Sputnik V: ‚insgesamt vertrauenswürdig‘

Wolf-Dieter Ludwig rechnet mit der Zulassung des russischen Impfstoffs durch die EMA in sechs bis acht Wochen

Was ist ein schnelles Prüfverfahren, was eine bedingte Zulassung? Wolf-Dieter Ludwig erklärt es.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft seit Anfang März die Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V in der EU. Wolf-Dieter Ludwig, bis 2017 Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Helios-Klinikum Berlin-Buch, ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Seit 2013 ist er als Vertreter der Europäischen Ärzteschaft (CPME) Mitglied des Management Board der EMA. Er ist Herausgeber des unabhängigen Informationsblatts "Der Arzneimittelbrief" in Deutschland. KARENINA sprach mit ihm über das Verfahren und Vorurteile gegen den russischen Vektorimpfstoff.

KARENINA: Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat ein „schnelles Prüfverfahren“ zur Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V eröffnet. Die EU hat durch die Lieferprobleme mehrerer Hersteller Bedarf an Impfstoff, um nicht von Not zu sprechen. Darf Sputnik V nun mit einem beschleunigten schnellen Prüfverfahren rechnen?

Wolf-Dieter Ludwig: Die bisher zugelassenen Impfstoffe haben alle dasselbe Verfahren durchlaufen und nach einem sogenannten Rolling Review eine bedingte Zulassung („conditional marketing authorisation“) erhalten. In einem solchen Verfahren werden die Ergebnisse aller drei Studienphasen von der EMA bewertet, sobald sie vorliegen.

Das heißt: Als Sputnik V den Antrag auf Zulassung in der EU stellte, waren diese Untersuchungen bereits abgeschlossen. Da aber die klinischen Daten noch unvollständig waren, wird von der EMA jährlich verlangt, dass weitere Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit nach der Zulassung eingereicht werden.  Bei Vorliegen umfangreicher Daten zum Nutzen-Risiko-Verhältnis kann dann eine Umstellung von einer jährlich verlängerbaren auf eine unbefristete Standardzulassung erfolgen.

Wir neigen dazu, Forschung an einheimischen Produkten vorbehaltlos als kompetent und ehrlich zu bewerten, ausländische weniger; der russische Impfstoff war mit einem besonders großen Vorbehalt belastet. Kann man sich auf die Daten, die Russland liefert, verlassen?

Bei Sputnik V wurde bezüglich der Ergebnisse zunächst deutliche Skepsis geäußert. Einige Abbildungen der ersten Studienergebnisse, die früh, schon im vorigen Jahr, in Lancet veröffentlicht wurden, kamen einigen Experten zu Recht spanisch vor.

Die jetzigen Ergebnisse, ebenfalls in Lancet veröffentlicht, wirken insgesamt vertrauenswürdig. Deshalb gehe ich davon aus, dass nach gründlicher Prüfung durch die EMA die Zulassung erfolgt.

Den Prozess verzögern kann allerdings, dass es zwischen der EU und Russland keine Vereinbarung zur sogenannten Guten Herstellungspraxis gibt. EU-Regel ist, dass von der EMA benannte Experten sich die Herstellungspraxis vor Ort in Russland anschauen. Das wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich rechne jedoch damit, dass die bedingte Zulassung durch die EMA zügig, vermutlich in sechs bis acht Wochen erfolgt.

Auch zur in Lancet veröffentlichten Studie gibt es Fragen: Die Impflinge sollen Erwachsene sein, ab 18 Jahren. Sind das alles junge Leute? Oder eine gute Mischung zwischen 18 und 88?

Die Altersverteilung ist relativ gut. Allerdings ist der Prozentsatz bei den Älteren, wie auch bei anderen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2, relativ klein: 18- bis 30-Jährige sind in der Sputnik-Studie mit 11 Prozent vertreten, die 31- bis 40-Jährigen mit etwa 26 Prozent, 41 bis 50 Jahre machen 30 Prozent aus, 51 bis 60 Jahre 23 Prozent und die über 60-Jährigen 11 Prozent.

Ungewöhnlich an der Studie ist, dass man im Verhältnis 3 (Impfstoff) zu 1 (Placebo) randomisiert hat. Üblich ist 1:1. Das heißt: Die Hälfte der Probanden erhält den Impfstoff, die andere Hälfte das Placebo oder, wie bei AstraZeneca, einen nicht gegen SARS-CoV-2 wirksamen Meningokokken-Impfstoff. Bei Sputnik haben 75 Prozent den Impfstoff bekommen, 25 Prozent das Placebo. Das schränkt die Aussagekraft hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit etwas ein.

Außerdem: Die relative Wirksamkeit von 91,6 Prozent bei Sputnik klingt sehr vielversprechend. Aber die absoluten Zahlen der Studie sind, wie bei den anderen bereits zugelassenen Impfstoffen, eher ernüchternd.

Weshalb?

