Erziehung

Alle Kinder werden Krieger

Wie Russland die Heranwachsenden zum Krieg erzieht und ihnen dabei die Kindheit stiehlt

von Yuliya von Saal
Auch in Russland: Kinder üben den Gebrauch von Waffen.
Die Militarisierung der Kindheit: Seit 2016 gibt es in Russland eine Jugendarmee, der man mit acht Jahren beitreten kann.

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine kursieren in den russischsprachigen sozialen Netzwerken Videos, Bilder und Lieder von Kindern, die ihren Zuspruch für Russlands „Spezialoperation“ gegen die Ukraine inszenieren. Eine russische Mutter zeigt stolz ein ausrasiertes Z auf dem Kopf ihres Sohnes. Eine andere erkundigt sich auf der Plattform VKontakte nach Friseursalons, um die patriotischen Zeichen an den Schläfen ihres Kindes frisieren zu lassen. Man sieht Kindergruppen, die im Schulhof ein Z bilden, in Reih und Glied marschieren.

In einem Video aus einem belarussischen Kindergarten deklamieren die Kleinen sogar mit Kalaschnikows Gedichte zum 9. Mai. Am Feiertag selbst wohnten in russischen Kindergärten stolze Eltern einer „Militärparade“ ihrer Kinder mit aus Karton gebasteltem Kriegsgerät bei. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Der Wunsch, all dies als Trash zu ignorieren, verbietet sich angesichts des grausamen echten Kriegs, den Russland gegen den souveränen Staat der Ukraine mithilfe des belarussischen Diktators Lukaschenko führt. Kinder und Jugendliche werden von der russischen und belarussischen Propaganda instrumentalisiert.

Besonders alarmierend sind die „pädagogischen“ Eingriffe in den Schul- und sogar Vorschulalltag der Kinder, denen in „Lehrstunden des Patriotismus“ eingetrichtert wird, dass Russland aufopferungsvoll die „russische Welt“ gegen den „böswilligen Westen“ und die „Nazis“ verteidige. Mehrfach sollen Schulkinder ihre Lehrer für kritische Kommentare denunziert haben.

Im belarussischen Bobruisk wurde eine Lehrerin zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie eine Schleife mit den Farben der Ukraine im Haar trug. Das Gericht interpretierte dies als Streik, der zudem Proteste provoziert habe.

„Heldenpionier“ zeigt seinen Vater an

Diese Instrumentalisierung von Kindern ist nicht neu. Der Putin-Song, bei dem ein Kinderchor in Militäruniform singt „Wenn der Chefkommandeur zum letzten Kampf drängt, Onkel Wowa [der Kosename von Wladimir Putin], dann stehen wir zu dir“, ist schon ein paar Jahre alt.

Schon bei der gesellschaftlichen Umgestaltung der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution waren Kinder eine wertvolle Ressource: nicht nur symbolisch als Hoffnungsträger für die lichte Zukunft, sondern auch als Akteure und Mitgestalter. Kinder sollten parteitreue Subjekte sein, man erwartete von ihnen, wie der 1932 erschlagene „Heldenpionier“ Pawlik Morosow, der seinen Vater angezeigt hatte, die eigene Familie den Interessen des Parteistaats zu opfern.

Von der Mitte der Dreißigerjahre an wurde die heranwachsende Generation für den nächsten Krieg erzogen. Speziell für Kinder wurden kriegerische Gesellschaftsspiele und detailgetreue Spielzeugmodelle von Panzern oder Pistolen entwickelt.

Die Kriegsmobilisierung der Jugendlichen im Deutsch-Sowjetischen Krieg war dann folgerichtig und rücksichtslos: sowohl in der Propaganda als auch in der Realität an der Front sowie im Hinterland. Die amerikanische Historikerin Julie de Graffenried hat vom „Opfer der Kindheit“ gesprochen. In Hitlers Deutschland nutzte der Staat Kinder ähnlich aus, in abgeschwächter Form später auch die DDR.

In der Sowjetunion wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Ideologisierung und Militarisierung der Kindheit keineswegs abgeschafft. Und nach dem Ende der Sowjetunion wurde im Zuge der bald einsetzenden Sowjet-Nostalgie die sowjetische Kindheit zur „glücklichsten“ stilisiert. Das war und ist Teil der Geschichtspolitik der Putin-Ära.

Ein Freizeitpark im Namen Stalins

Bei einem Besuch in Belarus fragte mich meine damals etwa vierjährige Tochter, warum dort Panzer und Militärflugzeuge auf Spielplätzen und in Parks stehen. Für sie passten Panzer und Kinder nicht zusammen. Ich versuchte, ihr etwas von den tiefen Spuren zu erklären, die der Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschland in Belarus hinterlassen hat.

Dabei merkte ich selbst, wie unbeholfen meine Erklärung klang. Natürlich wurzelt die Identität der „Partisanenrepublik“ Belarus in der Kriegserfahrung, ich selbst bin in meiner Kindheit gerne auf Panzer geklettert und spielte Krieg (immer gegen die Faschisten). Doch inzwischen war Krieg nicht mehr mein Spiel.

