„Ich will beim Krieg nicht mitmachen“

Sergej, 30, aus Moskau, Reservist der ersten Kategorie, verließ Russland wegen der Mobilmachung

Sergej will nicht in den Krieg ziehen.
„Ich bin hier, weil ich bei diesem Krieg nicht mitmachen will.“ Sergej, der seine Geschichte aus Sicherheitsgründen nur unter Pseudonym erzählen wollte.

Ich habe in Moskau gewohnt. Ich habe an der Moskauer Staatlichen Universität für internationale Beziehungen Journalistik studiert, mit einer Spezialisierung in „Public Relations“. Meine erste Fremdsprache war Französisch, die zweite Englisch, ich spreche beide Sprachen fließend.

Nach dem Studium begann ich in einer französischen Bau-Firma zu arbeiten, die im Öl-und Gas-Sektor tätig ist. Die letzten acht Jahre arbeitete ich für diese Gesellschaft, bis Juli 2022. Dann sind die französischen Partner in Folge des fünften Sanktionspakets aus dem Projekt ausgestiegen, und ich habe in eine Firma gewechselt, die dem russischen Partner gehört, um an dem Projekt weiterzuarbeiten. Wir bauen ein sehr großes Werk in Russland.

Meine Eltern wohnen in Omsk, wo ich geboren bin. Ich wohne aber in Moskau.

Ausreise aus Russland

Ich bin ausgereist, weil ich mit meinem besten Freund, der in Berlin lebt, Geburtstag feiern wollte. Wir sind zwei Tage auseinander, und wir sind ausgerechnet im September geboren. Ich bin mit einem Schweizer Touristenvisum über Litauen nach Berlin gereist, habe mich bei Freunden einquartiert, und dann feierten wir unsere beiden Geburtstage.

Am 20. September, am Tag bevor mein Flug in die Schweiz ging, erfuhr ich, dass ein „großartiger“ Mobilmachungserlass in Vorbereitung war. Ich flog nach Genf, wo ich umsteigen musste, um weiterzufliegen. Aber als das Flugzeug in der Schweiz gelandet war, erfuhr ich, dass dieser Befehl in Kraft getreten war. Ich hatte etwa anderthalb Stunden, um eine Entscheidung zu treffen.

Es gab zwei Möglichkeiten: In die Türkei zu fliegen, das Schengen-Visum verfallen zu lassen und von da aus zurück nach Russland zu fliegen, wo man mich einberufen würde, oder in der EU zu bleiben und zu versuchen, mit Freunden zu sprechen, ob sie mir für diese Zeit helfen können. Ich wählte die zweite Möglichkeit und kehrte noch am selben Tag nach Berlin zurück.

KARENINA-Serie
Flucht und Exil
Seit Februar 2022 sind hunderttausende Menschen aus der Ukraine und zahlreiche russische Oppositionelle nach Deutschland geflüchtet. Viele von ihnen möchten darüber berichten, bevor die Erinnerung verblasst. Unsere Dokumentation von „Interviews gegen das Vergessen“ entsteht in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Ich habe an einer Militärfakultät studiert und verließ die Hochschule als „Übersetzer für Französisch im Range eines Leutnants“.  Ich bin Reservist der ersten Kategorie. Als ich den Erlass las, war mir gleich klar, dass ich zur ersten Welle gehöre. Ich hatte keinerlei Verlangen danach, zur Armee zu gehen, in einen Krieg zu ziehen, den ich nicht unterstütze, den ich ablehne.

Der 24. Februar: Ich will meine Arbeit fortsetzen

Angesichts der Ereignisse des 24. Februar hielt ich mich zunächst an meinen Arbeitgeber. Da es sich um eine internationale Firma handelte, musste ich nach Möglichkeiten suchen, wie ich meine Arbeit fortsetzen konnte. Entsprechende Möglichkeiten fanden sich, deshalb schien mir, die Situation könne sich stabilisieren, es sei noch nicht alles verloren und ich könnte weiter meine Arbeit machen. Nach den letzten Ereignissen kann ich mir nicht vorstellen, wie das alles aufhören sollte.

