„Bei dir ist ein Krieg ausgebrochen“

Anastasiia Kowalenko, 26, Kiew, sucht Arbeit im IT-Bereich: „Ich bin doch kein Flüchtling“

Anastasiia Kowalenko entkam dem Krieg
Von Sozialhilfe leben? "Ich beschloss, mir lieber einen Job zu suchen." Anastasiia Kowalenko

Alle meine Bekannten waren schon vor dem 24. Februar auf einen Krieg gefasst. Und sie fragten mich, ob ich darauf vorbereitet sei und was ich machen würde, wenn es auf einmal so weit wäre. Darauf antwortete ich immer: „Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Was denn für ein Krieg?“ Mein Verstand arbeitete in ganz anderer Richtung. Er lehnte das alles total ab.

Die letzten acht Jahre habe ich in Kiew gelebt. Ich habe für verschiedene Organisationen im kulturellen Bereich gearbeitet. Wir veranstalten jedes Jahr ein großes Festival für klassische Musik.

Der Bezirk, in dem ich wohnte, ist ziemlich laut. Da ist immer irgendwas in Bewegung, Autos, Menschen, alles Mögliche. Zu jeder Tageszeit. Am Abend vor dem 24. kam ich so gegen Mitternacht nach Haus. Es war völlig still. Ich habe mich gewundert. Ich komme nach Hause, lege mich schlafen.

Der 24. Februar: Mich weckt ein Anruf meiner Mutter

Ein paar Stunden später weckt mich ein Anruf meiner Mutter. Sie lebt in Krementschuk. Sie sagt: „Bei dir ist ein Krieg ausgebrochen.“ Und ich denke, ich träume. Sie sagt: „Was willst du jetzt machen?“ und so weiter, aber ich kapiere überhaupt nichts, weil ich gerade fest geschlafen habe. Und dann begreife ich auf einmal, dass das kein Traum ist.

Ich lege den Hörer auf und bemerke, dass ich wie betäubt bin. Ich begreife nicht, was ich jetzt machen soll. Deshalb rufe ich meine Freunde an, die ich in solchen Fragen für kompetenter halte, und sage: Was soll man jetzt tun? Sie sagen: Bleib zu Hause. Und ich bin am 24. zu Hause geblieben. Aber ich ging einkaufen. Da waren natürlich lange Schlangen. Es gab viele Leute, die einfach nur die Regale leerräumten. Reis war schon nicht mehr kriegen.

KARENINA-Serie
Flucht und Exil
Seit Februar 2022 sind hunderttausende Menschen aus der Ukraine und zahlreiche russische Oppositionelle nach Deutschland geflüchtet. Viele von ihnen möchten darüber berichten, bevor die Erinnerung verblasst. Unsere Dokumentation von „Interviews gegen das Vergessen“ entsteht in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Zu dieser Zeit die Stadt verlassen zu wollen, das wäre eine dumme Entscheidung gewesen. Wenn ich mich früher dazu entschlossen hätte, zum Beispiel um vier Uhr morgens, das wäre was anderes gewesen. Viele haben das gemacht, die kamen rechtzeitig raus. Aber die Leute, die am 24. versuchten, die Stadt zu verlassen, kamen erst am 25. Raus. Weil zu viele das Gleiche wollten.

In der Metro waren zu viele Menschen. Mir graust es vor Orten, an denen viele Menschen sind und wenig Raum. Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen.

Am nächsten Tag habe ich praktisch nicht geschlafen. In meiner Wohnung sind überall Fenster, außer im Bad. Ich habe versucht, im Bad zu schlafen. Ich ließ das Licht ständig an, denn wenn es aus war, bekam ich Angst. Außerdem hatte ich Panikattacken, vorher schon. Ich weiß in etwa, wie man damit umgeht. Wenn man nichts dagegen tut, wird es schlimm. Ich fange an zu weinen und kann dann stundenlang nicht mehr aufhören. Und das schlaucht furchtbar.

