Pussy Riot

Pussy Riot: ‚Hört auf, den Krieg zu sponsern‘

Die Punkband über die Gleichgültigkeit des Westens, Nazis und das Klima, Gas und Krieg

von Elena Witzeck
Pussy Riot Konzert in Kassel 14.5.22
Bühne in Deutschland statt Straflager in Russland: Maria Aljochina mit Pussy Riot am 14. Mai in Kassel.

Als die Aktivistin Marija „Mascha“ Aljochina im Mai getarnt als Mitarbeiterin eines Lieferdiensts ihren russischen Bewachern entkam, sprach die halbe Welt von einer legendären List. Die Geschichte ihrer Flucht aus dem Hausarrest, dem Versagen der russischen Staatsmacht war eine Story, die den Alltag aus Kriegsberichten durchbrach.

Mascha Aljochina aber begann die Geschichte zu hassen. Sie hatte Russland mit einer Mission verlassen, und alle fragten nach ihrer Flucht. Sie kam nach Deutschland und dachte nicht daran, den Leuten diese Ablenkung zu gönnen.

Wir trafen uns bei ihrem letzten Konzert in Deutschland, das zu einer seit Langem geplanten Tournee gehörte. Aus irgendwelchen Gründen lagen die Spielstätten kreuz und quer in Europa verteilt, sodass die Band manchmal zehn Stunden unterwegs war, bis sie kurz vor Beginn des Soundchecks an ihrem Ziel ankam. Das Ziel an diesem Tag war das frühere Eisenwerk von Völklingen im Saarland, wo Pussy Riot hinter stillgelegten Maschinen auftreten würden – eine Art historischer Verweis auf die deutsche Industrie, die zu kritisieren die Gruppe angetreten war.

Drinnen ist es so dunkel, dass man augenblicklich das Gefühl für die Zeit verliert. Auf Leinwänden, die zu einer Ausstellung über Musikvideos gehören, flimmern die Hintern der Tänzerinnen aus dem K-Pop-Song „Gangnam Style“.

Zwei Museumswärterinnen aus Kasachstan warten auf ihren Feierabend. Sie kennen Pussy Riot, sie sagen: Tolle politische Arbeit, aber die Musik ist uns zu krawallig.

Die deutschen Begleiter von Pussy Riot, Mitarbeiter einer Stiftung, stehen vor der Bühne herum und erzählen, wie müde die Aktivistinnen nach dem wochenlangen Touren sind. Niemand unterhält sich über den Krieg. Es ist Frühling, es ist Wochenende, und eine Euphorie wie beim Warten auf Popstars liegt in der Luft.

Die Gleichgültigkeit des Westens

Als ich backstage darf, sitzt Marija Aljochina über ein weißes Kleid gebeugt und näht einen Riss. Jemand von den Begleitern hat verkündet, die Aktivistinnen seien spärlich bekleidet, nur Frauen dürften rein. Aber niemand im Raum ist spärlich bekleidet, und niemand sieht müde aus.

Am Tisch sitzen Olga Borisova, die ehemalige Polizistin, und Diana Burkot, eine der Mitgründerinnen von Pussy Riot aus der Zeit, in der die Aktivistinnen mit Sturmhauben in Metrostationen auftraten. Diana Burkot war 2012 nicht beim weltbekannt gewordenen Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau dabei, als Pussy Riot den Himmel anriefen, um Putin zu vertreiben. Mascha und zwei andere wurden dafür zwei Jahre inhaftiert. Das Urteil kam später vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Mascha reagiert nicht auf Fragen nach ihrem Kleid. Erst als sie mit dem Nähen fertig ist, beginnt sie mit heiserer Stimme zu sprechen. „Überzeugt eure Politiker, kein Öl und Gas mehr aus Russland zu importieren“, sagt sie. „Hört auf, den Krieg zu sponsern.“

Es klingt so ähnlich wie das, was sie gerade auch im Interview mit den Tagesthemen gesagt hat, ihre Botschaft, sie hat sie viele Male wiederholt. „Weißt du, was ich 2014 zu hören bekam, als ich vor dem Europäischen Parlament gesprochen habe?“, fragt Mascha. „Sie haben mir gesagt, sie seien ‚tief besorgt‘.“ Olga und Diana lachen kurz und derb. „Ich erinnere mich an alles.“ Von der Naivität des Westens wollen sie nichts hören. Sie sprechen von Gleichgültigkeit.