Die Unterstützung des Kriegs in Russland

Unter den 200 bis 300 Personen, die ich kenne, weiß ich nur zwei, die den Krieg unterstützen. Einer ist ein Mensch mit sehr speziellen Ansichten, er hat als Soldat an der Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan gedient, er sieht die Armee als Teil von sich selbst.

Aus dem Kreis, mit dem ich kommuniziere und mit dem es für mich interessant ist zu kommunizieren, sind 98 Prozent gegen den Krieg. Ich verstehe schon, woher sie die Zahl nehmen, wonach mehr als 70 Prozent den Krieg unterstützen. Es gibt Menschen, die keinen Zugang zu anderen Informationsquellen haben, die sehen nur Fernsehen, und sie glauben, was man im Fernsehen sagt. Das ist leider wahr. Aber die Menschen, die Zugang zu anderen Quellen haben, unterstützen ihn nach meinem persönlichen Empfinden zu 95 Prozent nicht.

Proteste gegen den „Weg in den Abgrund“

Meine Freunde haben an den Protesten teilgenommen, sie sind auf die Straße gegangen. Ich war Ende Februar auf Protesten, aber ohne Folgen für mich. Ich muss meine Familie unterstützen, meine Mutter, meinen Vater, meine Großmutter und meine Schwester. Meine Eltern arbeiten zwar noch, aber auf ihrer Arbeitsstelle gibt es jetzt große Probleme, unter anderem wegen dieser Ungewissheit. Ich schicke ihnen Geld.

Für den Moment sehe ich nicht, wie Proteste die aktuelle Situation beeinflussen könnten, solange sich bei denen da oben nicht das Bewusstsein einstellt, dass dieser Weg in den Abgrund führt. Ich glaube, dass es ein Weg in den Abgrund ist. Es reicht ja, wenn man daran denkt, welch einen Schaden das der Wirtschaft zufügt, wie viele Menschen ihre Arbeit verlieren, weil die Regierung so eine Entscheidung getroffen hat.

Ich habe mit einem guten Freund von mir gesprochen, der in einem wichtigen Industriezweig arbeitet, und er sagte, bei ihnen sei ein Viertel der Mitarbeiter weggegangen. Wie sie weiterarbeiten, nachdem all diese Leute weggegangen sind, das weiß er auch nicht. Und sie gehen weg, weil sie einen Einberufungsbefehl bekommen haben.

Den Einberufungsbefehl schickt man in Russland einfach zur Arbeitsstelle. Wenn ein Mitarbeiter legal angestellt ist, ist der Arbeitgeber verpflichtet, das Wehramt darüber zu informieren, dass der Mitarbeiter bei der und der Firma beschäftigt ist und sein Hauptarbeitsplatz sich an der und der Adresse befindet. Ich habe in meiner Firma noch nicht über dieses Thema gesprochen. Aber ich weiß, dass in der Firma meines Freundes in Tjumen schon viele Mitarbeiter eingezogen wurden.

Erst Panik, dann eine Wahl ohne Wahl

Ich habe zwei Hemden, drei Sweatshirts, eine Jeans und einen Sportanzug dabei, dann noch ein paar T-Shirts und Unterwäsche. Alles andere ist dort. Ich habe weder ein Notebook noch sonst etwas mitgenommen, nur zwei Telefone, eines davon ist mein Dienstgerät. Das heißt, ich kann meinem Arbeitgeber in dieser Situation wenigstens irgendwie helfen.

Hier wohne ich vorerst bei meinen Freunden, ich bin dabei, mir eine zeitweilige Unterkunft zu suchen. Meine Freunde haben mir die Adresse einer Visa-Agentur gegeben, die mir hilft, die Formalitäten für den Aufenthalt zu regeln. Diese Woche müssen alle Papiere eingereicht werden, erstmal für ein Job-seeker-Visum.

