Usbekistan

Usbekistan: Kita-Kinder können Koreanisch

Vierzig Prozent der Usbeken sind unter 18 Jahre alt. Ihre Regierung hat eine Bildungsoffensive gestartet

von Irmgard Berner
Usbekistn tanzende Kinder In traditionellen Kostümen
In Usbekistan soll beides nebeneinander möglich sein: Tradition und Bildungsaufbruch

Im kollektiven Ruck springen die Kinder auf von ihren Stühlchen, als wir den Raum betreten. Ein Blick zum Lehrer, der wie ein Dirigent die Arme hebt, und schon erklingt im Stimmenchor: „Annyong ha seo!“ Ich stutze, das ist doch Koreanisch? Guten Tag! – auf Koreanisch – und das in einem Kindergarten in Usbekistan?

Mit stolzem Lächeln wird erklärt, dass diese Sprache für das „Neue Usbekistan“ von großer Relevanz sei, schließlich pflege das Land enge Beziehungen in Wirtschaft und Zusammenarbeit mit Südkorea. Mit Blick auf die Zukunft wolle man die Weichen für den Nachwuchs stellen. Die Eltern könnten für ihre Kinder im Vorschulalter aber genauso gut Deutsch wählen oder Englisch.

So probt in einem anderen, halbprivaten Kindergarten mit Namen „Mashxur bolarar“ („Sie werden berühmt“, was so ernst wie augenzwinkernd gemeint ist) die junge Lehrerin gerade ein englisches Lied mit den Kleinen, für das Erntedankfest, das immer Ende Oktober gefeiert wird. Sie trägt Kopftuch, in pink, und performt selbst im Rhythmus der Melodien vor den singenden Kindern. Die tragen Melonen, Möhren, Granatäpfel aus Pappe auf dem Kopf. Es ist eine fröhliche, beschwingte Lernatmosphäre, das Auf-Linie-bringen läuft so diszipliniert wie spielerisch ab – und ist nicht nur für den Moment des Vorzeigens zurechtgemacht.

Diese Einrichtungen in der im Osten gelegenen Stadt Andijon sind gerade mal zwei Jahre alt, die Häuser und die mit poppig-bunten Bildern bemalten Räume ganz neu. Für Sport, für Logopädie oder für die ersten Schritte in die digitale Welt mit Computern an niedrigen Tischen gibt es eigene Räumlichkeiten.

„Erste Schritte“, so heißt auch ein weiterer großer, rein staatlicher Kindergarten, wobei der Begriff „Garten“ hier wörtlich zu verstehen ist, denn an den vielen warmen und heißen Tagen wird draußen im weitläufigen Freien in offenen, für Usbekistan typischen Holzpavillons gelernt, gebastelt und gesungen, in einem Obstgarten mit Bäumen und Beeten gegärtnert.

Inspiration aus Südkorea

Auch an diesem Tag strahlt die Sonne wie an 246 weiteren Tagen im Jahr. Mit den Kapazitäten seien sie jedoch an ihren Grenzen angelangt, sagen die Leiterinnen, die Wartelisten sind lang. Die Kindergärten mit Vorschulangebot finden großen Anklang bei den Familien. Für die kindergerechte Ausgestaltung, die mitunter gar nicht usbekisch anmutet – dafür gibt es eine eigene „traditionelle Ecke“, meist mit kunstvoll gearbeiteten Figuren von Oma, Opa und gedecktem Tisch –, habe man sich in Südkorea Inspiration geholt, sagt Abror Mamadliev.

Er ist Unternehmer und eigentlich in der Autoindustrie tätig. Als die Regierung unter dem vor fünf Jahren zum ersten Mal gewählten Präsidenten Schawkat Mirzijojew und das neu gegründete Ministerium für Vorschulerziehung ihr ambitioniertes Programm auflegten, wurde er für die Stadt Andijon angefragt, ein Konzept für Kindergärten zu entwickeln.

