Krieg in der Ukraine

Ukraine: Ist ein gutes Ende möglich?

Drei Szenarios für den Ukraine-Krieg – und was sie für die Welt bedeuteten

Andrei Kortunov 2019
Andrei Kortunov: "Ein Triumph der Ukraine könnte zu einem gezähmten und domestizierten Russland führen."

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist kein Konflikt von Volksgruppen: Ethnische Ukrainer und ethnische Russen kämpfen auf beiden Seiten der Front. Und radikaler Nationalismus ist – im Gegensatz zu vielen Moskauer Äußerungen – nicht der wichtigste Antrieb für ukrainischen Widerstand.

Es ist auch kein Religionskampf. Russland und die Ukraine sind im Prinzip säkulare Staaten, und die derzeitige Renaissance der Religion in beiden Ländern ist oberflächlich. Genausowenig geht es hauptsächlich um Territorium (obwohl damit verbundene Streitigkeiten ein gewaltiges Hindernis für eine Friedenslösung bleiben).

Der Konflikt ist Ergebnis einer Kollision sehr unterschiedlicher Arten der Organisation des sozialen und politischen Lebens in zwei Ländern, die einst zusammen einen großen Teil des sowjetischen Territoriums ausmachten. Es ist auch eine intellektuelle und spirituelle Konfrontation zwischen zwei Denkweisen: zwei Ansichten des modernen internationalen Systems und der Welt insgesamt; zwei gegensätzliche Wahrnehmungen dessen, was richtig und was falsch ist, was fair ist und was nicht, was legitim ist und was illegitim und was nationale Führung bedeuten sollte.

Ukraine und Russland driften auseinander

Es ist schwer zu behaupten, die Ukraine sei bereits zu einem Musterbeispiel für eine liberale Demokratie nach westlichem Vorbild geworden. Aber das Land bewegt sich beharrlich in diese Richtung – langsam, uneinheitlich und mit verständlichen Rückschlägen und unvermeidlichem Aufschieben.

Russland wiederum ist kein klassischer asiatischer oder europäischer autoritärer Staat, driftet aber seit mindestens zwanzig Jahren weg vom liberaldemokratischen Modell. Die ukrainische Gesellschaft ist grundsätzlich von unten nach oben organisiert, während die russische Gesellschaft im Kern einem Top-down-Prozess unterliegt.

So hat die Ukraine seit der Unabhängigkeit 1991 sechs Präsidenten gewählt. Jeder hat die Macht nach hart umkämpften (und manchmal sehr dramatischen) Wahlen gewonnen. Russland wurde im gleichen Zeitraum nur von drei Staatsoberhäuptern regiert. Jeder neue Anführer wurde sorgfältig ausgewählt und von seinem Vorgänger unterstützt.

Historiker, Kulturanthropologen und Soziologen diskutieren die Gründe für diese bemerkenswerte Abweichung. Das Wichtigste jedoch ist, dass diese grundlegende Unvereinbarkeit der beiden Modelle der sozialen Organisation nicht nur zu einer schrecklichen brudermörderischen militärischen Konfrontation mitten in Europa geführt hat, sondern dass sie auch bestimmt, wie jede Seite in dem Konflikt agiert.

Von Personal bis Propaganda und von Strategie bis Staatskunst sind die beiden konkurrierenden postsowjetischen Modelle auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis wird Auswirkungen haben, die weit über Europa hinausgehen.

Kiew kann behaupten, dass die Bedingungen des Gefechts nicht fair sind. Russland ist größer, wohlhabender und militärisch stärker als die Ukraine. Andererseits genießt die Ukraine internationale Sympathie und nahezu unbegrenzte defensive, wirtschaftliche, humanitäre und nachrichtendienstliche Hilfe aus dem Westen. Russland kann sich nur auf sich selbst verlassen und ist dem Druck immer schmerzhafterer Sanktionen ausgesetzt.

Viele russische Experten pflegen zu sagen, dass die massive westliche militärische und andere Unterstützung der einzige Grund ist, warum die Ukraine noch nicht zerbrochen ist oder sich ergeben hat. Aber dieses Narrativ erklärt nicht die Quellen der Motivation der Ukraine.

