Krieg in der Ukraine

Ukrainer brauchen keinen Führer

Putin hat sich geirrt, die Ukrainer treten seinen Soldaten mutig und motiviert entgegen

Russischer Panzer vor Kiew, Feb 2022
Putin hat den Kampfgeist der ukrainischen Bevölkerung unterschätzt: Russischer Panzer

In den ersten Tagen des Kriegs bewies die Ukraine einmal mehr die Überlegenheit demokratischer Gesellschaften gegenüber totalitären Regimen. Die militärischen Pläne des Kremls sind vor allem deshalb gescheitert, weil die Planentwickler die Stimmung und den Kampfgeist der ukrainischen Bevölkerung nicht verstanden und berücksichtigt haben.

Die russische Führung ging davon aus und informierte ihre Soldaten darüber, dass die Ukrainer sich nicht wehren würden und die Zivilbevölkerung die russischen Truppen willkommen heißen würde. Das Gegenteil war der Fall.

Die ukrainischen Militärbefehlshaber haben gezeigt, dass sie die Taktik des Sieges beherrschen. Die Soldaten sind motiviert, ihr Land zu verteidigen und persönlichen Mut und Heldentum zu zeigen.

So sprengte beispielsweise der 25-jährige Marinesoldat Vitaliy Skakun in Henichesk eine Brücke und konnte so den Angriff der feindlichen Truppen aufhalten. Russische Panzerkolonnen konnten 100 Kilometer tief in das ukrainische Territorium vordringen, aber in vier Tagen keine einzige größere Stadt erobern.

Jede Stadt wurde zu einer Festung, und in jeder Straße wurden Einheiten zur territorialen Verteidigung aufgestellt. Innerhalb von vier Tagen meldeten sich 100 000 Freiwillige für die Streitkräfte und die Territorialverteidigung. Sie alle erhielten Waffen, wurden auf die Einheiten verteilt und erhielten taktische Verteidigungspläne.

Demokraten sind Autokraten überlegen

In einer autoritären Gesellschaft hängt alles von den Befehlen einer einzigen Person ab, und diese Person hat sich in diesem Fall fatal geirrt. In einer demokratischen Ukraine organisiert sich die Bevölkerung selbst für den Fall der Verteidigung, und die politischen Führer lenken lediglich die Gesellschaft und versorgen das Militär.

Die Gesellschaft ist um die Idee der Verteidigung des Vaterlands konsolidiert. Alle internen Widersprüche und Konflikte sind vergessen. Die Zustimmung zu Präsident Selensky liegt bei 91 Prozent.

Gleichzeitig mischen sich die Politiker nicht in die Arbeit des Hauptquartiers der Armee ein, und die Generäle treffen die richtigen operativen Entscheidungen.

Alle Bürger tragen zur Verteidigung des Lands bei. Es gab Warteschlangen aufgrund von Aufrufen zur Blutspende in Krankenhäusern, und jetzt sind die Lager voll mit Spenderblut. Die Bürger spendeten fast eine Milliarde Griwna auf das Sonderkonto der Nationalbank für den Bedarf der Armee.

Internetnutzer schicken Videos von den Folgen der Invasion an russische Adressen und unterzeichnen in Europa Petitionen zur Unterstützung der Ukraine.

Die europäischen Sanktionen haben sich zu einem mächtigen Hebel zur Beeinflussung des Kremls entwickelt. Dabei handelt es sich in erster Linie um den Ausschluss russischer Banken aus dem Swift-System, ein Flugverbot für russische Flugzeuge und das Einfrieren von Vermögenswerten russischer Oligarchen. Die Äußerungen von Bundeskanzler Olaf Scholz, die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas zu verringern und Waffen an die Ukraine zu liefern, waren sehr wichtig.

Jeder Krieg endet mit einem Friedensvertrag

Die enormen menschlichen Verluste und die Wirtschaftssanktionen verändern bereits die öffentliche Meinung in Russland. Dies gilt sowohl für die Empörung der einfachen Bürger als auch für die Milliardenverluste der russischen Elite. Dies sollte Druck auf die russische Führung ausüben und den Frieden beschleunigen.

Die Ausrichtung des Angriffs hat gezeigt, dass der „Schutz der Menschen im Donbass“ nicht das eigentliche Ziel des Kremls ist. Die Umsiedlung der zivilen Flüchtlinge und die Abstimmung in der Staatsduma waren nur ein Täuschungsmanöver, das eigentliche Ziel des Kriegs war es, die Hauptstadt zu besetzen und die politische Führung auszutauschen, um sie zur Unterzeichnung politischer Vereinbarungen zu zwingen.

Leider zerstören die russischen Truppen Wohngebiete in den Städten und töten dabei unschuldige Zivilisten, darunter auch Kinder. Jeder Krieg endet mit einem Friedensvertrag. Die Ukraine hat mit Russland Gespräche über einen Waffenstillstand und den Rückzug der russischen Truppen aufgenommen. Wenn die russische Seite ihre Ultimaten aufgibt und sich auf Kompromisse einlässt, wird der Krieg beendet werden.

Andernfalls wird er Tausende von neuen Opfern fordern. Und vielleicht nicht nur in der Ukraine. Auch andere europäische Länder sind in Gefahr. Auch nach dem Abschluss von Friedensabkommen wird die Lage angespannt bleiben, und Europa und die Welt müssen das System der kollektiven Sicherheit und die einschlägigen internationalen Institutionen überprüfen, um bessere Mechanismen zur Verhinderung eines Weltkriegs zu entwickeln.

Dieser Text ist ursprünglich erschienen im Rotary Magazin.