Anfangs war Mamadliev skeptisch, fand aber schnell Gefallen an der Aufgabe. Mittlerweile betreibt er sie wie ein Familienunternehmen, seine Frau, sein Bruder und dessen Frau entwickeln tatkräftig mit an den zu 25 Prozent privat und 75 Prozent staatlich finanzierten neuen Kindergärten. Die Erzieherinnen sind in zeitgemäßen Lehrmethoden geschult. Darüber hinaus sollen noch mehr Kindergärten in den „Mahallas“, den Stadtvierteln, sowie mobile Vorschuleinrichtungen und staatlich geförderte sogenannte Familienkindergärten auf dem Land geschaffen werden, um die Familien auch dort mit frühkindlicher Betreuung zu versorgen.

Bildung ist in Usbekistan eine Mammutaufgabe

Seit 2017 ist das Vorschulbildungsangebot in Usbekistan von 27 auf 65 Prozent gestiegen. Trotz der Herausforderungen aufgrund des schnellen demografischen Wachstums im Land strebe man 100 Prozent an. Der Bedarf ist also riesig, Bildung eine Mammutaufgabe. Es ist beeindruckend zu sehen, wie das zentralasiatische Land dabei ist, diese zu bewältigen. Ein Land, von dem wir oft nur wenig wissen, vielleicht kennen wir seine reichen Kulturschätze und berühmten Baudenkmäler an der Seidenstraße, die Moscheen und Meseden in Samarkand, Buchara, Chiwa, haben von seinen Wüsten und Steppen gehört.

Usbekistan ist mit 34,5 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat in Zentralasien und ein sehr junges Land. Knapp 40 Prozent ist unter 18 Jahre alt. Etwa 17 Millionen sind unter 30. Immer noch gehen viele ins Ausland zum Arbeiten und Geldverdienen – nach Moskau, Warschau, viele streben nach Deutschland. Dem will man durch eine flächendeckende Bildungsoffensive und besser dotierte Arbeitsplätze entgegenwirken.

So wurde von der Regierung unter Präsident Schawkat Mirsijojew nach Amtsantritt vor fünf Jahren das Ministerium für Bildung und Erziehung in fünf Ministerien aufgeteilt: für Vorschul-, Sekundar- und Hochschulbildung, für akademische Wissenschaften und Volksbildung. Das bleibe so lange bestehen, wie es für die Entwicklung der Reformen notwendig sei, erklärt Movluda Askarkhujhaeva. Sie ist die Pressechefin im Ministerium für Vorschulbildung und meine persönliche Begleiterin und Organisatorin während des Besuchs mit einer kleinen Journalisten-Delegation aus Deutschland anlässlich der Präsidentschaftswahl.

Als Vorbild einer umfassenden Bildung schon in frühen Kindesjahren, sagt sie, diene Ulugh Beg, der bedeutende usbekische Astronom, Mathematiker und Poet aus dem 15. Jahrhundert. Der habe bereits im Alter von sieben Jahren angefangen, die Wissenschaften zu studieren und sich in den Künsten zu bilden. Gleichwohl geht es um nicht weniger als den Anschluss an internationale Standards – und zugleich die Moderne mit der Tradition zu verknüpfen.

Hohe Wahlbeteiligung, junge Wähler

Mirzijojews junge Minister- und Ministerinnenriege ist angetreten, diese große Aufgabe umzusetzen. Sie kann nun, nachdem der Präsident am 24. Oktober im Amt bestätigt wurde, ihre Arbeit fortsetzen. Der Wille zu Reformen und vor allem die Erwartungen der Menschen in sie sind groß und allerorten in dem nach Offenheit strebenden Land zu spüren. Lange genug war es unter dem seit der Unabhängigkeit 1991 autokratisch regierenden Präsident Islom Karimov bis zu dessen Tod 2016 isoliert.

Das Interesse der Bevölkerung an der Wahl war enorm, die Begeisterung der Menschen in ihren Gesichtern selbst hinter der Mundnasenmaske abzulesen. Bereits um drei Uhr nachmittags hatten fast 53 Prozent der knapp 19,9 Millionen Wähler ihre Stimme abgegeben. Die Menschen gingen zu den Urnen, als würden sie einen wichtigen Feiertag feiern. Im Gegensatz zum weltweiten – und auch deutschen – Trend, dass junge Menschen weniger an Wahlen teilnehmen als die ältere Generation, scheinen junge Usbeken ihr Wahlrecht mit ernsthaftem Interesse wahrzunehmen.

