„Gilmore Girls“-Rückblick: Hat die Kultserie die Zeit überstanden?

August 20, 2026

Mutter und Tochter sitzen zusammen auf einem Sofa in einem gemütlichen Wohnzimmer mit Kaffee und Snacks.

„Gilmore Girls“ galt einst als progressives Serienhighlight der Popkultur. Doch wie schneidet die Serie bei einer heutigen Betrachtung ab?

Es ist bereits einige Zeit vergangen, seit die Schöpfer*innen der „Gilmore Girls“, Amy Sherman-Palladino und Dan Palladino, ihre Serie durch eine vierteilige Netflix-Fortsetzung abschließen konnten – sehr zum Leidwesen vieler Fans. Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Erstausstrahlung stellen wir uns die Frage: Wie gut haben die „Gilmore Girls“ die Zeit überdauert?

Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick zurück notwendig. Als „Gilmore Girls“ am 5. Oktober 2000 auf dem US-Kanal „WB“ Premiere hatte, war George W. Bush Präsident; eine Ära vor den Ereignissen des 11. September, vor der #MeToo-Bewegung, der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Trump-Administration. In diesem Kontext boten die „Gilmore Girls“ mehr als nur Unterhaltung – sie waren richtungsweisend.

Die Serie dreht sich um das Leben der jungen Alleinerziehenden Lorelai (Lauren Graham) und ihrer Tochter Rory (Alexis Bledel), die in der fiktiven Stadt Stars Hollow leben. Die Handlung erstreckt sich über sieben Jahre und zeigt die enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die von gemeinsamen Filmnächten und viel Fast Food geprägt ist. Im Gegensatz dazu steht die komplizierte Beziehung zu Lorelais Eltern Emily (Kelly Bishop) und Richard (Edward Herrmann), die von Enttäuschungen und Missverständnissen durchzogen ist. Die Serie behandelt Themen wie Erwachsenwerden, Liebe, Karriereambitionen und Generationenkonflikte, verpackt in schnellen, sarkastischen Dialogen und einem tiefen Verständnis für Popkultur.

Männer? (Fast) ohne Chance!

Was macht „Gilmore Girls“ also so besonders? Es war eine der ersten Serien, die eine alleinerziehende Mutter als Hauptfigur hatte, die trotz der alleinigen Verantwortung beruflich erfolgreich ist und dabei eine ausgelassene Lebensfreude an den Tag legt. Rory, auf der anderen Seite, repräsentiert das intellektuelle und zielstrebige Gegenstück zu ihrer Mutter, mit dem Ziel, an der Eliteuniversität Harvard zu studieren und Journalistin zu werden – ein Leben, das Lorelai sich selbst nie aufbauen konnte.

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Unabhängige Frau in beruflichem Setting, die selbstbewusst und erfolgreich wirkt.
Lorelai verkörpert eine revolutionäre Darstellung von alleinerziehenden Müttern im TV.

Lorelai erzieht ihre Tochter zu einer unabhängigen jungen Frau, die sich von niemandem von ihrem Weg abbringen lässt. In den frühen 2000ern definierten Rory und Lorelai somit das Bild von Frauen im amerikanischen Fernsehen neu: Sie waren eigenständig, zielstrebig und setzten auf weibliche Solidarität statt auf flüchtige Männerbekanntschaften.

„Gilmore Girls“ und das blinde Privileg

Zwar war diese Darstellung für die damalige Zeit revolutionär, doch aus heutiger Sicht erscheint sie problematisch. Trotz feministischer Ziele sind Lorelai und Rory nicht so unabhängig, wie sie gerne vorgeben, und sie sind sich ihrer Privilegien nicht bewusst. Wie es ein YouTube-Kommentar treffend formuliert: „Gilmore Girls, alias ‚leicht unbequeme Dinge, die schönen, wohlhabenden Menschen widerfahren‘.“

Symbolische Darstellung von Wohlstandsunterschieden und sozialen Privilegien.
Die Serie ignoriert oft die finanziellen Vorteile ihrer Hauptcharaktere.

Die Serie suggeriert, dass Lorelai und Rory zur Arbeiterklasse gehören und sich von dem Wohlstand ihrer Großeltern distanzieren. Doch die Realität sieht anders aus: Ob es um Schulgebühren für eine teure Privatschule oder um eine Europareise geht, die Großeltern sind stets zur Stelle, um finanziell auszuhelfen.

In den letzten Staffeln lebt Rory in einem von den Großeltern finanzierten Apartment, hat einen reichen Freund und bricht ihr Studium ab, nachdem ihr ein einflussreicher Medienmogul sagt, sie habe nicht das Zeug zur Journalistin. Auch andere weibliche Charaktere der Serie erleben ähnliche Rückschläge in ihrer Unabhängigkeit und Emanzipation.

Nicht nur die Frauenrollen, sondern auch die Darstellung von Diversität in Stars Hollow ist überholungsbedürftig. Die Stadt wirkt weiß und heteronormativ. Michel, der einzige nicht-weiße Charakter, ist französischer Concierge und schwul – ein Stereotyp, das nie explizit thematisiert wird.

„Gilmore Girls“ schafft eine tiefe Verbundenheit

Trotz veralteter Stereotype und fragwürdiger Charakterentwicklungen bietet „Gilmore Girls“ immer noch viel Sehenswertes. Die Serie hat authentische Charaktere geschaffen, die echte menschliche Entscheidungen treffen. Die starke Bindung zwischen Lorelai und Rory, ihre Fehler und Versöhnungen machen die Charaktere greifbar und sympathisch.

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Wie Carrie Bradshaw in „Sex and the City“ hat auch Rory nach dem Serienende und dem Reboot „Gilmore Girls: A Day In The Life“ viel Kritik erfahren. Dies zeigt, dass emanzipierte Frauenrollen stets ein Spiegelbild ihrer Zeit sind und sich weiterentwickeln können.

Emma Wiepking schreibt für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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