Lothar Buckow zählt zu den letzten Fischern des Alten Landes. Während der Stintsaison ist er täglich auf der Unterelbe unterwegs. Schon vor drei Jahrzehnten galt Buckow als Überbleibsel einer längst vergessenen Ära. Die Arbeit wird zusehends härter.
Kurz nach dem Mittagessen lichten sich die Regenwolken über der Unterelbe bei Jork, und die Sonne bricht durch und taucht die Landschaft in ein sanftes, milchiges Licht. Kormorane räkeln sich auf Baumstämmen vor der Elbinsel Hanskalbsand, Gänse kreischen in der Luft, und tausende Stinte zappeln stumm in Plastikkisten. Es duftet nach Fisch und Maschinenöl.
Inmitten des gemächlich fließenden Stroms, umgeben von sandigem, braunem Wasser, erscheint die Welt friedlich und weit entfernt vom Trubel beider Uferseiten. Es ist der ideale Moment, um die Arbeit kurz zu unterbrechen. Lothar Buckow öffnet den Reißverschluss seiner Öljacke, blinzelt ins Licht und zeigt ein von Wind und Wetter gezeichnetes Gesicht.
Buckow hat fast 45 Meter grünes Netz an Bord gezogen. Er hat seinen steifen Körper zur Mitte des Bootes gewunden und die Arme nachgezogen. Die Arbeit als Fischer ist körperlich anstrengend und hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Buckow ließ das mit Stinten gefüllte Netzende kurz unter Wasser, „damit die Kleinen entkommen können“. Dann hob er es mit einem breiten Kescher an, während Elbwasser auf die Planken spritzte, bis nur noch die Stinte übrig blieben, die sich in den Maschen verfangen hatten.
Nach gut einer Stunde waren es 120 Kilogramm Frischfisch aus den Netzen zu beiden Seiten des kleinen Kutters. Der Fang liegt nun in bunten Kunststoffkörben an Deck. In der letzten Nacht zog er sogar 300 Kilo heraus. Nachts sei es immer besser, sagt er. Den Stint brachte er noch um 1 Uhr zum Hamburger Fischmarkt. Dort hat er einen Verkäufer, der den Fisch für ihn anbietet. Der heutige Fang wird allerdings direkt über den eigenen Laden in Jork verkauft.
„1990 waren wir noch sechs“
Buckow sollte eigentlich nicht mehr arbeiten, er ist 67 Jahre alt. Doch was bedeutet das schon für jemanden, der nicht aufhören kann? Vielleicht kann er nicht, weil er sonst ein weiteres Stück Tradition sterben lassen würde. Buckow ist einer der letzten Elbfischer. „Um 1900 hatten wir 1000 Berufsfischer“, sagt er. „1990 waren wir noch sechs.“ Heute gibt es noch drei, die auf der Unterelbe fischen wie er – mit Reusen und einem Hamenkutter namens Elise.
Es handelt sich um eine besondere Art des Fischens: Der Kutter verankert sich in der Strömung, die Netze werden im Gezeitenstrom platziert und regelmäßig eingeholt. Diese Methode ist umweltschonend, da die Netze nicht über den Flussboden gezogen werden.
„Ich verstehe das ja“, sagt er. „Diese Art der Fischerei hängt von den Gezeiten ab. Und wenn ich heute um eins starte, dann morgen um zwei und übermorgen um drei. Alle zwei Wochen gibt es Vollmond und Neumond mit starken Strömungen. Und bei Halbmond, da hast du so eine schwache Tide, da fängst du nichts.“ Für den Biorhythmus sei das nichts. „Kaum jemand hat noch Lust darauf. Du bist nicht jeden Abend zu Hause. Und dann ist vielleicht irgendwann die Freundin weg. Und dann musst du natürlich auch was fangen“, sagt Buckow. „Wenn mal absolut nichts ging, bin ich bis Glückstadt runter. Dort ist aber für diesen kleinen Kutter auch schon das Ende der Welt. Da bist du immer neben dem Fahrwasser. Wenn so ein Containerriese an dir vorbeifährt, entsteht ein Sog, das halten die Netze gar nicht aus.“
Buckow ist nicht allein an Bord. Sein Gehilfe heißt Dirk Ostmeier, Buckow nennt ihn „Dierk“. Sie sind im gleichen Jahr geboren und halten zusammen die Elise in Schuss. Ostmeier war früher Bäcker. Früh aufstehen war nie das Problem. Doch auf dem Wasser gefällt es ihm besser. „Früher gab es fünf Sorten Brötchen, heute sind es 30 und alle schmecken gleich.“
Wenn Buckow und er Stinte ernten, beginnt der kleine Kutter zu leben. Der Schiffsmotor stellt auch die Kraft für die Winden bereit, die die beiden Kurrbäume rechts und links anheben, an denen die Netze hängen. Die Elise ächzt und stöhnt dabei, stößt kleine Wolken aus Abgasen wie Seufzer aus. Elise wurde 1946 auf der dänischen Insel Rømø gebaut. Buckow hat sie vor Jahrzehnten für 500 Mark von einem Journalisten gekauft. Zwei Jahre lang restaurierte er sie mit seinem Bruder auf dem Hof. Seitdem steht sie treu an seiner Seite, genau wie Dirk. An Bord herrscht eine robuste Stimmung. Wenn „Dierk“ im Weg steht, fragt Buckow: „Was willst du jetzt?“ Der kennt das schon, fummelt Stinte aus dem Netz, die sich verfangen haben.
