Krieg in der Ukraine

Ukraine: Das ist nicht unser Krieg

Weshalb die Ukraine-Politik des globalen Nordens den Interessen der Staaten im Süden widerspricht

von Lea Sahay
Jorge Heine über den krieg und die Politik des Westens
Jorge Heine: "Großmächte handeln immer auch aus Eigeninteresse."

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist ein Angriff auf die ganze freie Welt. So sieht das Präsident Wolodymyr Selensky, und so sehen das viele westliche Staaten. Aber die Ukraine-Politik des sogenannten Westens missfällt südlichen Staaten wie Indien und Südafrika und jenen Lateinamerikas; die Sanktionen widersprechen deren Interessen.

Mit Blick auf andere Konflikte verhalte der Westen sich scheinheilig, sagt gar Jorge Heine, ehemaliger chilenischer Botschafter mit Stationen in Südafrika, Indien und China und nun Forschungsprofessor an der Pardee School of Global Studies der Universität Boston. In seinem Buch „Active Non-Alignment and Latin America: A Doctrine for the New Century“ schreibt er über Lateinamerikas Rolle in einer multipolaren Welt.

Lea Sahay, China-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, hat mit Jorge Heine gesprochen und sehr bemerkenswerte Einblicke gewonnen.

US-Außenminister Tony Blinken sagt, die Welt stünde vereint gegen Russland. Stimmt das?

Jorge Heine: Der Westen ist vereint, das ist korrekt. Das heißt, die USA, Europa, Australien, Neuseeland, Japan und ein paar andere Länder. Aber wenn wir nach Afrika, Asien und Lateinamerika schauen, dann sind die Staaten dort mit einem Großteil von dem, was in diesem Krieg gesagt und getan wird, nicht einverstanden.

Die Invasion der Ukraine sollte eindeutig verurteilt werden. Im globalen Süden hat man aber das Gefühl, dass die wirtschaftliche Lage schon schlimm genug ist. Und wenn die Sanktionen so umgesetzt werden, wie es sich der Westen vorstellt, werden in Asien, Afrika und Lateinamerika mehr Menschen an Hunger sterben als im Krieg in der Ukraine.

Welche ökonomischen Auswirkungen haben die Sanktionen für diese Länder?

Brasilien ist ein großer Agrarproduzent und auf Düngemittel aus Russland angewiesen. Wenn es diese nicht mehr von dort beziehen darf, drohen die Ernten wegzubrechen. Und damit die Wirtschaft. Ein großes Problem ist die Inflation, die steigenden Preise. Bananen aus Ecuador verrotten gerade in europäischen Häfen, weil sie nicht nach Russland weitertransportiert werden dürfen. Erst die Pandemie, nun die Sanktionen. Es ist eine Katastrophe nach der anderen.

Muss man wirtschaftliche Kosten trotzdem in Kauf nehmen, um Russlands Aggression zu stoppen?

Über den Ukraine-Krieg heißt es, dieser sei einzigartig. Und deshalb brauche es extreme Maßnahmen. Tja, ich würde sagen: Schaut auf das, was in Jemen in den vergangenen acht Jahren passiert ist. 250 000 Menschen sind infolge des Krieges gestorben. Die meisten durch saudi-arabische Waffen, geliefert aus Nato-Staaten. Es gibt keinen Versuch, Sanktionen gegen Saudi-Arabien zu verhängen oder es aus dem Swift-System auszuschließen. Im Gegenteil, es wird von Nato-Staaten unterstützt.

Auch darum werden die Sanktionen gegen Russland anderswo als scheinheilig verstanden: Sie werden nur umgesetzt, weil der Krieg in Europa stattfindet. Was woanders passiert, spielt keine Rolle.

Die Lage mag für Polen, das eine gemeinsame Grenze mit Russland teilt, brenzliger sein als für ein südamerikanisches Land. Aber ist Neutralität bei einem Angriffskrieg überhaupt möglich?