Von Kiew nach Lwiw: Ich fuhr im Stehen

Und so verging die Nacht. Früh am Morgen schrieb mir ein Freund, der Kiew schon verlassen hatte. Er schrieb mir ganz einfache Sachen, sowas wie: Komm zu mir in die Westukraine. Und da beschloss ich zu fahren.

Ich fuhr im Stehen. Das heißt, manchmal setzten wir uns auf den Boden, aber es war sehr kalt, deshalb mussten wir im Stehen fahren. Der Zug hielt immer wieder an. Es war sehr beängstigend. Alle paar Stunden hielt er an, und das Licht ging aus. Man durfte nichts benutzen, nicht laut sprechen, denn jede kleinste Lichtquelle konnte tödlich sein. Wir fuhren an Winnyzja vorbei, das gerade zu der Zeit heftig beschossen wurde. Das war genau als wir da vorbeifuhren. Wir hörten die Einschläge.

Ich kam in die Westukraine und wohnte dort ein, zwei Wochen in einer Stadt, dann fuhr ich nach Kamjanez-Podilskyj. Das ist ziemlich weit. Es war mir sehr unangenehm, bei fremden Leuten zu wohnen, also fuhr ich nach Lwiw. Eine Woche später schlug ganz in der Nähe eine Rakete ein. Das habe ich alles gehört. Ich hörte das Geräusch der anfliegenden Rakete, und ich sah das Ergebnis des Einschlags.

Freunde luden mich nach Berlin ein. Da beschloss ich, weiterzufahren. Von Lwiw fuhr ich nach Iwano-Frankiwsk, dann mit dem Bus nach Warschau. Dort wurden die Flüchtlinge aufgenommen und versorgt. Und dort nannte man mich zum ersten Mal Flüchtling. Wir bekamen zu essen, aber ich fan das merkwürdig; ich dachte, ihr braucht mir nichts zu essen zu geben. Ich bin doch kein Flüchtling.

Dann verstand ich, dass ich wohl doch etwas essen sollte. Ich meine, ich hatte einfach die ganze Zeit nichts gegessen, bis ich in Polen ankam. Ich dachte mir: Na gut, ich nehme das Essen, aber ich bin kein Flüchtling. Nein, ich bin bloß... Ich saß auf diesem Bahnhof und wartete auf einen Zug.

Im Zug von Warschau nach Berlin schlug meine Stimmung seltsam um. Ich fuhr zusammen mit Menschen, die aus der Ostukraine kamen. Und die machten ganz fröhliche Gesichter. Kennst du das? Das war eine Art von Hysterie, die aussieht wie Glück.

Da war ein Ehepaar, um die sechzig Jahre alt. Sie sagten zu mir: „Weißt du, wir saßen im Keller und warteten, dass es vorbei ist. Tagelang saßen wir da, es zog sich eine ganze Woche hin. Dann merkten wir, dass wir nichts mehr zu essen hatten, auch kein Wasser mehr, gar nichts, und wir begriffen, wir sterben jetzt entweder hier drinnen, oder wir gehen nach draußen und sterben da. Wir entschieden uns dafür, draußen zu sterben.“

Bei denen ist alles weg, sie haben alles verloren. Ihr Haus gibt es nicht mehr, es wurde dem Erdboden gleichgemacht. Ihre Kinder wohnten zu der Zeit in Russland, und als das alles anfing, haben sie gesagt, sie sollten zu ihnen kommen. Aber der Mann sagte, er fahre lieber nach Berlin als zu seinen eigenen Kindern. Das war so eine Geschichte, danach dachte ich: Hm, jetzt fühle ich mich wahrscheinlich irgendwie anders.

In Berlin hat mich ein Freund abgeholt. Als wir im Zug saßen, fragte er mich: „Was möchtest du? Möchtest du vielleicht irgendetwas Besonderes?“ Und ich hatte solche Lust auf ein Brot mit Butter und Käse. Nur das, sonst nichts. Ganz konkret ein Brot mit ganz konkret Butter und ganz konkretem Käse.

