„Bevor wir ‚befreit‘ wurden, waren wir frei“

Alina, 30 Jahre, Hausfrau, Donbass: „Ich sehne mich sehr nach meinem Mann“

Frei, aber ohne ihren Mann: Alina
"Ich hoffe, dass alles vorbeigeht und wir für immer zusammenbleiben." Alina und ihre zwei Kinder sind in Freiheit, ihr Mann hilft in der Armee, die Ukraine zu verteidigen.

Unser Leben war ganz normal. Wir wohnten in der Stadt Solote an der Frontlinie in der Oblast Luhansk. Wir sind 2014 aus Donezk weggegangen, weil man dort nicht mehr leben konnte. Wir waren noch zu zweit, mein Mann und ich, damals hatten wir noch keine Kinder.

Im Oktober oder November 2013 passierte irgendwas auf dem Maidan. Was genau, weiß ich nicht, ich bin keine Politikerin. Mir war das egal. Aber was in Kiew passierte, das hat mich erschreckt.

Im Sommer 2014 wurden wir für zehn Tage in Urlaub geschickt, wir fuhren in die Westukraine in ein christliches Jugendlager zur Erholung; mein Mann und ich sind in einer evangelischen Kirchengemeinde. Ich habe eine Ausbildung als EDV-Sekretärin, ich bin Schreibkraft. Nach der Ausbildung habe ich ein halbes Jahr in einem Verlag gearbeitet, danach als Babysitterin.

Als wir in der Westukraine waren, rief man uns aus Donezk an und sagte: „Kommt nicht hierher zurück, ihr könnt nicht zurück, Donezk ist eingekesselt.“ Die Eltern meines Mannes leben nicht mehr, aber ich habe noch meine Mutter, sie wohnt in Tores.

Wir gingen nicht nach Donezk zurück, sondern sind aus der Westukraine nach Berdjansk. Wir wohnten bei Freunden, denn wir hatten ja keinen eigenen Wohnsitz mehr. Dann kam ein Anruf von anderen Freunden, diesmal aus der Oblast Luhansk, und wir zogen nach Solote um. Das war 2017.

Beschwerliches Leben, aber wir waren frei

Mein Mann arbeitete unter Tage. In Solote haben wir unseren Mischa bekommen. Das Leben war sehr beschwerlich, oft zahlte das Bergwerk die Löhne nicht oder nur die Hälfte. Es gab Zeiten, wo sie zwei, drei Monate keine Löhne zahlten.

Als Solote noch ukrainisch war – das ist es immer noch, ich glaube fest daran –, bevor sie kamen und sagten „Wir haben euch befreit“, da waren wir frei. Wir wollten nicht, dass jemand kommt und uns befreit.

Manche Einwohner heißen diese „Befreier“ jetzt willkommen, aber ich glaube, dass sie irgendwann begreifen werden, dass es ein Fehler war, sie hergebeten zu haben und auf sie zu hoffen. Ich glaube, den älteren Leuten steckt noch die Sowjetunion in den Köpfen, das hindert sie daran, im Jetzt zu leben.

KARENINA-Serie
Flucht und Exil
Seit Februar 2022 sind hunderttausende Menschen aus der Ukraine und zahlreiche russische Oppositionelle nach Deutschland geflüchtet. Viele von ihnen möchten darüber berichten, bevor die Erinnerung verblasst. Unsere Dokumentation von „Interviews gegen das Vergessen“ entsteht in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

In Solote sprach man frei und offen russisch und ukrainisch. Wir haben zuhause russisch gesprochen. Meine Großeltern sind Russen, deshalb hat sich das von klein auf so ergeben. Ich weiß noch, als ich zur Schule kam, hat es vielen Eltern nicht gepasst, dass ihre Kinder in der Schule Ukrainisch lernen mussten. Ich verstehe nicht warum. Ich finde, die Ukraine soll die Ukraine sein, und die ukrainische Sprache soll es geben. Schade, dass ich sie so schlecht beherrsche.

Der 24. Februar: „Komm, wir fahren“

Am 26. Februar 2022 fuhren wir von Solote nach Lwiw in der Westukraine. Warum? Die Situation begann sich zu verschärfen. Wir waren ständig damit beschäftigt, Notfalltaschen zu packen, und manchmal gingen wir in den Keller, weil es starken Beschuss gab.

Das war noch vor dem 24. Februar. Die ersten Bombardierungen hatten irgendwann im Januar begonnen. Ich sah auf Facebook ein Video, wo ein Angehöriger der Donezker Volksrepublik sagte, Selensky wolle die Oblast Donezk angreifen und erobern. Obwohl das gar nicht stimmte. Und sie sagten, wir müssten zusammenhalten, Frauen und Kinder nach Russland bringen und kampfbereit sein. Ich habe das nicht geglaubt, ich habe das nicht für möglich gehalten.

Am 24. Februar wurden wir überfallen. Wir haben ganz friedlich gelebt, aber am 24. Februar sind wir aufgewacht und wussten auf einmal nicht mehr, wer wir sind. Wir waren plötzlich Nazis.

Aber wir sind schon vorher weggefahren, am 23. Februar.

Unser Priester ließ meinen Mann zu sich nach Hause kommen, er sagte, er wolle etwas mit ihm bereden, aber das ginge nicht am Telefon, das müsse man unter vier Augen besprechen. Der Priester sagte, Freunde von ihm – ukrainische Militärangehörige – hätten ihm Bescheid gesagt, wir sollten unsere Sachen packen und wegfahren, so weit weg wie möglich. In die Westukraine oder ins Ausland, egal, Hauptsache weg. Der Priester kam mit uns. Er hatte acht Kinder, drei eigene und fünf adoptierte. Wir fuhren drei Tage, ohne anzuhalten.

Wir übernachteten in Slowjansk, und als wir früh am Morgen des 24. Februar weiterfuhren, hörten wir schon die ersten Schüsse. Es gab schon lange Schlangen an den Tankstellen, man gab Bezugsscheine für Benzin aus – mal für 10, mal für 20 Liter. Am 24. hörten wir schon die Luftalarme. Es war beängstigend. Aber zum ersten Mal hatte ich Angst, als mein Mann sagte: „Komm, wir fahren.“

Alle hatten Angst, aber Mischa war tapfer

Wir nahmen nur zwei Taschen mit. Warme Sachen für die Kinder, weil wir nicht wussten, für wie lange wir wegfahren würden. Mein Mann sagte, wir fahren sehr schnell, halten vielleicht nachts an, um ein paar Stunden zu schlafen, und dann geht’s weiter. Wir fuhren, hielten mal an, um zu tanken. Auf einmal gab es Luftalarm.

Während des Luftalarms sagten sie: „Fahrt weg, versteckt euch, jetzt kann man nicht tanken.“ Aber wir fuhren einfach immer weiter, weil wir nicht wußten, wo wir anhalten und uns verstecken sollten. Wir hatten gerade noch Benzin für ein paar Kilometer, da sahen wir eine Tankstelle, Gott sei Dank können wir tanken.

Wir sind unterwegs auch Panzerkolonnen begegnet. Die Kinder hatten Angst, ich auch. Wir hatten nur wenig zu essen mitgenommen. Wenn wir Hunger bekamen, schauten wir, wo wir anhalten und etwas kaufen konnten.

Mischa war gerade ein Jahr und sieben Monate alt, er bekam ja noch Brei, aber statt Brei gaben wir ihm Wasser, denn unter solchen Umständen konnten wir ja nichts kochen. Aber er weinte gar nicht; ich staunte, wie er mit allem zurechtkam.

Unterwegs sahen wir Unfälle, wir sahen Bewaffnete, aber zum Glück wurden wir nicht angehalten. Erst als wir schon in Lwiw waren, wurden wir angehalten, weil wir Luhansker Nummernschilder haben. Sie fragten uns, wo wir hinführen, überprüften das Auto und ließen uns weiterfahren.

Mein Mann wird beim Heimatschutz nicht genommen

In Lwiw wurden wir in einem großen Haus untergebracht. Der Priester hatte alles organisiert. Es war ein großes, zweistöckiges, warmes Haus. Wir haben gegessen, es gab sehr leckeren Borschtsch. Wir sind den Menschen sehr dankbar, die uns zu Essen gaben. Es war warm, die Menschen brachten uns einfach alles, was sie hatten und fragten, was wir noch brauchten.

In Lwiw wurden wir sofort registriert. Mein Mann wurde beim Militärkommissariat registriert und wollte zur Landesverteidigung gehen, aber er wurde nicht genommen. Er suchte Arbeit, fand aber keine. Dann sind er, der Priester und seine Frau als freiwillige Helfer für die Flüchtlinge gegangen, Lebensmittelpakete schnüren. Sie wollten sich irgendwie nützlich machen.

Wir wohnten zwei oder drei Wochen in diesem Haus, dann bot der Priester uns an, in eine Siedlung außerhalb der Stadt Sokal zu fahren. Da gab es ein großes gemütliches Haus, die Leute, denen es gehörte, waren nach Polen ausgereist und wollten nicht mehr zurück. Der Besitzer sagte: „Kümmern Sie sich um die Tiere, oder wenn Sie nicht wollen, dann verkaufen Sie die Kühe und Schweine und wohnen sie da, wie es Ihnen gefällt. Wir waren einverstanden, wohnten dort auch noch etwa zwei Wochen, und dann schlug man uns vor, ins Ausland zu gehen.

Am 14. März hatte mein Mann einen Termin im Militärkommissariat in Lwiw. Also hat er uns weggeschickt, wir sind am 13. März abgereist.

Mein Mann in der Armee

In Sokal stiegen wir in ein Sammeltaxi, das uns schon erwartete. Der Priester fuhr mit seinen Kindern in seinem eigenen Auto hinter uns her. Am 14. März kamen wir in Berlin an und wurden in einer Wohnung untergebracht. Wir sollten weiterfahren nach Bochum, dort erwartete uns eine Familie, aber die hatte gerade Covid. Deshalb bot man uns etwas anderes an, in Berlin.

Wir wurden dort sehr gut aufgenommen, so gut haben wir nicht einmal in der Ukraine gelebt. Wir sprechen mit ihnen Englisch, per Google-Übersetzer. Wir haben eine separate Wohnung im vierten Stock, die Besitzer dieser Wohnung wohnen in der ersten Etage.

Das alles macht uns viel Stress. Es ging uns doch gut. Warum musste ich mein geliebtes Donezk verlassen? Und Solote...

Mein Mann ist jetzt in Lwiw, seit dem 25. März ist er offiziell als Freiwilliger bei den ukrainischen Streitkräften in Ternopil.

Wir werden in die Ukraine zurückgehen

Vor einem Monat haben mein Mann und ich beschlossen, dass wir zu ihm nach Ternopil zurückkehren, dort wird er wenigstens einmal die Woche zu uns dürfen. Ich sehne mich sehr nach ihm. Die Kinder weinen immerzu, sie wollen ihren Vater sehen.

Als wir hier ankamen, dachte ich, dass wir hierbleiben, dass das alles schnell vorbeigeht. Aber jetzt habe ich begriffen, dass es lange dauern wird. Und ich habe beschlossen, zurückzukehren. Ich will meinen Mann unterstützen, bei ihm sein.

Ich habe Angst, dort hinzufahren. Aber ich will wenigstens ein wenig Zeit mit ihm verbringen. Ich weiß bloß nicht, wie lange das sein kann.