„Ich habe Dirk dabei, weil meine Frau darauf besteht“, scherzt Buckow, obwohl auch ein Körnchen Wahrheit dabei ist: Für den Fall, dass er ins Wasser fällt. „Bei zwei Grad Wassertemperatur hilft auch die Rettungsweste nicht“, da wäre er erfroren, bevor jemand die Notlage bemerkt. Ist er denn schon mal ins Wasser gefallen? „Nee, aber irgendwann ist ja immer das erste Mal.“ Buckow zieht einen kleinen Butt unter den Stinten hervor. Der muss zurück ins Wasser. Ebenso die paar Weißfische und die Zander, die haben Schonzeit, auch ein Kaulbarsch mit langen spitzen Rückenflossen. „Da musst du aufpassen“, sagt Dirk. „Wenn du dir die unter den Nagel haust, tut das höllisch weh.“
Die Buckows stammen aus dem Dorf Buckower See. Das liegt in Hinterpommern, die Familie hatte dort ein Gut. Heute gehört das Gebiet zu Polen. Vater Buckow war Leuchtturmwärter und Fischer. So war Lothar Buckows Weg vorgezeichnet.
Als er jedoch seine Arbeit als Fischer begann, war er bereits ein Relikt einer vergangenen Zeit. Bereits 1991 beschrieb ihn eine Hamburger Zeitung als „letzten Elbfischer aus dem Alten Land“. Damals war er gerade 34 Jahre alt und das Haar noch blond. Heute sind Buckows Haare weiß und er selbst längst eine Marke. Er ist der Elbfischer, so wie auch das Fisch-Bistro und das Fischgeschäft der Familie heißen. Sie befinden sich in einem weiß gestrichenen Holzensemble an der Hauptstraße Wisch im Schatten eines rot-weiß gestreiften stählernen Leuchtturms. Hinter der Straße türmt sich der Deich wie ein steiler grüner Berg auf.
Von dem, was er fängt, geht das meiste über die Ladentheke. Natürlich auch Stint – in Roggenmehl paniert und mit Speck in Butter gebraten. Dazu gibt es Kartoffelsalat oder Bratkartoffeln. „Gurkenfisch“ heißt der 15 bis 20 Zentimeter lange Fisch auch, weil er frisch dezent nach Gurke duftet. Die Saison geht bis in den März. Danach sei Sendepause bis in den Mai rein, „dann geht es mit Aalen los. Die fange ich in Reusen, die ich selber baue. Wenn ich jeden Tag zwanzig Kilo Aale fange, bin ich glücklich. Die haben ja auch eine andere Preisklasse.“ Hinzu kommen alle möglichen Beifänge: Zander, Hecht, Barsch, Brassen, Rotfedern.
Wie lange er jetzt im März noch Stint fängt, hängt von der Wassertemperatur ab. „Wenn das Wasser neun Grad warm ist, laichen die Stinte“, sagt Buckow. „Dann ist Feierabend. Bei denen ist es wie bei den Lachsen: einmal Sex und tot.“ Nach dem Schlüpfen im September, Oktober wandert der Stint in den Nordatlantik, bis nach Island. Nach fünf Jahren ist er geschlechtsreif. Dann treibt es ihn zum Laichen zurück in Elbe, Weser und Ems. Fischbestände in einem industrialisierten Fluss wie der Elbe reagieren auf kleinste Veränderungen. Fischer Buckow kann davon ein Lied singen. Bis in die 70er-Jahre war der Stint ein Massenfisch. In den 80er-Jahren gingen die Bestände erstmals wegen der schlechten Wasserqualität zurück. Seit Mitte der 90er-Jahre gedieh der Fisch wieder.
