Promi völlig betrunken im Studio: Kaum in der Lage zu stehen!

„Als er das Studio betrat, war er so betrunken, dass er kaum stehen konnte“

1986 eroberte Falco mit „Rock Me Amadeus“ als erster deutschsprachiger Künstler die Spitze der US-Charts. Bis heute hat ihm das außer ihm niemand nachgemacht. Die südafrikanischen Brüder Ferdi und Rob Bolland, die in den Niederlanden aufwuchsen, komponierten den Song. In den 1980er und 1990er Jahren prägten sie als Songwriter die Musikszene und schrieben Songs für Künstler wie Samantha Fox und Status Quo. Falco blieb ihnen besonders nahe, bis zu seinem tragischen Tod 1998 in der Dominikanischen Republik.

Johann Hölzel, so Falcos bürgerlicher Name, war der Archetyp des Rockstars und das einzige überlebende Kind einer Drillingsgeburt. Schon als Kleinkind imitierte er Schlager, bekam zu seinem vierten Geburtstag ein Klavier geschenkt und wurde von der Wiener Musikakademie für sein außergewöhnliches musikalisches Talent gelobt. Doch er war auch ein Rebell, flog von der katholischen Privatschule, brach eine Lehre als Versicherungskaufmann ab und später auch das Studium am Wiener Konservatorium. Inspiriert durch den DDR-Skispringer Falko Weißpflog, nannte er sich ab 1977 „Falco“. Berühmt wurde er mit „Der Kommissar“ und galt als erster weißer Rapper. Im Juni jährt sich der Welthit „Rock Me Amadeus“ zum 40. Mal. Es gibt eine Falco-Tribute-Tour in Deutschland und ein Falco-Musical, fast wie eine Reinkarnation. Ferdi Bolland, der die Lieder für Falco schrieb, machte ihn zum größten deutschsprachigen Künstler.

WELT: Falco hieß mit bürgerlichem Namen Johann Hölzel. Wie nannten Sie ihn?

Ferdi Bolland: Hansi.

WELT: Gab es einen Unterschied zwischen Hansi und Falco?

Bolland: Ein gewaltiger! Es war wie Jekyll und Hyde, nur in musikalischer Form. Der private Hansi war sehr introvertiert, ruhig, fast schüchtern und unsicher. Falco hingegen, der er wurde, sobald er seine Bühnenkleidung anzog, seine Sonnenbrille aufsetzte und Gel in seine Haare strich, war der perfekte Rockstar – sehr charismatisch, vielleicht ein wenig anstrengend, aber mit einer unglaublichen Ausstrahlung. Er wollte immer wie David Bowie sein, und das war er auch. Ich traf David in den 80ern ein paar Mal, und bei ihm war es genau so. Auch er war eigentlich schüchtern, sein Alter Ego jedoch extrem charismatisch.

WELT: Wie war er im Studio?

Bolland: Er kam als Hansi rein und sobald er vor dem Mikrofon stand, war er Falco. Als Produzenten liegt es uns am Herzen, unsere Künstler gut aussehen zu lassen, aber niemand hat unsere Songs so gut umgesetzt wie Falco. Und erst recht nicht zu vergessen, was er aus den Videos machte! Die Verrücktheit, die er in seine Rolle steckte, war einzigartig – das konnte nur Falco.

WELT: Sie haben viele Hits für ihn geschrieben. Was war aus Ihrer Sicht der größte Song?

Bolland: Für mich war es immer „Jeanny“. Auf die Komposition bin ich wirklich stolz. Ich höre „Jeanny“ noch heute sehr gerne und finde es noch immer extrem faszinierend.

WELT: Das Thema dieses Liedes wurde sehr kontrovers diskutiert. Sittenwächter und Frauenrechtler sahen in ihm die Verherrlichung von Gewalt gegen Frauen.

Bolland: Als ich es schrieb, hatte ich einen Protestsong im Kopf, aber die Medien haben den Song komplett missverstanden. Das war damals sehr enttäuschend für mich. Ich meinte etwas ganz anderes. Ich war in Amerika und hatte dort gesehen, dass sie Fotos und kleine Steckbriefe von vermissten Kindern auf Milchbehälter gedruckt haben. Ich wollte dieses Thema aufnehmen und erweitern um vermisste Frauen. Gerade deshalb war es für mich so unverständlich, dass Radiostationen diesen Song boykottieren könnten. Aber Falcos Interpretation und vor allem das Video, das er in Wien dazu aufgenommen hat, haben dem Ganzen einen etwas anderen Touch gegeben. Die Filmemacher haben Zutaten beigemischt, die die Zuschauer in eine andere Richtung führten. Als ich das fertige Video sah, war ich sehr gespannt, wie die Medien diesen Ansatz wohl aufnehmen würden, und schon ging es los …

WELT: Das Entsetzen war groß. Falco spielte im Video einen Stalker, der schließlich in der Gummizelle landete.

Bolland: Ich war ziemlich enttäuscht, dass niemand über das Offensichtliche hinausgedacht hatte. Aber alle nahmen das Video für bare Münze. Und so gab es zuerst einen Boykott der DJs in Deutschland, dann schwappte das nach Holland über und so weiter. Ein Radio-DJ entschuldigte sich sogar während einer Sendung bei mir und sagte, er wüsste, das Lied sei als Protestsong gedacht, aber er könne ihn nicht mehr spielen.

WELT: Trotzdem wurde „Jeanny“ Falcos größter Hit?