Mein Entschluss: Keine Sozialhilfe, lieber arbeiten

In Berlin habe ich ein Zimmer gemietet. Ich habe mich angemeldet, weil man mir gesagt hatte, das sei nützlich. Aber ich habe von Anfang an nicht daran gedacht, dass ich einfach so von diesem Geld [der Sozialhilfe; Red.] leben würde. Das ist mir unangenehm. Die Prozedur an sich ist sehr einfach, wirklich, aber in der Praxis ist es nicht so einfach.

Um das Geld zu bekommen, muss man an einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Zeit zu einer bestimmten Stelle gehen, lange in der Schlange stehen, alle möglichen Formulare ausfüllen, seine Papiere vorlegen und das Geld abholen. Also die Prozedur ist ganz logisch.

Ich habe das einmal gemacht. Diese Stelle öffnet um 8 Uhr morgens. Ich komme nicht gern zu spät, deshalb ging ich beim zweiten Mal früher hin. Ich dachte, dann werden weniger Leute da sein oder vielleicht gar keine. Aber die Schlange da war sicher dreimal so lang wie beim ersten Mal.

Na gut, eine Schlange, ist ja nicht schlimm. Aber die Stelle ist eingezäunt, und die ganze Zeit kamen immer noch Leute. Das war für mich seelisch belastend, wegen dieser Absperrungen. Ich hatte das Gefühl, als würden die Leute einfach hinter einem Zaun eingepfercht, und man nähme sie gar nicht als Gleichberechtigte wahr.

Eine Frau sagte: „Ich bin in diesem Monat schon ein paarmal hiergewesen. Heute war ich um drei Uhr morgens hier, und ich war trotzdem nicht die erste.“ In diesem Moment machte es in mir klick und ich wußte, das mache ich nicht. Ich beschloss, mir lieber einen Job zu suchen, sogar einen, der mir nicht gefällt.

Ich habe „Werbung und Public Relations“ studiert“. Ich würde mich jetzt gern im Management versuchen, in einem richtigen Unternehmen, ich meine im Bereich Informationstechnik. Das, was man mit dem großen Wort IT bezeichnet. Weil das ein wirklich weites Feld für Experimente ist, und ich experimentiere gern. Da gibt es viele neue Informationen, die mich auch interessieren. Das sind meine nächsten Pläne.

 

Mit Anastasiia Kowalenko sprach Tatiana Firsova am 26.8.2022. Aus dem Russischen übersetzt haben Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann.

Wie die Interviews entstehen

In dieser KARENINA-Serie kommen Zeitzeugen aus der Ukraine und Russland zu Wort. Wir möchten nicht nur erfahren, was die einen bei der Flucht vor dem Krieg, die anderen bei der Flucht vor Unterdrückung sowie sie alle im Exil erlebt haben, sondern auch verstehen, wie sie denken. Deswegen fragen wir sie nicht nur über das Erlebte, sondern auch über ihre persönlichen Gedanken zum Geschehen in Osteuropa. 

Unsere Gesprächspartner eint unabhängig von Alter, Ausbildungsniveau, Muttersprache und Beruf der Wunsch, ihre Geschichten mit uns zu teilen.

Die Interviews dauern unterschiedlich lang: von etwa 20 Minuten bis zu mehr als zwei Stunden. Viele erzählen gerne und sprechen sehr offen, andere sind zurückhaltender. Wir halten unsere Fragen offen, lassen erzählen, nicht antworten. Das führt manchmal zu sehr langen Texten. Aber werden dabei offener, reicher.

Wir kürzen die Ergebnisse wo nötig, um den Text lesbarer zu machen. Aber die Wortwahl bleibt die der Sprechenden. So bleiben die Erzählungen authentisch. Es sind allesamt individuelle Zeugnisse von „Flucht und Exil“ mitten in Europa.

Lesen Sie weitere „Interviews gegen das Vergessen“ aus der KARENINA-Serie „Flucht und Exil“.

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