Viele internationale Beobachter, Menschenrechtsaktivisten und Experten bezeichnen die Wahlen in Usbekistan, die der Amtsinhaber mit 81 Prozent gewann, allerdings als nicht konkurrenzfähig.

Jetzt aber geht es zuallererst an die gewünschte Fortsetzung des 2017 in Gang gesetzten Reformprozesses. Mit einer Politik der Transparenz sollen die Probleme gelöst werden, heißt es auf einer Konferenz in Taschkent, die kurz vor dem Wahlsonntag stattfindet, und wo man die Probleme, die allein für die Bildung anstehen, in Zahlen ausdrückt. Die Gehälter der Pädagogen sollen erhöht, Prämien für Lehrer eingeführt und in deren Weiterbildung soll mehr investiert werden, neue Lehrpläne alte Fächer und Lehrmethoden ersetzen, die Digitalisierung vorangetrieben werden, Investitionen in die IT sind nötig.

Begabtenförderung, Spezialschulen, Bildungszentren

Klingt alles irgendwie vertraut. In den Schulen sind Fremdsprachen, insbesondere Englisch, aber auch Deutsch gefragt – neben Usbekisch und Russisch versteht sich. Begabtenförderung, Spezialschulen, Bildungszentren sind nur einige der Innovationen, die auf der Agenda stehen – obwohl die Corona-Pandemie das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt und die Staatseinnahmen habe schmelzen lassen. 34 Schulen wurden neu errichtet, 3000 renoviert, jedoch müsse für eine Million Schüler erst noch gebaut werden.

Auch Studentenwohnheime fehlten, die Zahl der Studierenden sei gewachsen, nicht aber die Qualität der Lehre. Dieses Problem wolle man mit Hilfe der Bildungsprogramme von „Cambridge Assessment International Education“ beheben und so internationale Standards erreichen, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Partnerschaften der Universitäten mit Unternehmen sollen ausgebaut werden.

Früher habe es keine Möglichkeiten für junge usbekische Wissenschaftler gegeben, im Ausland zu studieren. „Jetzt öffnen wir uns“, sagt der zuständige Minister auf dem Podium. 70 Millionen Dollar wurden bereits investiert, um Studierende für ein Studium in China, Indien oder Deutschland zu qualifizieren. Schlagworte wie „Bildung ist Zukunft“ und der technokratische Begriff „Investition in Humankapital“ schwirren im Raum. „Es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns“, das klingt wie ein tiefes Atemholen.

Auch die Nachfrage nach Deutschunterricht ist bereits jetzt so groß, dass Lehrermangel herrscht. Gegenwärtig lernen 300 000 Schüler Deutsch – nicht mitgezählt diejenigen, die es bereits können.

Wie meine junge Dolmetscherin Yudjina Shin. Sie ist 18 Jahre alt und begleitet mich in Taschkent. Sie hat die russische Schule absolviert und wählte als Hauptfach Deutsch. Nach den üblichen elf Schuljahren studiert sie jetzt im ersten Semester am College. Ihr Ziel: Deutschland.

Usbekistan ist ein friedliches, sicheres, muslimisch geprägtes, aber säkulares Land, mit herzlichen Menschen, sehr gutem, naturbelassenem Essen und eben viel Sonne. Die Einreise ist ohne Visum möglich.

Als wir im Auto weiter durch die Vororte von Andijon fahren, eine fruchtbare und prosperierende Region mit Textil-, Auto- und Nahrungsmittelindustrie, klingt das koreanische „Annyong“ der Fünfjährigen im Kindergarten noch nach im Ohr – Auf Wiedersehen! „Usbekistan ist der Champion“, sagt meine Begleiterin Movluda und lacht.

Das seien nicht ihre eigenen Worte, sondern die von Stefania Giannini, Unesco-Vize-Generaldirektorin für Bildung. Mit der Ministerin für Vorschulbildung, Agrippina Shin, ihrer Chefin also, habe Giannini bereits vereinbart, dass das nächste „Global Forum on ECCE“ (Early Childhood Care and Education – Frühkindliche Betreuung und Bildung) im Herbst 2022 in Taschkent veranstaltet werde. Dann wird Usbekistan umso mehr zum Schaufenster seiner Fortschritte.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 16.11.2021 in der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung erschienen. Wir danken Verlag und Autorin, den Text auf KARENINA veröffentlichen zu dürfen.