Bolland: Ja. Der Effekt des Boykotts war, dass die Absatzzahlen explodierten. Wir haben jeden Tag 30.000 Singles verkauft. Es wurde 1986 das meistverkaufte Lied des Jahres.

WELT: „Jeanny“ folgte genau auf „Rock Me Amadeus“, dem einzigen deutschsprachigen Lied, das es jemals an die Spitze der US-Charts schaffte. War der Druck für Sie nicht enorm, diesen Erfolg zu wiederholen?

Bolland: Es gehört zum normalen Prozess einer Produktion, dass du mit deinem Künstler eine Single machst und dann darüber nachdenkst, was als Nächstes kommen kann. Wir hatten dieses Problem nicht. Lange, bevor wir Falco überhaupt kennenlernten, haben wir drei Songs für ihn geschrieben und fertig aufgenommen: „Rock Me Amadeus“, „Jeanny“ und „Vienna Calling“. Wir hatten sogar Gesang für ihn aufgenommen, um ihm eine Anleitung zu geben, wie man das singt. Kontakt hatten wir bis dahin nur zu seinem Manager Horst Bork. Er hatte uns 1984 gefragt, ob wir mit Falco arbeiten würden.

WELT: Wie lief das ab?

Bolland: Nach dem großen Erfolg mit „Der Kommissar“ hat Falco sich ein bisschen gehen lassen. Er hat viel getrunken, viele Drogen genommen, halt viele Dinge gemacht, die man nicht machen sollte und dabei seine Karriere ein wenig aus den Augen verloren. Horst Bork rief uns an und fragte, ob wir nicht mit ihm arbeiten könnten, um mit unseren Ideen sozusagen für einen Neustart zu sorgen. Wir haben sofort zugesagt. Mein Bruder und ich stammen aus Südafrika, gingen aber zwei Jahre in München in den Kindergarten und hatten rudimentäre Deutschkenntnisse. Jetzt also eine Mischung aus Deutsch und Englisch mit Falco zu machen, hat uns sehr interessiert. Also haben wir sofort angefangen zu arbeiten, lange, bevor wir Falco das erste Mal sahen.

WELT: Wann trafen Sie denn Falco?

Bolland: Wir stellten der Plattenfirma und dem Management die drei Lieder vor. Alle waren begeistert und sprachen vom neuen Falco-Sound. Der Einzige, von dem wir nichts hörten, war Falco selbst. Sein Manager flog zu ihm nach Wien, doch Falco ließ ausrichten: Er mag diese Songs nicht. Am wenigsten „Jeanny“. Falco meinte, er würde niemals eine Ballade aufnehmen. Und als Wiener könne er doch nicht über Mozart singen. Er sagte: Die Bollands leben in Holland, sie würden garantiert auch nicht über Holzschuhe und Käse singen.

WELT: Warum kam Falco nach ein paar Wochen dann doch zu Ihnen nach Holland?

Bolland: Ja, wie Horst Bork uns vorher mitteilten musste: unter Protest. Ich weiß noch, es war ein Montag, an dem Falco gleich früh zum Singen kommen sollte. Als er das Studio betrat, war er so betrunken, dass er kaum stehen konnte. Wir haben ihm vorgeschlagen, zurück zum Hotel zu gehen, sich erst mal auszuschlafen und wiederzukommen, wenn er bereit ist zu arbeiten.

WELT: Wann meldete er sich zurück?

Bolland: (lacht) Zwei Tage später. Wir warteten den ganzen Dienstag vergeblich, am Mittwoch früh stand er plötzlich da, nüchtern und gut gekleidet. Er entschuldigte sich bei uns, bat uns um einen Neuanfang. Dann brauchten wir zwei Wochen, um den Gesang für die drei Lieder aufzunehmen. Wir mussten ihn da regelrecht durchführen, Falco sagte immer wieder: „Ich singe das hier nur unter Protest. Ich tue es, weil mein Management und meine Plattenfirma darauf bestehen. Alle glauben, diese Songs werden Hits – ich nicht.“

WELT: Falco irrte sich.

Bolland: Und wie! Falco flog zurück nach Wien, wir mischten die Lieder ab, und „Rock Me Amadeus“ sprang auf Platz eins der Charts in Deutschland, ein Jahr später Nummer eins in den USA, in England, in Japan, in elf Ländern. Danach kamen „Vienna Calling“ und „Jeanny“, und das wurde noch größer.

WELT: Hat sich Falco bei Ihnen entschuldigt?

Bolland: Er kam nach Holland geflogen und sagte: „Ich bin kein Mensch großer Entschuldigungen.“ Dann schenkte er uns ein Gemälde von Mozart, das er extra für uns anfertigen ließ. Er hatte eine Widmung draufgeschrieben: „Sorry, Bollands, eine Nummer-eins ist niemals eine Sackgasse. Eure Ideen waren einfach die besten.“

WELT: Hatten Sie Spaß mit Falco?

Bolland: Oh, das hatten wir. Nachdem wir diese drei Hits im Kasten hatten, ging Falco für mehrere Monate auf Tour, alle Arenen waren ausverkauft. Wir sind mit 20 Leuten mitgetourt und haben ein Live-Album aufgenommen. Was hatten wir da für einen Spaß! Alles in den 80ern war übertrieben und exzentrisch. Und diese Tour war richtig 80er-Jahre, wenn Sie verstehen, was ich meine. <

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