Wlassow: Der Nazikollaborateur

General Andrei Wlassow bekämpfte zuerst Hitlers Armee, dann die von Stalin

von Alexander Frese
General Wlassow mit Soldaten der 'Russischen Befreiungsarmee', 1944.

Das Leben des Andrei Wlassow dauerte nur 45 Jahre. Vor 120 Jahren, am 14. September 1901, kam er zur Welt, fast genau 75 Jahre sind seit seinem Tod vergangen. Er ist eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren der tragischen Jahre des deutsch-sowjetischen Kriegs.

Als 18-Jähriger schloss Wlassow sich den Bolschewiki im Bürgerkrieg an. Mit deren Sieg begann für Wlassow eine glänzende Karriere in der Armee des Sowjetstaats. 1930 trat er in die Kommunistische Partei ein. Von den verheerenden stalinistischen „Säuberungen“, die 1937 – 1938 auch das höhere Offizierskorps der Roten Armee im großen Ausmaß trafen, blieb er verschont und wurde 1938/1939 sogar mit einer militärischen Beratungsmission nach China zu Chiang Kai-shek beauftragt. 1940 kehrte er in die Sowjetunion zurück und wurde zum Divisionskommandeur bestellt.

Zu diesem Zeitpunkt galt Wlassow als außerordentlich fähiger Offizier der Roten Armee, der seine Einheiten in mustergültiger Ordnung führte. Nach dem Überfall Deutschlands war Wlassow an der Verteidigung Kiews und später Moskaus beteiligt.

Im Frühjahr 1942 sollte Wlassow mit der inzwischen von ihm befehligten 2. Stoßarmee in der „Ljubaner Offensive“ – auch „Schlacht am Wolchow“ genannt – dazu beitragen, den deutschen Belagerungsgürtel um Leningrad zu sprengen. Nach einem erfolgreichen Vorstoß verliefen die Kämpfe für die Rote Armee aber äußerst verlustreich; der Rückzug aber wurde untersagt. Beim späten Versuch, aus der Umzingelung auszubrechen, wurde die Armee fast vollständig aufgerieben.

Wlassow selbst lehnte eine Evakuierung aus dem Kessel per Flugzeug ab, hinter den deutschen Linien versuchte er, sich versteckt zu halten. Nach zwei Wochen wurde er, verraten von einem Hinweisgeber, von den Deutschen entdeckt. Der Tag seiner Gefangennahme – der 12. Juli 1942 – war auch ein Wendepunkt in seinem Leben.

Im Dienst der Deutschen

Gegenüber den Deutschen präsentierte sich Wlassow als Gegner des Sowjetsystems und erklärte sich bereit, eine antisowjetische Armee zu bilden und zu führen. Einige deutsche Militärs unterstützten diesen Vorschlag; Hitler lehnte ihn aber strikt ab. Erst nachdem die Rote Armee im Sommer 1944 die deutschen Angreifer weit nach Westen zurückwerfen konnte, kam es in der zweiten Jahreshälfte zur Gründung einer „Russischen Befreiungsarmee“ (ROA – Russkaja Oswoboditelnaja Armija) unter Wlassows Führung.

Im November veröffentlichte das ebenfalls von Wlassow geführte „Komitee zur Befreiung der Völker Russlands“ ein Manifest, das sowjetische Kriegsgefangene zum Kampf in der neuen „Befreiungsarmee“ aufrief. Die Resonanz darauf blieb aber eher schwach, wozu auch die aus deutscher Sicht inzwischen hoffnungslose militärische Lage beitrug. Andererseits trieb die grausame und verbrecherische Behandlung, die sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Lagern erleiden mussten und der mehr als jeder zweite Gefangene zum Opfer fiel, manch verzweifelten ehemaligen Rotarmisten in die neue Militäreinheit – in der Hoffnung auf bessere Überlebenschancen.

Ende Januar 1945 wurde Wlassow zum Kommandeur der zuletzt insgesamt zwei Divisionen umfassenden „Russischen Befreiungsarmee“ ernannt.  Die zunächst 50 000, später bis zu 100 000 Soldaten konnten in den verbliebenen Wochen und Monaten unter dem Oberbefehl der Wehrmacht militärisch nichts mehr bewirken, außer sich für den wahnwitzigen nazideutschen Kampf gegen die vorrückende Sowjetarmee aufzuopfern.

Und selbst wenn die Lage eine andere gewesen wäre, hätte sich die „Russische Befreiungsarmee“ doch nur zum Helfershelfer der deutschen Völkermordpolitik gemacht. Weshalb Wlassow zum Kollaborateur der Nazis wurde, ist nicht mehr zu klären.

Am 12. Mai 1945 fiel Wlassow in sowjetische Hände. Zunächst war ein öffentlicher Schauprozess in Moskau geplant. Aus Sorge, dass sich anlässlich eines solchen Prozesses in Teilen der Bevölkerung antisowjetische Stimmen und Stimmungen zeigen könnten, unterblieb dieses Vorhaben. Der Prozess fand hinter verschlossenen Türen statt und endete mit dem Todesurteil.

Am 1. August 1946 wurde Wlassow in Moskau gehenkt. Die Soldaten der „Befreiungsarmee“ wurden entsprechend einem Abkommen mit Stalin auch aus westlicher Kriegsgefangenschaft an die Sowjetunion ausgeliefert. Dort verschwanden sie – kollektiv als Verräter behandelt – auf viele Jahre im GULag.

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