Ich würde diese Haltung nicht nur auf Lateinamerika begrenzen. Indien vertritt dieselbe Haltung, ebenso Südafrika. Es existiert die Vorstellung, dass es sich um eine Spaltung zwischen Demokratie und Autokratie handelt. Das ist ein Irrtum. Indien ist die größte Demokratie der Welt, auch Südafrika ist eine einflussreiche Demokratie in Afrika, ebenso Brasilien in Südamerika. Es ist wichtig zu verstehen, wo die Spaltung verläuft: zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden. Und im globalen Süden betrachtet man die Dinge aus einer anderen Perspektive.

Was bedeutet das?

Lateinamerikanische Staaten haben im Dezember bereitwillig und sehr aktiv am Gipfel für Demokratie teilgenommen, den die amtierende US-Regierung veranstaltet hat. Sie sahen aber auch keinen Widerspruch darin, eine Woche vorher in Mexiko-Stadt am Gipfel Chinas mit der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten teilzunehmen. Im Februar nahmen zwei lateinamerikanische Staatsoberhäupter an der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Peking teil und trotzten damit dem diplomatischen Boykott des Westens, während sie gleichzeitig einige wichtige bilaterale Geschäfte abschlossen.

Sie halten sich alle Optionen offen?

Ganz genau. Bei der von uns beschriebenen aktiven Blockfreiheit geht es darum, sich nicht automatisch auf die Seite von Washington oder Peking zu schlagen, sondern von Fall zu Fall zu entscheiden. Manchmal werden sich die lateinamerikanischen Länder in Fragen wie Demokratie und Menschenrechte auf die Seite der Vereinigten Staaten stellen. In Handelsfragen könnten sie sich eher China anschließen, da die USA zunehmend protektionistisch agieren.

Woher kommt diese Erkenntnis?

Es hat sich rausgestellt, dass es kein Erfolgsrezept ist, sich komme was wolle an die Seite der USA zu stellen. Staaten in Lateinamerika, die das getan haben, geht es nicht besonders gut. Als die Pandemie ausbrach, brauchten viele Länder Masken und Schutzkleidung, besonders aber auch Impfstoffe. Und wer liefert diese? Weder die USA noch europäische Staaten waren daran interessiert. Dafür aber China, Russland und Indien. Das war eine Lehrstunde.

China betreibt in vielen Teilen der Welt eine Teile-und-herrsche-Politik. Mithilfe seiner Investitionen versucht es, seinen Einfluss in der Welt zu stärken. Bietet das Land den Ländern des globalen Südens wirklich eine Alternative?

Großmächte handeln immer auch aus Eigeninteresse. Das muss kleineren Staaten klar sein. Diesen geht es aber darum, Optionen zu haben. Jetzt sind sie nicht mehr nur auf den Westen angewiesen, sondern können einen dritten Weg gehen. Das wird man auch in den internationalen Organisationen sehen. Mal stimmt man für China, mal steht man auf Seiten der USA.

Hat der Westen zu viele Fehler gemacht?

Der Westen hat viel zu bieten, und die Entwicklungsländer sind sehr daran interessiert, mit ihm Geschäfte zu machen. Aber wie sich im Fall der Pandemie gezeigt hat, ist er nicht immer ein zuverlässiger Partner. Auf der anderen Seite gibt es etwas, das die Weltbank als „Wealth Shift“ bezeichnet hat, nämlich eine Verlagerung vom Nordatlantik in den asiatisch-pazifischen Raum. China ist heute der größte Handelspartner Südamerikas, nicht die Vereinigten Staaten. In Lateinamerika ist das noch anders, aber selbst dort betrug das Handelsvolumen mit China im Jahr 2021 etwa 450 Milliarden Dollar, fünfundvierzigmal mehr als im Jahr 2000. Das hat natürlich Konsequenzen.

Geht es auch um das Gefühl vieler Menschen außerhalb des Westens, einen ewigen Zweite-Klasse-Status zu besitzen?

Wir bewegen uns auf eine postwestliche Weltordnung zu. Im Jahr 2050 werden die größten Weltwirtschaften China, Indien und die USA sein, in der Reihenfolge. Darunter sieben von zehn nicht-westlichen Staaten. Das gibt einem eine Vorstellung davon, was in den nächsten Jahren international passieren wird. Das ist kein Wunschdenken, die demografischen und ökonomischen Faktoren sind eindeutig.