Denken Sie an Afghanistan, wo all die langfristige, großangelegte militärische Unterstützung Amerikas und seiner Partner die unaufhaltsame Offensive der Taliban im vergangenen Jahr nicht unterbinden konnte. Obwohl die beiden Konflikte nicht direkt miteinander verglichen werden können, scheint die Realität vor Ort klar: Während die Afghanen im Jahr 2021 nicht mehr motiviert waren, für ihr Land und für ihre Werte zu kämpfen, sind es die Ukrainer im Jahr 2022 eindeutig.

Drei Szenarios fürs Kriegsende

Der Einsatz in dem Konflikt könnte kaum höher sein. Es geht um die Zukunft des internationalen Systems und um die Zukunft der Weltordnung. Vor allem geht es um unser Verständnis von Moderne selbst und folglich um unsere bevorzugten Modelle gesellschaftlicher und politischer Entwicklung.

Es gibt drei Szenarios, wie der Konflikt enden könnte, und jedes hätte enorme geopolitische Folgen:

1. Verlöre der Kreml in dieser monumentalen Konfrontation entscheidend, käme es wahrscheinlich zu einem Wiederaufleben des unipolaren Zeitalters – ungeachtet der verbleibenden Opposition Pekings gegen dieses Arrangement. Obwohl die Ukraine für Putin eine unerledigte Angelegenheit sein mag, ist der Status Russlands selbst für viele im Westen eine unerledigte Angelegenheit.

Ein Triumph der Ukraine könnte zu einem gezähmten und domestizierten Russland führen. Ein ruhiges Russland würde es dem Westen ermöglichen, leichter mit China fertig zu werden, was das einzige große Hindernis für die liberale Hegemonie und das lang ersehnte „Ende der Geschichte“ wäre.

2. Wenn der Konflikt zu einer unvollkommenen, aber für beide Seiten akzeptablen Lösung führt, wird das endgültige Ergebnis der Kollision zwischen dem russischen und dem ukrainischen Modell verschoben. Der erbitterte Wettbewerb zwischen den beiden Modellen sozialer Organisation wird weitergehen, aber, wie ich hoffe, weniger brutal. Auf einen weniger als perfekten Kompromiss zwischen dem Westen und Russland könnte ein wichtigerer und grundlegenderer Kompromiss zwischen dem Westen und China folgen.

Wenn ein Abkommen mit Putin möglich ist, wäre eines mit Xi Jinping eine logische Fortsetzung. Eine Annäherung zwischen China und dem Westen würde jedoch allerdings mehr Zeit, Energie und politische Flexibilität des Westens erfordern. Das würde zu einer Reform der Weltordnung führen, mit bedeutenden Änderungen des UN-System, veralteter Normen des internationalen öffentlichen Rechts und einer Nachjustierung bei IWF, WTO und anderen Gremien.

3. Wenn es zu keiner Einigung über die Ukraine kommt und der Konflikt über Zyklen von wackeligen Waffenstillständen und neuen Eskalationsrunden andauert, ist mit einem Verfall globaler und regionaler Gremien zu rechnen. Ineffiziente internationale Institutionen können inmitten eines sich beschleunigenden Wettrüstens, der Verbreitung von Atomwaffen und der Zunahme regionaler Konflikte einstürzen. Eine solche Änderung würde in den kommenden Jahren nur zu noch mehr Chaos führen.

Die Wahrscheinlichkeit jedes der drei Szenarios einzuschätzen ist äußerst schwierig; zu viele unabhängige Variablen könnten den Ausgang des Konflikts beeinflussen. Ich halte das Reformszenario, bei dem eine Vereinbarung zur Beendigung des Konflikts getroffen wird, für die beste Option für alle.

Die anderen Optionen werden Veränderungen entweder zu schnell einleiten oder dringend nötigen Wandel blockieren; in beiden Fällen werden sich die politischen Risiken vervielfachen. Wenn der Konflikt einen allmählichen, geordneten und gewaltfreien Übergang auslöst, in dem die Weltordnung stabiler wird, würde dies bedeuten, dass die Menschheit die Opfer der Ukraine nicht vergeudet hat.

Dieser Beitrag ist in englischer Sprache erschienen in The Economist. Wir danken dem Autor für die Erlaubnis, seinen Text in deutscher Sprache auf KARENINA zu veröffentlichen. Übersetzung: Peter Köpf