Was, wenn der Ukraine-Krieg nicht endet?

Liana Fix, Michael Kimmage: Was die Welt bei einem langen Krieg erwartet, Foreign Affairs, 20.4.2022

von KARENINA
Foreign Affairs Krieg Ukraine

Im Putin-Russischen Krieg sieht so aus, „als könnte kein Land erreichen, was es erreichen möchte“, schreiben Liana Fix und Michael Kimmage in Foreign Affairs. Die Ukraine könne möglicherweise die russischen Streitkräfte nicht vollständig vertreiben, Russland nicht die Kontrolle über die Ukraine erreichen. Ohne endgültige Lösung, ohne baldiges Ende stelle sich die Frage: Für wen arbeitet die Zeit?

„Die Zeit könnte auf Russlands Seite stehen“, meinen die beiden, die vor einigen Wochen fragten: Was wenn Russland gewinnt? Ein langer Krieg hätte für die Ukraine das fürchterliche Ergebnis eines zerstörten Lands und des finanziellen Ruins, aber auch die Chance, ein besseres Verhandlungsergebnis zu erzielen als derzeit möglich. Einen „Deal mit dem Teufel“ unter Aufgabe größerer Gebiete und Entmilitarisierung könne Selensky jetzt nicht schließen.

„Die Kosten eines schnellen Endes dieses Kriegs könnten für die Ukraine sehr viel höher sein als für Russland“, meinen Fix und Kimmage. „Für Russland besteht die Gefahr, dass der Stolz eines Diktators beschädigt wird, wenn der Krieg zu den Bedingungen der Ukraine beendet wird. Für die Ukraine gefährdet die überstürzte Annahme russischer Bedingungen das Wohlergehen ihrer Bürger und die Existenz als unabhängiger Staat.“

Für Europa bedeutete ein langer Krieg einen neuen Eisernen Vorhang, der weniger stabil wäre als der vormalige, die Gefahr des Übergreifens, und steigende Preise und für die Welt Hungersnöte und wirtschaftliche Unsicherheit.

In einem ewigen Krieg könnte die Unterstützung für Kiew im Westen erodieren, wo die Menschen „an die Annehmlichkeiten einer globalisierten Friedenswelt gewöhnt sind“. In Russland sei das anders, wo die Bevölkerung durch die Propagandamaschine des Präsidenten „für eine Kriegsgesellschaft aufgehetzt und mobilisiert“ habe.

Deshalb müsse der Westen seine Strategie auf einen längeren Krieg vorbereiten und über Militärhilfe und Sanktionen hinaus erweitern – in den Ländern, welche die Ukraine unterstützen. (Nur 37 haben Sanktionen gegen Russland verhängt, ist nebenbei bemerkt, nicht alle Staaten der Welt blickten mit denselben Augen auf diesen Krieg.) „Im Zeitalter von Social Media und bildgetriebener Emotionalität kann die öffentliche Meinung unbeständig sein. Damit die Ukraine Erfolg hat, muss die globale öffentliche Meinung für sie stark sein“, so Fix und Kimmage. „Dies wird mehr als alles andere von einer geschickten und geduldigen politischen Führung abhängen.“

Westliche Politiker müssten erklären, „weshalb die Unterstützung der Ukraine nicht nur altruistisch, sondern grundlegend für die europäische Sicherheit und die Zukunft freier Gesellschaften ist“. Diese Kampagne werde nicht kostenlos sein. „Aber wenn Putin in der Ukraine gewinnt, wird er sich ermutigt fühlen, die russische Aggression auszudehnen.“

Keinesfalls sollten die USA und Europa Kiew zu einer Verhandlungslösung drängen – noch sollten Selensky daran hindern, falls er eine für ihn und die ukrainische Bevölkerung akzeptable Einigung finden würde. So oder so könnte das Jahre des Kampfs dauern.  PHK