Geht es bei der Rivalität zwischen den USA und China nicht um mehr als Wirtschaft? Also auch um Demokratie und Freiheit, um einen Wettbewerb der Systeme?

Wenn wir über Werte und Demokratie sprechen, sehen viele nicht-westliche Staaten vor allem dessen Scheinheiligkeit. Nehmen wir erneut den Handel als Beispiel. Die USA ist kein Vorkämpfer des Freihandelssystems mehr, in vielen Bereichen drehen sie zurück, was sie selbst aufgebaut haben. Nun fordern sie sogar „fairen Handel“, ein Argument, das man bisher vor allem von Entwicklungs- und Schwellenländern gehört hat. Die eigentliche Frage ist also, wie man im internationalen System miteinander umgehen will. Ich kenne zum Beispiel viele, die Saudi-Arabien nicht für einen Vorreiter der Demokratie halten würden, dennoch ist es ein wichtiger Verbündeter der USA und Europa.

Der Ukraine-Krieg hat in Europa zu einer Debatte über Abhängigkeiten geführt. In Deutschland geht es dabei auch um die Frage, was eine zu enge Bindung an China zukünftig bedeuten könnte.

60 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Asien. Dieses Jahrhundert wird asiatisch sein. Werden deutsche Autofirmen ihre Autos nur noch in Deutschland verkaufen? Auch der US-Hersteller GM verkauft mehr Autos in China als in den USA. Das ist die Realität. Ziehen sich die Deutschen jetzt zurück? Bauen sie Mauern um das Mittelmeer und die Nordsee? Soll das die Zukunft sein?

In Deutschland haben viele geglaubt, dass mit Chinas wirtschaftlichem Aufstieg auch politische Reformen möglich werden könnten. Nun bedroht das Land unsere freiheitlichen Systeme.

Die implizite Frage lautet: Warum sind die Chinesen nicht mehr wie wir? Die eigentliche Frage sollte jedoch lauten: Warum sollten sie? Sie haben eine jahrtausendealte Kultur; die westlichen Demokratien sind erst zweihundert Jahre alt. Es beginnt eine neue Ära; wir bewegen uns auf eine „post-westliche“ Welt zu. Dies sollte nicht vergessen werden.

Die Kommunistische Partei mag sich auf Chinas lange Geschichte beziehen. Aber Menschenrechte sind keine westlichen Werte, sondern universell.

Großbritannien will illegale Migranten nach Ruanda ausfliegen, um dort auf Asylentscheidungen zu warten. Hand aufs Herz: Ist das westlicher Humanismus und Demokratie in Reinkultur? Die Reaktion gegen Einwanderer und gegen Farbige im Allgemeinen in vielen westlichen Ländern spricht nicht gerade für die Vorherrschaft dieser Werte. Wie in vielen Bereichen scheint es eine wachsende Kluft zwischen der Rhetorik und der tatsächlichen Praxis zu geben.

Chinas Präsident Xi Jinping stellte 2015 in den Vereinten Nationen seine Vision einer „Gemeinschaft mit geteilter Zukunft für die Menschheit“ vor. Für viele ein Versuch, die Regeln der internationalen Zusammenarbeit im Interesse Pekings umzuschreiben. Werden die lateinamerikanischen Staaten die bisherige internationale Ordnung verteidigen?

Unabhängig davon, was China vielleicht vorhat, ist die Realität, dass sich die derzeitige internationale Ordnung schnell verändert, und die eigentliche Frage ist nicht, ob die lateinamerikanischen Länder bereit sind, diese Ordnung zu verteidigen.

Warum sollten sie das tun, sie hat ihnen nicht besonders gut gedient. Die Frage ist, was sie tun werden, um die Region am besten in der neuen Ordnung zu positionieren, die aus den Trümmern dieser Ordnung hervorgehen wird.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 6.5.2022 / Alle Rechte vorbehalten: Süddeutsche Zeitung GmbH, München