Bei knapp 20 000 Probanden, die letztlich Impfstoff oder Placebo erhielten, haben sich unter den 14 964 Teilnehmern, die den Impfstoff bekamen, 16 mit Covid-19 infiziert (0,1 Prozent), von den 4902 aus der Placebogruppe 62 (1,3 Prozent). Daraus errechnet sich eine relative Wirksamkeit von 91,6%. Dies liegt in etwa im Bereich Wirksamkeit der beiden mRNA-Impfstoffe BioNTech/Pfizer und Moderna.

Umso wichtiger die Nachfrage: Wird es also wegen des Impfstoffmangels zu einem noch schnelleren Verfahren kommen?

Das glaube ich nicht. Allerdings ist der politische Druck in Deutschland schon wieder enorm. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ein prominenter Politiker, zuletzt der bayerische Ministerpräsident, nicht mahnt, die EMA möge Sputnik V rasch zulassen. Ich halte – und hielt auch früher schon – diesen politischen Druck für nicht angebracht. Denn die Öffentlichkeit ist weiter verunsichert, und wenn die Menschen den politischen Druck bemerken, dann könnten sie sagen: Das ist keine gründliche Prüfung.

Man sollte betonen: Es handelt sich bereits um eine beschleunigte Prüfung, und die EMA wird ihre Entscheidung so schnell wie möglich treffen, nachdem sie sich die Daten der Phase-3-Studie und die „Gute Herstellungspraxis“ genau angeschaut hat. Die Vorsitzende des Management Board der EMA, Christa Wirthumer-Hoche aus Österreich, hat zu Recht betont, sie möchte kein russisches Roulette. Der Vergleich ist gewagt, aber ich bin sicher, sie treffen ihre Entscheidung so rasch wie möglich.

Man könnte auch umgekehrt fragen: AstraZeneca und Sputnik basieren auf derselben Technologie. Nach den Problemen von AstraZeneca könnte man auch verlangen: Die Prüfung muss noch strenger ausfallen.

AstraZeneca ist ein guter Impfstoff. Mehr als 20 Millionen Menschen sind damit bisher geimpft worden. Die Unterbrechung der Impfungen in Deutschland wegen der sehr seltenen Nebenwirkungen war vorschnell. Die EMA hat nach zwei Sitzungen ihres Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) klar gesagt, dass bei diesem Impfstoff der Nutzen weiterhin das Risiko von Nebenwirkungen überwiegt. Das Prüfverfahren für Sputnik wird deshalb wie für bedingte Zulassungen vorgesehen weiterlaufen.

Wir müssen ja die Impfbereitschaft – derzeit in Deutschland etwa bei zwei Drittel – erhöhen. Wenn bei der Zulassung Fehler gemacht werden, dann steigert das die Impfbereitschaft nicht.

Und auch nicht, wenn es zu Impfschäden kommt. Wer haftet eigentlich dafür?

Wenn Staaten wie Ungarn und die Slowakei eine Notfallzulassung beschließen und aus dem üblichen beschleunigten Verfahren der EMA ausscheren, dann haftet bei Impfschäden der Staat. Wenn sie eine bedingte Zulassung durch die EMA abwarten, die einer regulären, aber zeitlich befristeten Zulassung entspricht, dann haftet der pharmazeutische Unternehmer.

In der deutschen Bevölkerung scheint es gleichwohl Vorbehalte gegen den russischen Impfstoff zu geben – und auch gegen die gelieferten Daten. Berechtigt?

Als Putin im vorigen Jahr vor Beginn einer Phase-3-Studie ankündigte, mit der Impfung zu beginnen, war ich entsetzt. Damit sorgt man in anderen Ländern, in denen Ergebnisse der Phase-3-Studie zu Wirksamkeit und Sicherheit Voraussetzung sind für die Zulassung, für Skepsis gegenüber dem Impfstoff und sicher nicht für steigende Impfbereitschaft. Deshalb müssen die jetzt vorliegenden Studiendaten sorgfältig geprüft werden, damit der damals entstandene Vertrauensverlust beseitigt werden kann.

Würden Sie den russischen Impfstoff auch Ihrer Frau oder Ihren Kindern impfen?

Ich würde noch einmal nachdenken und mir die Studienergebnisse erneut sehr gründlich anschauen. Aber prinzipiell ja. Ich glaube, dass die Wirksamkeit in der Größenordnung der mRNA-Impfstoffe (BioNtech und Moderna) oder etwas darunter liegt.

Wenn jemand mit einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 mich fragt, mit welchem Impfstoff er sich impfen lassen soll, würde ich immer sagen: Nehmen Sie den Impfstoff, der von der EMA zugelassen wurde und den Sie am schnellsten bekommen. Selbstverständlich muss grundsätzlich vor Impfung eine gründliche Aufklärung über die Merkmale des jeweiligen Impfstoffs erfolgen.