Am Anfang war ich einfach nur in Panik. Bis jetzt habe ich noch nicht ganz begriffen, was passiert ist. Ich bin immer noch dabei, mir den ganzen Horror dieser Situation bewußt zu machen, aber im Augenblick habe ich keine Zeit für Angst oder Panik. Ich muss die anstehenden Probleme lösen und meinen Verwandten helfen.

Ich habe den Eindruck, dass meine Verwandten viel schlimmer dran sind als ich. Ich kann nicht zurück, weil ich nicht einberufen werden will. Ich will nicht bei etwas mitmachen, womit ich nicht einverstanden bin. Das ist meine Lebenshaltung. Ich sehe nicht ein, wie meine Teilnahme an diesem Krieg die Welt besser machen sollte. Mit dieser Wahl unserer „wunderbaren“ Regierung bin ich nicht einverstanden.

Ich bin sehr wütend darüber, dass ich eine Entscheidung, über die ich seit zehn Jahren nachdenke, nun innerhalb von einer Stunde auf dem Genfer Flughafen treffen musste. Ich habe früher schon darüber nachgedacht, wegzugehen. Ich habe mit meinen Kollegen darüber gesprochen, dass man mich in einem halben Jahr zu einem anderen Projekt versetzen sollte, ich hatte ganz konkrete Optionen, auch für Deutschland.

Ich bin stinksauer, dass es so gekommen ist wie es gekommen ist. Das ist eine Wahl ohne Wahl, das ist für mich nicht akzeptabel.

„Ich habe nichts gegen Ukrainer“

Bis jetzt habe ich in Berlin noch keine Ukrainer getroffen. Ich habe nichts gegen Ukrainer. Ich habe mit Leuten aus Sjewjerodonezk gearbeitet, das war eine super Erfahrung, wir haben komplizierte Probleme gemeinsam gelöst, ich habe ihnen mit dem Aufenthaltsprozedere in Russland geholfen, sie haben uns geholfen, gemeinsam ein sehr kompliziertes und interessantes Werk zu bauen.

Ich bin hier, weil ich bei diesem Krieg nicht mitmachen will. Ich habe mit Ukrainern gearbeitet, ich habe Freunde in der Ukraine. Ich unterstütze das nicht. Aber leider kann ich ihnen gegenwärtig in dieser Situation in keiner Weise helfen, außer dadurch, dass ich nicht mitmache.

Mit „Sergej“ sprach Tatiana Firsova am 25.9.2022. Sie übernahm auch die Transkription mit Unterstützung von Anastasiia Kovalenko. Aus dem Russischen übersetzt haben Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann.

Wie die Interviews entstehen

In dieser KARENINA-Serie kommen Zeitzeugen aus der Ukraine und Russland zu Wort. Wir möchten nicht nur erfahren, was die einen bei der Flucht vor dem Krieg, die anderen bei der Flucht vor Unterdrückung sowie sie alle im Exil erlebt haben, sondern auch verstehen, wie sie denken. Deswegen fragen wir sie nicht nur über das Erlebte, sondern auch über ihre persönlichen Gedanken zum Geschehen in Osteuropa. 

Unsere Gesprächspartner eint unabhängig von Alter, Ausbildungsniveau, Muttersprache und Beruf der Wunsch, ihre Geschichten mit uns zu teilen.

Die Interviews dauern unterschiedlich lang: von etwa 20 Minuten bis zu mehr als zwei Stunden. Viele erzählen gerne und sprechen sehr offen, andere sind zurückhaltender. Wir halten unsere Fragen offen, lassen erzählen, nicht antworten. Das führt manchmal zu sehr langen Texten. Aber werden dabei offener, reicher.

Wir kürzen die Ergebnisse wo nötig, um den Text lesbarer zu machen. Aber die Wortwahl bleibt die der Sprechenden. So bleiben die Erzählungen authentisch. Es sind allesamt individuelle Zeugnisse von „Flucht und Exil“ mitten in Europa.

Lesen Sie weitere „Interviews gegen das Vergessen“ aus der KARENINA-Serie „Flucht und Exil“.

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