Er wollte schockieren: Was steckt wirklich hinter seinen Taten?

Er wollte einfach nur schockieren

Am 28. September 1992 versammelt sich vor dem „Equinox“ Nachtclub am Leicester Square eine lange Warteschlange. Die „Kinky Gerlinky“-Party, benannt nach Gerlinde Kostiff aus Regensburg, die durch ihr Mitwirken im Musikvideo „Fade To Grey“ von Visage bekannt wurde, lockt die Massen an. Der Einlass ist streng geregelt, doch einige Stammgäste, darunter zwei junge Männer in schillernden Badehosen und glitzernden Bauhelmen, kommen sofort durch. Innen ist die Party bereits in vollem Gange, mit lautem Stimmengewirr an der Bar und Gästen in extravaganten Kostümen und bunten, turbanartigen Frisuren.

Er stellt die Geburtswehen dar

Plötzlich verstummt die Musik und eine korpulente Dragqueen in einem gestreiften Kleid, Kopftuch und weißer Sonnenbrille betritt das Podium. Ihr Auftritt erinnert an den Film „Female Trouble“ von John Waters mit Divine. Die Darbietung von Leigh Bowery beginnt zunächst zögerlich, nimmt aber Fahrt auf, als er sich auf einen Tisch legt und beginnt, Geburtswehen darzustellen.

Nach einiger Zeit erscheint ein blutverschmiertes, nacktes Geschöpf, das sich durch einen Schlitz in Bowerys Strumpfhose zwängt. Eine kahlköpfige, bewegliche Frau, die an seinem Bauch befestigt war, zieht nun eine künstliche Nabelschnur hinter sich her, die Bowery durchbeißt und ins Publikum wirft. Diese Performance ist gleichzeitig abstoßend und faszinierend, und ein Teil der Nabelschnur trifft den Autor im Gesicht.

Es stellte sich heraus, dass die Nabelschnur aus Tierdarm bestand, gefüllt mit einer Mischung aus Wurstbrät, Theaterblut und Gleitgel. Ein Video dieser Performance ist seit Ende Februar in der Tate Modern in London zu sehen, als Teil der Ausstellung „Leigh Bowery!“, die das Leben und Werk dieses exzentrischen Künstlers würdigt.

In der Londoner Kunstszene war Bowery schon 1992 ein bekanntes Gesicht. Zeitschriften wie „iD“ und „Face“ hatten ihm bereits in den 80er Jahren zu Kultstatus verholfen. Die Retrospektive zeigt viele Bilder aus dieser Zeit, von Partyfotos aus dem „Tabou“ Nachtclub, den Bowery 1985 eröffnete, bis hin zu den sorgfältig inszenierten Porträts des britischen Fotografen Fergus Greer, der ihn von 1988 bis zu seinem frühen Tod 1994 begleitete. Die großformatigen Bilder hängen neben erhaltenen Kostümen des Künstlers.

Seine Darbietungen sprengten Grenzen

Bowerys Selbstinszenierungen waren regelrechte Grenzüberschreitungen, die weit über den üblichen Club-Karneval der queeren Szene hinausgingen und als direkter Angriff auf das konservative Establishment der Thatcher-Jahre galten. Er war eine Mischung aus Modeschöpfer, menschlicher Skulptur, Aktmodell, anarchistischem Filmemacher, Popsurrealist und Zirkusclown ohne Zirkus – ein schwer einzuordnendes Multitalent des Undergrounds.

Bowerys Einfluss ist bis heute spürbar

In der Modewelt bleibt Bowery eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Ohne seine selbstgeschneiderten Kostüme wäre beispielsweise die „Lumps and Bumps“ Kollektion von Rei Kawakubo für Comme des Garçons 1997 kaum denkbar gewesen. Auch Designer wie Alexander McQueen und Gareth Pugh ließen sich von ihm inspirieren. Martin Margiela zitierte 2009 Bowery mit einer Kopf umhüllenden Rüschenkugel, während Rick Owens 2016 eine an Bowerys Geburtsperformance erinnernde Show inszenierte. Selbst die überdimensionierten Sneakers von Balenciaga könnten als spätes Echo auf Bowerys Schaffen verstanden werden.

Bowery, der 1981 aus einem Vorort von Melbourne nach London kam, um sich in der glitzernden Szene der Stadt zu etablieren, war eine wahre Ausnahmeerscheinung in der queeren Subkultur. Ein Foto von ihm neben Boy George zeigt, wie sehr er sich in seiner expressiven Art von anderen abhob. Während andere Künstler aus seiner Zeit eigene Modelabels gründeten, lag Bowerys Fokus darauf, mit seinen Kostümen und Performances zu schockieren, selbst wenn das bedeutete, auf ein Poster der Gruppe Kajagoogoo zu defäkieren.

Die Ausstellung in der Tate Modern vermisst leider die 1988 in New York entstandenen Porträts von dem deutschen Fotografen Werner Pawlok. Eine Gegenüberstellung mit den Bildern Greers wäre interessant gewesen. Ein Teil der Ausstellung befasst sich mit Bowerys Zusammenarbeit mit dem Tänzer und Choreographen Michael Clark, für den er provokante Kostüme entwarf, die bei einer Ballettaufführung 1984 einen Skandal auslösten. Trotz der anfänglichen Zurückhaltung der Kunstwelt machte eine Performance in der Anthony d’Offay Gallery 1988 Bowery zum Gesprächsthema. Der Maler Lucian Freud wurde auf ihn aufmerksam und malte ihn nackt – eine Idee, die von Bowery selbst stammte. Als Performer, der den Schock-Effekt suchte, war er mehr als nur seine Kostüme. Er wurde selbst zum Kunstobjekt.

Leigh Bowery, Tate Modern, London, bis 31. August.

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