Mascha hat die Angewohnheit, ihre Mitstreiterinnen zu zitieren, vielleicht um von ihrer eigenen Aufsehen erregenden Geschichte abzulenken oder um Diana zu helfen, die schlechter Englisch spricht und genervt ist, weil das Gespräch immer dann, wenn ihr etwas einfällt und sich endlich jemand bereit erklärt, für sie zu übersetzen, schon wieder einen Schritt weiter ist. Olga Borisova, die frühere Polizistin, ruft dazwischen: „I will explain – that's really crazy!“ Ihre Berichte sind Mosaiksteine ihrer Botschaft. Sie wollten den Deutschen zeigen, wie politisches Zaudern mit dem Krieg zusammenhängt. Sie wollten loswerden, weswegen sie gekommen sind.

Das Nazi-Ding

„Tell her about the nazi thing“, ruft Diana. Mascha hat gerade ein Jahr in Hausarrest verbracht, weil sie auf Instagram zur Demonstration für Alexei Nawalny aufgerufen hat. Obwohl Mascha sich nicht wie jemand verhält, die zu anderen aufblickt, scheint sie Nawalnys Arbeit sehr zu bewundern. Die Strafanklage lautet auf Verletzung von Hygienebestimmungen. Innerhalb dieser Zeit, berichtet Mascha, sei sie sechs Mal inhaftiert worden. Die Haftzeit lief ab, sie wurde vor der Haustür abgefangen und wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt wieder eingesperrt: „Wie im Karussell.“ So sei es je zwanzig Angeklagten in mindestens fünf Fällen gegangen.

Im Dezember dann habe ein anderer Straftatbestand auf ihren Verhaftungspapieren gestanden: Nazipropaganda. Als der Krieg begann, befand sich Mascha wegen ihres zweiten Nazipropagandafalls in einer Zelle. Über Inhaftierung und Gewalt können Pussy Riot stundenlang sprechen, aber es ist nicht genug Zeit.

Mascha malt sich gerade ein Kriegstribunal in Den Haag aus, bei dem nach Russlands Niederlage auch dem Propagandisten Wladimir Solowjow und Margarita Simonjan, der Chefredakteurin von Russia Today, der Prozess gemacht würde, als eine Frau hereinkommt und in Plastik geschweißte Käsewürfel auspackt. „Bitte“, sagt Mascha, „das machen wir später selbst.“

Einer der Tourbegleiter versucht, an den Soundcheck zu erinnern. Olga wischt den Einwand mit einer Handbewegung weg. Diana ruft nach Mascha, sie will etwas zur überfälligen klimapolitischen Wende sagen und zu einer Fabrik in Schweden oder in der Schweiz, die aus Abfall Energie macht. Es ist für sie unglaublich, dass man so viel wissen kann und doch so wenig tut.

„Mascha liebt das Gefängnis“

Vor der Tür stehen immer noch die Wartenden. Einer aus der Gefolgschaft sagt im Ton eines hilflosen Vaters, so chaotisch sei es schon die ganze Tour. Nun kann der Soundcheck beginnen. Techniker sehen dabei zu, wie sich Olga auf die Bühne wirft, Diana wie besessen auf ihre Trommeln einschlägt und Mascha Anweisungen gibt. Alles, was passiert, folgt ihrer Choreografie.

Den ganzen Nachmittag lang sitzt ein Mann im Karohemd bewegungslos am Rand der Bühne, dort, wo das Licht versiegt. Lucy, Maschas aktuelle Freundin, schleicht um ihn herum. Von ihr stammt die Idee mit der Verkleidung für Maschas Flucht. Alexander Cheparukhin ist der Produzent. Er will vom Krieg sprechen. Stattdessen spricht er von Mascha.

Was für ein Unsinn, es überhaupt Flucht zu nennen: „Mascha mag Russland, sie liebt das Gefängnis, sie will bei den Menschen sein, die kämpfen.“ Nicht aufgehalten wurde sie wegen des allgemeinen Kriegschaos. Für Diskreditierung der russischen Armee kann man sie nach Rückkehr mindestens fünf Jahre lang einsperren. Wie nützlich eine Aktivistin in Lagerhaft im Kriegschaos sein kann, das sagte er nicht.

Cheparukhin, der auf der Krim aufwuchs und zuletzt in Amerika gelebt hat, ist noch überrumpelt von der Geschwindigkeit der Ereignisse. Er spricht von Jelzin, erinnert sich an Putins Antrittsrede. „Als ich diesen Menschen sah, war ich entsetzt: seine Körpersprache, sein Gesichtsausdruck, diese Sprache.“

Cheparukhin bereitet sich gedanklich schon auf einen Atomschlag vor. Dann steht er doch noch auf, geht gemächlich in Richtung Bühne und beginnt, mit seinem Handy Fotos zu machen.

