Putin und Biden: Theater in Genf

Wie russische Medien das Treffen der beiden Präsidenten beurteilen

Russische Experten betrachten die Ergebnisse des Treffens von Präsidenten Joe Biden und Wladimir Putin in Genf skeptisch: Beide Präsidenten hielten lediglich zwei separate Pressebegegnungen und durften ganz ungestört den Zuhörer ihre eigene Vorstellung über das Gespräch vermitteln. Die Vorstellungen beider Staatschefs werden in Moskau eher als unglaubwürdig bezeichnet.

Der bekannte Moskauer Historiker Andrei Zubow hatte in seinem Beitrag auf Facebook bereits vor dem Treffen einen kritischen Ton angeschlagen und Putins Auftritt in Genf als „neues Theaterstück seiner eigenen Großartigkeit“ bezeichnet.

Der politische Redakteur des Moskauers Radiosenders Echo Moskwy Kirill Rogow meint: Es macht keinen Sinn überhaupt darüber zu diskutieren, wie die Gespräche zwischen Putin und Biden endeten. Man wisse es nicht. Man könne sich lediglich über die zwei Pressebegegnungen danach äußern. Putin und Biden hatten beide Möglichkeiten, ihre Solos zu präsentieren, Rogow sieht diese Auftritte wie aus unterschiedlichen Welten stammend. Putins Worte klangen für ihn vollkommen unglaubwürdig, aber auch Bidens Presseauftritt sah wie eine „Attraktion“ aus.

„Biden erzählte, dass er Putin seine Vision erklärt hat – dass eine demokratisch gewählte Regierung einen sehr hohen Wert hat, sowie Menschenrechte und Pressefreiheit“, so Rogow. „Um diese Gedanken mitzuteilen, hätte Biden gar nicht nach Genf fahren müssen.“

Außerdem sei noch immer nicht klar, ob Biden Putin für einen Mörder hält oder doch nicht. Wenn es bisher so aussah, als bejahte Biden diese Frage und er hielte diese Aussage für wichtig, deuteten seine Antworten nun eher darauf hin, dass nicht wichtig sei, was er denkt. Am Ende, schließt Rogow, sehe Putin nach Genf wie ein Mensch aus, der den amerikanischen Präsidenten dazu gebracht hat, vollständig zurückzuspielen. Und Biden sehe wie ein Präsident aus, der gut in Fettnäpfchen (im Original: in die Pfütze) treten könne, aber jetzt achtsamer reden werde.

Konstantin Sonin, Professor bei der Universität von Chicago sowie bei der Wirtschaftshochschule Moskau, meint, Bidens Ziel bei diesem Treffen sei möglicherweise gewesen, die amerikanische Positionen klarzustellen und die Wirkung von Donald Trumps Äußerungen in Helsinki zu beseitigen. Niemand wisse, so Sonin, was Trump Putin damals versprochen hat.

„Soweit man weiß, hat Trump die Arbeitsnotizen der Dolmetscherin zu sich genommen, und nun ist es drei Jahren her, was da draufstand“, merkt Sonin an.

Timofei Bordatschow, Programmdirektor des Putin-nahen Waldai-Clubs, sieht das Treffen dagegen positiv: Die Begegnung habe Ergebnisse gezeitigt; das wichtigste sei, dass beide Seiten miteinander gesprochen hätten und dabei ihre Positionen behalten haben. Der Ball, so setzt Bordatschow fort, liege nun auf der Seite von Amerikanern, weil Biden „öffentlich“ um eine Möglichkeit gebeten hat, ein halbes Jahr ruhig arbeiten zu können. Die russische Seite, behauptet dabei der Autor, sei „zu konstruktiven Gesprächen immer bereit“.  TF