Die russische Bevölkerung scheint noch große Vorbehalte zu hegen. Obwohl es den Impfstoff sogar in Kaufhäusern gibt, will deutlich mehr als die Hälfte sich nicht mit Sputnik V impfen lassen. Können Sie das erklären?

Vermutlich funktioniert die Information der Öffentlichkeit noch schlechter als bei uns – und zwar über das, was wir wissen, aber auch über das, was wir nicht wissen sowie den Zweck der Impfkampagne. Und weil man bereits im Sommer 2020 einen Impfstoff angeboten hat, zu dem noch keine randomisierte kontrollierte Studie der Phase 3 existierte. Je schlechter wir informieren, desto geringer ist die Impfbereitschaft.

Russland verkauft Impfstoff ins Ausland oder gibt die Produktion dahin. Ist es moralisch in Ordnung, russischen Impfstoff bei uns zu verwenden?

Wenn sich die Russen nicht impfen lassen wollen, dann wäre das ok. Wenn aber reiche Industriestaaten, die etwa ein Siebtel der Weltbevölkerung ausmachen, bereits heute mehr als die Hälfte der erfolgversprechenden Impfstoffe für sich reservieren, dann ist dies unmoralisch und wird zu Recht heftig kritisiert. Wenn in Russland so eine große Impfskepsis gegen den heimischen Impfstoff besteht, dann wäre es ethisch besser, wenn wir die Russen mit Impfstoff aus Europa versorgen und wir den gut geprüften und von der EMA zugelassenen russischen Impfstoff für gutes Geld beziehen.

Inzwischen scheinen vereinzelt auch Deutsche nach Russland zu reisen, um sich impfen zu lassen. Ist derartiger Impftourismus in Ordnung?

Ich finde weder den Impftourismus in Ordnung noch den Impfnationalismus. Wir haben für einen kleinen Bruchteil der Weltbevölkerung mehr als drei Viertel der Impfstoffe bestellt. Wenn wir diese Pandemie irgendwann beherrschen oder sogar besiegen wollen, brauchen wir aber eine globale Impfkampagne. Sputnik V ist dafür ein wichtiger Baustein – auch weil der Preis im Vergleich zu BioNtech und Moderna niedriger ist.

Der russische Hersteller hatte bei der EMA als EU-Partner die Firma R-Pharm Germany GmbH (Illertissen) angegeben. TASS nennt als möglichen Kooperationspartner in Deutschland IDT Biologika in Dessau-Roßlau, mit dem es wohl tatsächlich Gespräche gegeben hat. Produktion von Sputnik V in Deutschland ist zu befürworten, oder?

Angesichts der sehr schleppenden Impfkampagne müssen wir bei allen zugelassenen Impfstoffen die Produktionskapazität deutlich steigern, damit wir eine ausreichende Zahl der Bevölkerung mit dem Impfstoff versorgen können.

Etliche Staaten setzen Sputnik V schon ein, auch europäische (obwohl in der EU noch nicht zugelassen). Ein Propagandaerfolg für Russland? Oder Versagen der EU oder eigener Staaten?

Es war richtig, dass die EU diese Impfstoffe gemeinsam beschaffen wollte. Schlicht um zu verhindern, dass jeder Staat so viel ergattert wie möglich. Großbritannien hatte zeitweise mehr Impfstoff bestellt, als es für die gesamte Bevölkerung brauchte. Die Transparenz aber über die Verträge der EU mit den Impfstoffherstellern war unzureichend. Wären auch die Einstiegspreise der Impfstoffhersteller bekannt gewesen, hätte man vielleicht mehr Verständnis gehabt für die zögerliche Bestellung durch die EU. Und wahrscheinlich hätte es Proteste gegeben und die Hersteller wären schnell mit den Preisen runtergegangen, da sie in Forschung und Entwicklung ihrer Impfstoffe auch von staatlicher Seite subventioniert wurden.

Wie finden Sie – Stichwort: Propaganda – den Namen Sputnik V?

Ich bin generell sportlich eingestellt. Und Wettkämpfe sind schön. Auch der Wettlauf um die Vormachtstellung im Weltraum war spannend. Aber ich finde den Namen unglücklich. Er induziert etwas, dass es sich bei der Impfstoffherstellung um einen Wettkampf der politischen Systeme handelt. Gam-COVID-Vac hätte mir besser gefallen. Das Gamaleja-Institut ist ja ein sehr renommiertes Forschungsinstitut. Mit diesem Namen hätte man mehr gepunktet als mit Sputnik V.

Wann können wir in Europa mit dem Einsatz von Sputnik V rechnen?

Wenn alles optimal läuft in der zweiten Maihälfte, vorher nicht.

Wie lange könnte der Impfschutz nach einer Sputnik V-Impfung anhalten? Im Vergleich zu anderen?

Das werden wir erst nach längerer Nachbeobachtung der mit Sputnik V geimpften Probanden wissen.

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