Unter den Konzertbesuchern, die jetzt in die Halle kommen, sind Punks, Pärchen, Mütter mit ihren Töchtern und Männer mit zotteligen Haaren. Zwei elegante Frauen warten an der Backstage-Treppe auf die Band. Eine von ihnen ist aus Frankreich gekommen, ihre Katze heißt Nawalny, die andere sitzt auf einem Schemel. Beide sehen aufgeregt aus. „Wer so alt ist wie wir, kommt aus politischen Gründen hierher“, sagt die Frau auf dem Schemel. Aber doch auch wegen der Musik, wendet die Frau mit der Katze ein. Beide sind entschlossen, weniger zu heizen, wenn es den Krieg und die Zukunft ihrer Enkel beeinflusst.

Vor einem Lieferausgang der Halle sitzt der Saxofonist der Gruppe und raucht. Er hat schwarze Locken und einen zaghaften Blick. Anton kommt aus Moskau und macht Free Jazz, wenn er nicht mit einer Performance durch Europa tourt, die den Untergang der russischen Regierung beschwört.

Seine Familie in Moskau weiß nichts von Pussy Riot. Er nennt sie mit leiser Stimme „somehow brainwashed“. Seit einiger Zeit wohnt er in Zürich, mit seinem Baby wollte er im Sommer nach Moskau kommen. Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht mehr. „Ich weiß nicht, ob das Regime uns im Auge behält“, sagt Anton, es klingt wie eine Frage. Viele seiner russischen Freunde haben Moskau verlassen, und seine ukrainischen Freunde sind im Krieg.

Eine Weile ist es still bis auf die fernen Töne der Soundanlage. Dann sagt Anton: „Das Schlimmste ist, wie sich die Leute daran gewöhnen.“ In der Hauptstadt werden keine Soldaten begraben, die kommen überhaupt nicht aus Moskau. Die Dinge laufen einfach weiter, volle Restaurants, saubere Straßen. Man kann den Krieg ignorieren.

Zukunft gegen Vergangenheit?

Irgendwann kommen Pussy Riot doch noch auf die Bühne. Die Performance erzählt die Geschichte einer Entscheidung für die Revolution, Maschas Geschichte, weil sie wissen, dass die Menschen Storys verlangen und ihre im Grunde für alle steht, die Putins Willkür selbst erlebt haben. In einem Sprechgesang verkünden Mascha, Diana und Olga ihre Botschaft, hinter ihnen laufen die Videos von damals. „Revolution ist ein Kampf der Zukunft mit der Vergangenheit“, rufen sie und übergießen sich mit Wasser. Die Geschichte endet mit einem Song für die Ukraine, mit einem Befehl: Habt keine Angst, wehrt euch.

Dass eine Botschaft durch ihre beständige Wiederholung zur Phrase wird, ist ein unkontrollierbares Risiko. Sie deshalb nicht zu wiederholen wäre keine Lösung. Ihre Wiederholung aber hat etwas Vertrautes, sie verleitet zum Einordnen, lässt an das Wörterbuch der Revolution denken.

Das Konzert ist vorbei. Vor der Bühne diskutieren ein paar Studentinnen und Studenten. Die einen sind entsetzt über das Geschrei, so gehe Kunst nicht. Die anderen rufen: Habt ihr überhaupt nichts verstanden? Zwei junge Frauen weinen.

Olga, Diana und Mascha sitzen auf der Bühne und sprechen nun direkt zu ihren übrigen Gästen. Diana erzählt von vergewaltigten Kindern in der Ukraine. Mascha sagt: „Ihr denkt wahrscheinlich, dass eure ruhige Demokratie für immer bleibt.“ Sie sagen die Sätze, die sie schon seit Wochen sagen, und sie blicken in die Runde, auf der Suche nach einem Funken Komplizenschaft in den Augen ihrer Zuhörer.

Eine junge Frau fragt, wie sie ihrer Großmutter in Russland eine SIM-Karte besorgen könnte. Eine andere will wissen, ob sie, die Popstars, zu einer von ihr organisierten Demonstration kommen könnten. Ein Moderator fragt nach ihren Gefühlen. Mascha ruft: „Die Geschichte interessiert sich nicht für unsere unglaublichen Gefühle.“

Einen Moment lang wendet sie sich ab, blickt in die Schwärze der Halle und sieht aus, als bete sie, dass ihr der Himmel neue, unverbrauchte Worte sende. Aber es bleibt keine Zeit, darauf zu warten. Am nächsten Tag spielen sie schon ganz woanders.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 4.6.2022 erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung / Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.