Gehört Russland zu Europa?

Land der heiligen Wunder

Russland ist ein zerrissenes Land, in dem Europa verhasst ist und bewundert zugleich

Europa? Ganz schön zum Fürchten

#2 der KARENINA-Serie "Gehört Russland zu Europa?". Um modern zu werden, so meint unser Autor, braucht Russland eine europäische Injektion.

Was ist für Russland reizvoll an Europa? Eben das, wovor es sich fürchtet: die Vielfalt, die Komplexität, der Reichtum, nicht nur der materielle, sondern auch der kulturelle und intellektuelle, die Wahlfreiheit. In Europa findet die technologische Entwicklung statt. Aber in Russland, das sich traditionell schwertut mit den neuen Zeiten, ist die Aufgabe, sich in der Moderne einzurichten, eine alte. Wie die Geschichte zeigt, braucht Russland, um modern zu werden, eine europäische Injektion.

Europa war für den praktischen russischen Verstand seit jeher interessant als Beispiel einer ökonomischen, effektiv wirtschaftenden Organisation. Nach Europa gingen die Russen wegen neuer Technologien, von dort bezogen sie die Theorien einer durch Vernunft bestimmten Gesellschaft, darunter freilich auch Sozialismus und Marxismus.

Der Theologe und religiöse Denker Aleksei Chomjakow, einer der Begründer und geistigen Führer der Slawophilie, nannte Europa das Land der heiligen Wunder. Es ist die Quelle des Christentums, und wir gehören einem einheitlichen christlichen Raum an.

Fjodor Dostojewski (ebenfalls ein Slawophiler) lässt seinen Helden Wersilow, eine der intellektuellsten seiner Figuren und die zentrale Gestalt seines Romans „Ein grüner Junge“, sagen: Ein Russe ist nur dann Russe, wenn er Europäer ist, und um Russe zu werden, muss man Europäer sein.

Aber warum löst sich Russland dann immer wieder von Europa, warum bezeichnet es sich selbst nicht als Europa, warum erhebt es sich gegen Europa?

Es gibt zwei Sichtweisen:

Die erste lautet: Wir sind keine Europäer.

Die zweite lautet: Wir sind nur hinter ihnen zurückgeblieben.

Die Gesellschaft ist gespalten in die, welche die gute alte Zeit glorifizieren, die „Eiferer“ der russischen „Besonderheit“, und die Parteigänger des Neuen, das aus dem Westen kommt.

Natürlich gibt es für uns viele Gründe, an uns selbst zu zweifeln. Aber woran kein Zweifel besteht, das sind die Größe und der europäische (anders gesagt, der globale) Charakter der russischen Kultur und der russischen Sprache. Russland entlehnt oder adaptiert oder imitiert nicht einfach, sondern es verarbeitet europäische Einflüsse zu etwas vollkommen Neuem.

Dostojewski und Tolstoi haben viel von Europa übernommen – die Kultur, das Denken, die Ästhetik. Aber sie haben daraus etwas völlig Neues gemacht, sie schufen intellektuelle und ästhetische Produkte, die es in Europa nicht gab. Eben dies ist der russische Beitrag zur Kultur Europas und der Welt.

Die fruchtbarsten Perioden in der russischen Geschichte ergaben sich immer dann, wenn das Land eine europäische Orientierung wählte. Bezeichnend dafür ist die Epoche vom Anfang der 1960er-Jahre des 19. Jahrhunderts bis zur Revolution von 1917. Damals veränderte sich Russland radikal. Die kulturbildenden Gesellschaftsschichten vor dem Anfang des ersten Weltkriegs waren und empfanden sich als europäisch.

Sowjetische Antiwestlichkeit

Die Revolution und der Bürgerkrieg schlugen in Russland um in einen Kampf gegen den „inneren Westen“, gegen Europa. Die Konsequenz war das physische Erlöschen nicht nur des Menschen europäischer Prägung, sondern auch der entsprechenden Anschauungen, Werte und Ideale.

In der Stalinzeit kristallisierte sich im ganzen Land eine solide antiwestliche Haltung heraus. Die Beamten fürchteten die westliche Kultur und die westliche Lebensweise wie der Teufel das Weihwasser: Die sowjetischen Menschen sollten um Gottes Willen nicht sehen, wie man in Europa lebte. Also musste man sich schleunigst abschotten.

Dennoch setzte man auf die Nutzung westlicher Technologien zu eigenen Zwecken. Die asiatischen Kulturen (also die chinesische, die japanische etc.) adaptieren technologische Neuerungen sehr flexibel und bleiben dadurch in ihren tieferliegenden Strukturen unverändert. In Russland hingegen führen technologische Neuerungen zu tiefgreifenden, wesentlichen Veränderungen. Eine Folge des Imports neuester Technologien und Errungenschaften der Moderne ist die Entstalinisierung.

Es ist paradox: Als sich die Sowjetunion im Kalten Krieg mit der westlichen Welt befand, wandte sie sich immer mehr nach Westen. Die spätsowjetische Gesellschaft orientierte sich an der europäischen und amerikanischen Lebensweise, an den Konsumstandards der westlichen Massengesellschaft. Der „Kommunismus“ verlor den Konkurrenzkampf mit Jeans und Coca Cola.

Nach einer soziologischen Erhebung aus dem Jahre 1992 waren 80 Prozent der befragten Russen der Meinung: Wir sind genauso wie alle anderen. Lediglich 13 Prozent meinten, Russen seien irgendwie besonders. Das Land strebte nach einer Modernisierung nach westlichem, europäischem Vorbild.

Von Europa entfremdet und angezogen zugleich

Heute ist die russische Gesellschaft in hohem Maße von Europa, dem Westen entfremdet, sie betrachtet den Westen mit Argwohn und fühlt sich von ihm bedroht, mehr noch, sie ist bereit, selber zu drohen. In ihrer Vorstellung sieht sie den Westen als schwach und destabilisiert, wodurch sich die Empfindung der eigenen Stärke erhöht. Antiwestliche und antieuropäische Haltung sind inzwischen tief verwurzelt.

Doch der russische Mensch ist immer noch Konsument. Und konsumieren möchte er nach europäischen Standards. Die Tatsache, dass dies durch die Verschlechterung der ökonomischen Gegebenheiten immer schwieriger wird, macht ihn immer ungehaltener. Die Schuld dafür sieht er im Westen: die Sanktionen, die NATO, die Russophobie.

Dabei sind es gerade jene Leute, die sich so viel wie möglich im Ausland aufhalten und auch ihren Nachwuchs dort unterbringen möchten, die den Russen Angst vor dem Westen machen. Daheim in Russland hingegen werben sie für die chinesische Erfahrung, begeistern sich für die Standhaftigkeit der Kubaner, unterstützen den Iran oder Venezuela.

„Aber unsere Kinder soll meine Frau in London zur Welt bringen!“ Nicht ein einziges Mal habe ich gehört, dass jemand von ihnen gesagt hätte: „Meine Frau erwartet ein Kind, ich schicke sie zur Geburt nach Peking.“ Oder: „Mein Arzt sagt, ich muss mich operieren lassen. Ich fliege nach Kuba.“ Und ihre Kinder schicken sie zum Studium nicht nach Caracas oder Teheran, damit sie sich an diesen wunderbaren Orten ein schönes Leben aufbauen.

Nein, nein! Wenn es um sie selber geht oder um die liebe Ehefrau oder die kostbaren Stammhalter, dann lässt man ausschließlich die Vernunft entscheiden. Medizinische Behandlung: nur in der Schweiz oder in Deutschland. Geburt? Auf jeden Fall in England oder in den USA.

Unser Establishment schätzt die Möglichkeiten, welche die westlichen Demokratien ihren Bürgern bieten. Man wünscht sich, dass die eigenen Kinder ein stabiles Bewußtsein der eigenen Rechte besitzen, dass sie eine gute Ausbildung erhalten und sich selbst verwirklichen können.

Nüchtern und illusionslos

Bezeichnenderweise möchten diese Leute in ihrer Heimat solch ein Leben nicht. Sie werden von einem nüchternen Kalkül geleitet: Unter demokratischen Verhältnissen können sich die Beamten nicht ungestraft auf Staatskosten bereichern. Solche Bedingungen katapultieren einen Beamten, der über seine Mittel lebt, womöglich unversehens aus dem Chefsessel auf die Anklagebank.

In Russland gehört es sich nicht, die taktlose Frage zu stellen: Auf wessen Kosten schickt ein Beamter, der eigentlich ein recht bescheidenes Salär bezieht, seinen Sohn zum Studium in die Schweiz oder nach Großbritannien, wo höhere Bildung bekanntermaßen sehr kostspielig ist?

Am bedauerlichsten ist freilich etwas anderes: Die massenhafte Evakuierung der Kinder ins Ausland zeugt davon, dass unser Establishment sich über die Zukunft unseres Landes keinerlei Illusionen mehr macht.