Historiker behaupten, die Geschichte wiederhole sich nicht. Doch jedes Mal, wenn ich nach Belarus oder Russland reiste, hatte ich das Gefühl, die gleiche Schallplatte der „patriotischen Erziehung“ zu hören, eingebettet in die Erinnerungskultur des glorreichen Widerstandskriegs.

Doch irgendwann wurde mir klar, dass die Schallplatte eine moderne geworden ist, dass das Lied mit neuer Intensität und aktualisiertem Text gespielt wird. Während der 9. Mai früher sowohl in Belarus als auch in Russland eher ein familiärer Gedenktag war, ist er heute ein Event – ein Machttheater und kommerzielles Volksfest zugleich.

Eltern stecken ihre Kinder in Militäruniformen; auf den Straßen werden alte Soldatenlieder gesungen, man kann Essen aus der Feldküche kaufen. Für Kinder gibt es „Challenges“ und „Performances“; Erwachsenen werden Reenactments historischer Ereignisse geboten. Seit der Jahrtausendwende verdrängen Entertainment-Landschaften die echten Gedenkorte: In Belarus fahren die Familien nicht nach Chatyn (nicht Katyn), an den zentralen Gedenkort für die verbrannten Dörfer und die Massaker der Nationalsozialisten, sondern zum durchkommerzialisierten Freizeitpark „Stalin-Linie“ – ein militärisches Disneyland, in dem man echte Panzer fahren und damit sogar schießen kann.

Man kann „Aktivurlaub“ und „Team-Events“ für Firmen buchen mit einer Anmutung historischer Authentizität. Beliebt in Belarus und in Russland sind auch Kunstlandschaften kleineren Formats, etwa nachgestellte Partisanenlager in Erdhütten.

Waffen beim Christbaumschmuck in Minsk

Die Romantisierung der leidvollen Vergangenheit macht auch vor den Kleinsten nicht halt. Ende 2019 lud das Museum des Vaterländischen Kriegs in Minsk Kinder ein, das traditionelle Neujahrsfest „auf den Spuren von Väterchen Frost bei den Partisanen“ zu begehen. Die Veranstalter versprachen eine „märchenhafte Zeitreise“ und ein „vollständiges Eintauchen in die historische Situation des Kriegs“, als handle es sich dabei um eine besonders abenteuerromantische Epoche.

Mich entsetzte solche Werbung, ebenso wie Kriegsmotive auf Weihnachtskugeln, die als Christbaumschmuck in zen­tralen Geschäften in Minsk verkauft wurden. Der Krieg ist im Alltag der Menschen in beiden Ländern auf aggressive und absurde Weise präsent. In den Schulen wird er sowohl in Russland als auch in Belarus nicht als leidvolle Erfahrung vermittelt, sondern als makelloser Sieg ohne Grautöne.

Kritische Reflexion, eine Auseinandersetzung mit den hohen Kosten des Siegs, mit Fehlern, gar Verbrechen der Roten Armee oder der Partisanen gegen die Zivilbevölkerung sind nicht vorgesehen. „Patriotismus“ hat oberste Priorität, der Geschichtsunterricht ist Lenkungsinstrument.

„Die geistige Aufrüstung“ der heranziehenden Generation, wie sie unlängst Dietmar Neutatz beschrieb, ist wohldurchdacht und inzwischen sogar juristisch abgesichert. Von der russischen Duma wurde auf Initiative des Präsidenten im vergangenen Jahr ein Gesetz verabschiedet, das die „patriotische Erziehung“ in Schulen vorschreibt. Eine dem Verteidigungsministerium unterstehende „Jugendarmee“ (Junarmija), der man mit acht Jahren beitreten kann, gibt es in Russland seit 2016, ebenso „militärpatriotische Lager“ für Kinder und Jugendliche.

Sie wachsen in einen Staat hinein, der seit 2014 das „Lügen“ über den Großen Vaterländischen Krieg per Gesetz verbietet und in die herrschende Geschichtserzählung unter den Schutz der Verfassung stellt. Zusammen mit dem ständigen Gerede von westlichen „Kriegstreibern“ erinnert all dies stark an die Militarisierung der Gesellschaft unter Stalin. Kein Wunder, wenn der reale Krieg gegen die Ukraine, der von vielen Russen für ein leichtes Spiel gehalten wurde, eine derart breite gesellschaftliche Unterstützung erhält.

Yuliya von Saal, geboren in Belarus, ist seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte in München. Ihre Doktorarbeit „KSZE-Prozess und Perestroika in der Sowjetunion. Demokratisierung, Werteumbruch und Auflösung 1985–1991“ erschien 2014 in der Schriftenreihe des Instituts.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Frankfurter Allgemeine, 3.6.2022. Wir danken der Autorin für die Erlaubnis, den Text auch auf  KARENINA zu veröffentlichen.