Wolzogen und der Zar

Ein Preuße in russischen Diensten: Ludwig von Wolzogen, Eugen von Württemberg und der Partisanenkrieg gegen Napoleon

Ludwig von Wolzogen

Schon einmal gab es in Russland den „Großen Vaterländischen Krieg“; schon einmal verlor sich ein Usurpator in der Weite dieses großen Reichs. Aber war es diese Weite allein, wozu dann auch der Winter kam, die Napoleon besiegte?

Bis heute diskutieren Historiker, ob der Sieg über den bis dahin unbesiegbaren Feldherrn ein passives oder ein aktives Geschehen war. Aktiv bedeutet aus heutiger Sicht und durch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs den unaufhaltsamen Sieg der Sowjetarmee seit der Niederlage der deutschen Wehrmacht von Stalingrad.

Dabei spielten auch Partisanen eine Rolle, denen die Wehrmacht besonders brutal begegnete. Die Form des „Kleinen Krieges“, wie Clausewitz das nannte, entstand theoretisch und praktisch in der Zeit der sogenannten Befreiungskriege gegen Napoleon. Schon Gneisenau empfahl Friedrich Wilhelm III. die Strategie der „Verbrannten Erde“.

Der König fand das aber nur als „Poesie gut“; auch den Landsturm schätzte er nicht. Die Idee eines Partisanenkriegs gegen Napoleon lag trotzdem in der Luft.

Defensive ist besser als Offensive

Ein preußischer Offizier in russischen Diensten, der spätere General Ludwig von Wolzogen (1773 – 1845) und sein militärischer Zögling Eugen von Württemberg (1788 – 1857) waren es, die dem Zaren Alexander eine Strategie entwickelten, die darauf hinauslief, den Feind ins Land zu locken, d. h. möglichst Schlachten gegen ihn zu vermeiden. Dass dies im russischen Generalsstab, zumal bei Kutusow, wenig Anklang fand, ist verständlich, und das Schweigen über diesen Coup bis heute auch. Aber der Gedanke war genial, wobei er wohl im Dialog zwischen Wolzogen und Eugen von Württemberg entstanden ist.

Der Grundgedanke des Memorandums, das Wolzogen schon 1809 entwarf, aber erst 1812 dem Zaren vorlegte, ist denkbar einfach: Aus der Erfahrung, dass man Napoleon in offener Schlacht nicht würde schlagen können, formulierte es als Regel, dass „die Defensive der Offensive vorzuziehen ist“. Wolzogen drückte das in militärischer Sprache etwas umständlicher aus: „Ich betrachte die Operationslinien mehr als Rückzugslinien und verlange, um die gehörige Zeit zum Handeln zu gewinnen, daß solche so lang als möglich seien.“

Weiter aber in seinem Memorandum wird er deutlicher: „Gegen die Franzosen ist der Partisanenkrieg überhaupt sehr zu empfehlen, da es scheint, daß sie zu dieser Gattung des Krieges nicht viel Geschick haben. Das Requistionssystem erfordert überdies einen großen Raum, der für Parteien aller Art ein vortrefflicher Tummelplatz wird.“

Das Wort „Partisan“ leitet sich bekanntlich von dem italienischen Wort „Parteigänger“ her, und so empfehlen Wolzogen und Eugen von Württemberg gegen Napoleon den Partisanenkrieg. Bekanntlich waren die Vorbehalte bei Alexanders Offizieren groß. Aber letztendlich behielt Wolzogen mit der von ihm unterstrichenen Bedeutung eines „großen Raumes“ recht.

Später, als Hitlers Krieg gegen Russland noch nicht denkbar war, warnte Oswald Spengler dringend davor, Russland anzugreifen. Auch er behielt recht: Napoleon und Hitler gingen unter in den Weiten des russischen Reichs.

Dass dabei 1812 ein preußischer Offizier in russischen Diensten eine heute fast vergessene Rolle spielte, gehört zur Ironie, an der die Weltgeschichte so reich ist. Aber dass er, von dem Tolstoi so abschätzig in seinem Roman „Krieg und Frieden“ spricht, als wahlrussischer Patriot seine Pflicht tat, ist unbezweifelbar und gehört zur anderen Tradition Preußens, die nicht entzweit, sondern in der Erinnerung verbindet.

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