Friedensnobelpreis

Friedensnobelpreis für ausgezeichnete Journalisten

Große Anerkennung für Maria Ressa und Dmitri Muratow und ihren Kampf um die Wahrheit

Dmitri Muratow Friedensnobelpreis
Ein ausgezeichneter Journalist: Dmitri Muratow

Investigative Medien verstehen sich in dem Teil der Welt, der oft als „der Westen“ bezeichnet wird, als Hüter der Demokratie, in Deutschland auch „vierte Gewalt“ genannt. Wie guter Journalismus Machtmissbrauch, Gewaltanwendung und wachsenden Autoritarismus der Mächtigen aufdeckt, findet zuletzt in den „Pandora Papers“ reichlich Anschauungsmaterial.

Die Philippinin Maria Ressa und ihrem russischer Kollegen Dmitri Muratow gehören zu denen, die in ihren Ländern mutig die Informations- und Meinungsfreiheit verteidigen, so gut es dort noch möglich ist. Nun hat die schwedische Akademie ihnen den Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Begründung der Vorsitzenden des Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen: „Freier, unabhängiger und faktenbasierter Journalismus dient dem Schutz vor Machtmissbrauch, Lügen und Kriegspropaganda.“

Derartiges stört die Kreise von Mächtigen in Politik und Wirtschaft. Dass deren dunkle Machenschaften von neugierigen Augen und Ohren durchleuchtet und die Ergebnisse veröffentlicht werden, bringt die Enthüller in Gefahr, vor allem in autokratischen Regimen und Diktaturen.

Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Freilich ist es eine große, schwierige Aufgabe, aus vielen kleinen Fäden eines komplexen Gegenstands eine konsistente, gerichtsfeste Berichterstattung zu generieren. Nicht immer ist das Offensichtliche zweifelsfrei die Wahrheit.

Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie von russischer Seite Desinformationskampagnen auch in Deutschland lanciert werden und wie Journalisten versuchen, eine Recherche zuende zu bringen, findet im neuen Roman von Yassin Musharbasch („Russische Botschaften“) eindrucksvolle Beispiele.

Aber die Realität schreibt in vielen autokratischen Staaten weltweit immer wieder Geschichten, die sich ein Romancier nicht ausdenken kann. Zu unglaubwürdig, und deshalb Hirngespinste. Und wer hätte es vor 25 Jahren für möglich gehalten, dass in Russland reihenweise Journalisten getötet, Oppositionelle ermordet oder weggesperrt und Menschenrechtsorganisationen als „ausländische Agenten“ diffamiert und ihrer Geschäftsgrundlage beraubt werden?

Freier Journalismus steht in Russland seit vielen Jahren unter erheblichem Druck. Das gilt auch für die Zeitung Nowaja Gaseta, deren Mitbegründer Muratow ist. Er hat trotz massiver Drohungen versucht, die Unabhängigkeit seiner Zeitung zu wahren – trotz der sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die seit dem Jahr 2003 Opfer unbekannter Täter geworden sind: Jura Schtschekotschichin, Igor Dominikow, Anna Politikowskaja, Nastja Baburowa und Stas Markelow, Natascha Estemirowa.

Trotzdem berichtet Nowaja Gaseta weiter über Korruption, Polizeigewalt, willkürlichen Festnahmen, Manipulation von Wahlen, sogenannten Trollfabriken sowie Russlands Truppeneinsätze im In- und Ausland, weshalb die Frankfurter Allgemeine kommentierte: „Das ist angesichts von immer mehr Gleichschaltungen, erst im vergangenen Jahr der Zeitung Wedomosti, ein beeindruckendes Verdienst.“

Auch aus dem Kreml gab es ein Wort zur Auszeichnung Muratows von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow: „Er ist talentiert, er ist mutig.“

Aber auch in Demokratien ist nicht alles Gold, was glänzt. Darauf wies Christophe Deloire hin, Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen. „Der Journalismus ist angeschlagen“, sagte er, „weil die Demokratien es auch sind.“ Denn die Freiheit der Presse und liberale Gesetze können von skrupellosen Menschen auch ausgenutzt werden – zur Verbreitung von Fake News, Gerüchten und Verschwörungserzählungen. Die fallen immer wieder auf fruchtbaren Boden, auch hierzulande.

Ressa und Muratow sind nicht die ersten Journalisten, die den Friedensnobelpreis erhalten. 1907 wurde der Italiener Ernesto Teodoro Moneta ausgezeichnet, 1936 der Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky.