemitische Königreich, das Millionen syrische Geflüchtete aufgenommen hat, sieht ein Erstarken proiranischer Kräfte kritisch.

Anders als in den Provinzen Aleppo, Deir al-Zor und Hama, wo es Assad nach der russischen Intervention von 2015 gelungen ist, vollständige Kontrolle über das Territorium zurückzuerlangen, kommt es in Daraa und Quneitra weiter zu bewaffneten Konflikten. Das ist offenbar der Preis, den Moskau bereit ist zu zahlen, um seinen Verbündeten Iran aus der Region herauszuhalten.

Zur Erleichterung von Militärs und Politikern In Jerusalem: „Israel schätzt die Verbindungen und die Koordination mit der russischen Regierung, um eine tiefere Verankerung Irans in Syrien zu verhindern“, sagte der israelische Außenminister Gabi Ashkenazi Ende Oktober nach einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow in Athen.

Nichtsdestotrotz bleibt die russisch-israelische Allianz in Syrien fragil. Gegen Widerstände aus Jerusalem verkaufte Moskau schon kurz nach seiner Intervention 2015 S-300-Luftabwehrsysteme an Assad. Verhandelt wird nun auch mit Teheran über eine Lieferung der modernen Militärtechnologie, sehr zum Unwillen Israels. Ob die weit gediehenen Verhandlungen zum Abschluss geraten, hängt nicht zuletzt vom Ausgang der Wahlen in den Vereinigten Staaten ab. Schließlich ist der Süden Syriens längst zum Schauplatz eines Stellvertreterkriegs geworden, in dem neben Russland und Israel auch Jordanien und die mit ihm verbündeten sunnitischen Hegemonialmächte am Persischen Golf, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, verwickelt sind.

Nichts verpassen!

Tragen Sie sich hier ein für unseren wöchentlichen Newsletter: