Was, wenn die Ukraine gewönne?

Liana Fix und Michael Kimmage: Sieg der Ukraine hieße nicht Ende des Kriegs, Foreign Affairs, 6.6.2022

von KARENINA

Liana Fix und Michael Kimmage setzen ihre Reihe „Was wäre wenn…“ fort. Ihre neue Frage lautet: Was, wenn die Ukraine gewönne?

Nachdem sie die Erfolge der ukrainischen Armee aufgezählt haben (von Kiew bis Charkiw), stellen sie fest: „Anders als der Kreml hat die Regierung in Kiew ein klares Ziel, gestützt durch eine herausragende Moral und zunehmender ausländischer Hilfe.“

Sie sehen ein „Momentum“ und eine „Aufwärtsdynamik“, und, für den Fall, dass die Ukraine im Sommer Boden gewönne, wachsende Macht für Kiew. Trotz einiger Rückschläge könne die Ukraine gewinnen – wenn auch begrenzt. Dazu zeichnen sie zwei Szenarios:

„Winning small“ bedeutete, dass die Ukraine die russische Armee vom westlichen Ufer des Dnepr fernhalten, Verteidigungslinien entlang der russisch besetzten Gebiete im Osten und Süden etablieren und den Zugang zum Schwarzen Meer sichern könnte. Mit der Zeit könnte die Ukraine die von Russland etablierte Landbrücke zur Krim unterbrechen und das seit dem 24. Februar verlorene Territorium zurückerobern. Ein weltverändernder Sieg wäre das nicht, schreiben Fix und Kimmage, aber er würde der Welt zeigen, „dass ein erfolgreicher Widerstand gegen mächtige Aggressoren möglich ist“.

„Winning big” bedeutete, das ganze Land zurückzugewinnen – inklusive der Krim und der von Separatisten besetzten ostukrainischen Gebiete. Weil Angriff schwerer sei als Verteidigung sei dieses Szenario weniger wahrscheinlich als ein begrenzter Sieg. Und Russland würde wohl hartnäckig an der Krim festhalten, es sei immerhin die Heimat der russischen Schwarzmeerflotte und ein Symbol für Russlands Rückkehr zum Großmachtstatus. „Es ist unwahrscheinlich, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Krim ohne einen gewaltigen Kampf ziehen lässt.“

Über „winning big“ urteilen die beiden: „Es ist eine berauschende Vision, aber eine, die nichts mit der Realität zu tun hat.“ Gleichgültig welches Ergebnis herauskomme: Russland werde eine Niederlage nicht dauerhaft hinnehmen. Deshalb müsste der Westen nach Kriegsende noch mehr Engagement zeigen.

Am ukrainischen Willen zum Kampf hegen Fix und Kimmage keine Zweifel. Die Moral der russischen Truppe schätzen sie schwächer ein als die der ukrainischen Armee. Aber sie verweisen darauf, dass russische Experten eher mehr Krieg erwarten als weniger und Russland eine Niederlage nicht akzeptieren werde.

Darauf folgen Spekulationen: Selbst ein kleiner Sieg zöge eine neuerliche Invasion nach sich – 2023. Deshalb lautet ihr Ansatz bei Putins Russland: „Misstrauen und verifizieren“.

Es bleibe das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen. Darauf sollte der Westen mit Abschreckung reagieren. Falls das nicht fruchte, solle die Nato „eine begrenzte konventionelle Reaktion in Betracht ziehen, entweder gegen russische Streitkräfte in der Ukraine oder innerhalb Russlands selbst“ und Sanktionen und Vergeltung androhen.

So oder so müsse die Ukraine sich auf einen jahrelangen Konflikt vorbereiten – und der Westen mit Cyberattacken, Desinformation und anderem rechnen. Der Westen könne auf absehbare Zeit „wenig tun, um Russland von innen heraus zu beeinflussen, außer auf das Auftauchen einer weniger kämpferischen russischen Führung zu hoffen“.

Das Ziel müsse deshalb sein, für nachhaltige Sicherheit der Ukraine zu sorgen. Das alles erfordere Zeit und Geduld.  PHK