Stint hat in den letzten Jahren eine Renaissance erfahren. Die Nachfrage ist gestiegen. Dafür sind die Fänge erneut eingebrochen. Ein Grund dafür ist für Buckow klar: die Elbvertiefung. „Der Schlick wird hier ausgebaggert und dann ein paar Kilometer weiter wieder in die Elbe gekippt.“ Durch die Gezeiten, durch Ebbe und Flut, werde der Schlick wieder zurückgespült und setze sich dann in den ruhigen Flusszonen abseits der Fahrrinne wie hier vor Hanskalbsand ab, sagt Buckow. Das Gebiet sei eines der klassischen Laichgebiete des Stints, der dafür kiesigen Flussboden benötige. Mit der Verschlickung sei der ein einziger „weicher Schlubber“ geworden. Die Fischeier fallen nach der Befruchtung auf den Grund und versinken im Schlick. „Sauerstoff gibt es da nicht“, sagt Buckow. „Und das war es dann. Und das ist nicht nur mit den Stinten so.“
„Diese Endlosbaggerei kostet Millionen“
Buckow hat viele Ideen, wie der Schlick verwendet werden könnte, um ihn aus dem Kreislauf der Elbe zu entfernen: zum Deichbau, als Düngeboden. Er könnte sich eine künstliche Insel in der Nordsee vorstellen. Die Dänen würden so etwas machen, sagt der Fischer. „Diese Endlosbaggerei, da wegbaggern und da wieder reinschmeißen, kostet den Steuerzahler Hunderte Millionen im Jahr und bringt nichts.“ Die Fahrrinne setze sich immer wieder zu und die Fische verschwinden. „Wir werden alle immer ein bisschen veräppelt“, sagt Buckow. „Das ist nur Verarschung“, ergänzt Helfer Dirk.
Der Elbfischer Buckow ist mittlerweile auch ein Symbol des Widerstands geworden. Einer, der hart arbeitet und unbequeme Fragen stellt, sich nicht verbiegen lässt. Buckow hat schon gegen vieles gekämpft, das seinem geraden Verstand zuwider war. „Mir ist die Fischerei ja in die Wiege gelegt worden“, sagt er. „Und ich fand das immer ganz toll, mit der Natur zu arbeiten. Aber wenn du jeden Tag auf der Elbe bist, dann siehst du auch die Probleme ganz anders. Und dann kümmerst du dich auch.“
Buckow kämpft nicht nur gegen Umweltzerstörung. Auch gegen die Vorschriftenflut, die ihm das Leben als Fischer schwer mache, sagt er. Etwa, wenn sich die drei Bundesländer an der Unterelbe nicht auf einheitliche Schutzbestimmungen einigen können. Wenn er angewiesen werde, invasive Arten wie die mittlerweile allgegenwärtigen Wollhandkrabben einzusammeln und nicht zurück in die Elbe zu werfen.
Fischbestand geht insgesamt zurück
Während das Wasser der Elbe grundsätzlich sauberer geworden sei, geht der Fischbestand insgesamt zurück. Was auch an der Verschlickung liegt. „Aber man darf auch die Fische nicht unterschätzen“, sagt Buckow. „Früher hatten wir beim Stintfang sicher auch 100 Kilogramm Brassen dabei. Die kannst du eigentlich gar nicht gebrauchen, die besteht nur aus Gräten. Polnische Karpfen sagen wir dazu. Aus denen haben wir Frikadellen gemacht.“ Irgendwann seien es immer weniger Brassen geworden. Bis Buckow erkannte: „Die überwintern im Hafen!“
Die Brassen waren in die strömungsfreien Hafenbecken umgezogen. „Da hast du als Fisch keine Strömung, musst nicht gegen anpaddeln, hast mehr Energie, überlebt du besser.“ Erst zum Laichen im Mai kommen die Brassen zurück. „Also von der Natur finde ich das richtig toll“, lobt Buckow und verirrt sich kurz in die Verzweigungen der Filmwissenschaft. Im ersten Teil von „Jurassic Park“, Kino-Blockbuster von 1993, „da sagt Jeff Goldblum: Die Natur findet einen Weg. Und gen
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Hannah Berg ist Filmkritikerin und Serien-Expertin. Mit einem scharfen Blick für Details analysiert sie Neuerscheinungen und Klassiker aus der Welt des Kinos und Fernsehens.