Vielleicht werden die Militärs aus der Westukraine bald die im Osten ablösen. Ich weiß nicht, ob er lebend von dort zurückkommt oder nicht. Ich hoffe, dass er zurückkommt, er und alle die anderen Jungs. Ich verstehe, dass die, die jetzt im Osten kämpfen, schnell abgelöst werden müssen, weil sie dort unter Schock stehen, sie sind erschöpft.

Ich gehe zurück, weil ich mit meinem Mann wenigstens ein bisschen zusammen sein will (weint). Aber ich hoffe, dass alles vorbeigeht und wir für immer zusammenbleiben.

Im Januar 2022 fiel mir plötzlich ein, dass ich mir nochmal den Film „Titanic“ anschauen wollte. Während der Film lief, hatte ich in der Küche zu tun, ich kochte das Abendessen und wartete, dass mein Mann von der Arbeit käme.

Es gibt eine Szene in dem Film, die mir ganz besonders gefiel, als schon die Rettungsboote heruntergelassen wurden, damit die Leute hineinspringen konnten, um sich zu retten, als das Schiff schon sank. Aber Rose sprang nicht. Sie wollte zuerst, aber dann begriff sie, dass sie Jack liebt, und sie rannte los, um ihn zu suchen. Das hat mich total gefesselt, aber ich wußte damals nicht warum.

Dann habe ich den Film noch einmal angeschaut, als wir schon in der Westukraine waren, im März. Da habe ich verstanden, dass wenn du jemanden liebst, aber dieser Jemand ist nicht bei dir, dann verzichtest du auf alles, du verzichtest auf die Sicherheit und die Ruhe, und dann beschließt du, zurückzukehren. In die Ukraine.

Jetzt verstehe ich, warum ich diesen Film noch einmal angeschaut habe. Wahrscheinlich versuche ich jetzt erst, aus diesem Rettungsboot hinauszuspringen, um wenigstens noch eine kurze Zeit mit ihm zusammenzusein.

Rose ist aus dem Rettungsboot wieder raus und war in den letzten Minuten mit ihm zusammen. Das war ihr mehr wert, als sich selbst zu retten.

Mit Alina, die ihre Geschichte nur anonym erzählen wollte, sprach Tatiana Firsova am 2. September 2022. Sie und Anastasiia Kovalenko übernahmen Transkription und Redaktion des Originalinterviews. Aus dem Russischen übersetzt haben Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann.

Wie die Interviews entstehen

In dieser KARENINA-Serie kommen Zeitzeugen aus der Ukraine und Russland zu Wort. Wir möchten nicht nur erfahren, was die einen bei der Flucht vor dem Krieg, die anderen bei der Flucht vor Unterdrückung sowie sie alle im Exil erlebt haben, sondern auch verstehen, wie sie denken. Deswegen fragen wir sie nicht nur über das Erlebte, sondern auch über ihre persönlichen Gedanken zum Geschehen in Osteuropa. 

Unsere Gesprächspartner eint unabhängig von Alter, Ausbildungsniveau, Muttersprache und Beruf der Wunsch, ihre Geschichten mit uns zu teilen.

Die Interviews dauern unterschiedlich lang: von etwa 20 Minuten bis zu mehr als zwei Stunden. Viele erzählen gerne und sprechen sehr offen, andere sind zurückhaltender. Wir halten unsere Fragen offen, lassen erzählen, nicht antworten. Das führt manchmal zu sehr langen Texten. Aber werden dabei offener, reicher.

Wir kürzen die Ergebnisse wo nötig, um den Text lesbarer zu machen. Aber die Wortwahl bleibt die der Sprechenden. So bleiben die Erzählungen authentisch. Es sind allesamt individuelle Zeugnisse von „Flucht und Exil“ mitten in Europa.

Lesen Sie weitere „Interviews gegen das Vergessen“ aus der KARENINA-Serie „Flucht und Exil“.

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