Kosaken

Ukrainische Kosaken: Freiheit über alles

Symbol des freien Menschen, Verfechter der Demokratie und Gegner autoritärer Führer

Ukrainische Kosaken: Denkmal für Bohdan Chmelnyzky in Kiew
Verbündeter Moskaus: Denkmal für Hetman Bohdan Chmelnyzky in Kiew

In seinem Werk „The Clash of Civilizations“ argumentiert Samuel Huntington, dass das Gebiet der heutigen Ukraine der Treffpunkt mehrerer Zivilisationen war. Nebenbei bemerkt hat Huntington bereits vor 25 Jahren Probleme mit der Osterweiterung der Nato in vielerlei Hinsicht vorausgesehen, insbesondere in der Frage der Mitgliedschaft der Ukraine.

Historisch gesehen standen die ukrainischen Eliten mehrmals vor der Wahl eines strategischen Verbündeten unter den Zentren der Zivilisation. Im 10. Jahrhundert entschied sich Fürst Wolodymyr der Große dafür, die Kiewer Einwohner nach byzantinischem Ritus zu taufen. Im 17. Jahrhundert verbündete sich Hetman Bohdan Chmelnyzky mit Moskau und lehnte Polen ab. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten die ukrainischen Eliten, sich durch Abkommen mit Deutschland von Russland zu lösen, scheiterten jedoch, und die Bolschewiki gliederten die Ukraine in die Sowjetunion ein.

Mit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 begannen die Diskussionen darüber, welchen geopolitischen Weg die Ukraine einschlagen sollte. Nach 2014 setzte sich die Ausrichtung auf Europa durch. Die russische Annexion der Krim und 14 000 Tote im Donbas (Angaben des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte) machen ein Bündnis mit Russland mittelfristig unmöglich.

Das Hetmanat: Goldenes Zeitalter der Ukraine

Im Sommer 2021 ermittelte das Ukrainische Zukunftsinstitut (UIM) in einer umfassenden Studie die Selbstidentifikation der Ukrainer. Dabei wurden 5000 Personen in allen Regionen befragt und zwölf Fokusgruppen angelegt. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie ist, dass die Mehrheit der Befragten den Kosakenstaat „Hetmanat“, der von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhundert existierte, als das goldene Zeitalter der Ukraine nannte.

Die Kosakensiedlungen, die im 15. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und Russlands entstanden, schützten die slawischen Gebiete vor Nomaden und muslimischen Staaten. Die Kosaken erhielten persönliche Freiheit von den Feudalherren und bekamen Grundstücke. Im Gegenzug waren sie stets bereit, an den Kämpfen auf dem Schlachtfeld teilzunehmen.

Die Männer, die in der größten Siedlung Saporischschja lebten, agierten als eine der ersten und größten privaten Militärkompanien in Europa. Mehrere tausend Kosaken halfen 1683 bei der Verteidigung Wiens gegen die osmanische Armee.

Für die modernen Ukrainer ist das Bild des Kosaken als Symbol für einen freien Menschen besonders verlockend. Laut der UIM-Studie halten die Befragten Bürgerrechte, Redefreiheit und politischen Wettbewerb für die wichtigsten politischen Werte.

Die Orangene Revolution von 2004 und die Revolution der Würde von 2013 fanden statt, als die Regierung diese grundlegenden demokratischen Werte bedrohte. Es ist bemerkenswert, dass während dieser samtenen Revolutionen Zeltlager im Zentrum von Kiew errichtet wurden, die mehrere Monate lang in Betrieb waren und Tausende von Demonstranten beherbergten, die dauerhaft dort lebten.

Die Organisationsstruktur dieser Lager ähnelte dem Logistik- und Verwaltungssystem der Kosakensiedlungen in Saporischschja. Die Demonstranten waren in hohem Maße selbstorganisiert, die Lagerbewohner hatten ein Alkohol- und Drogenverbot, und es wurden keine Gewalttaten oder Plünderungen verzeichnet.

Es ist erwähnenswert, dass sich unter den Demonstranten, die an der Revolution der Würde teilnahmen, viele russischsprachige Ukrainer, Anhänger der russischen Kultur und sogar Euroskeptiker befanden. Sie waren sich einig in ihrem Kampf für die Freiheit.

Für freie Wahl (und Abwahl) des Anführers

Ein weiteres wesentliches Merkmal des Kosakenstaats ist das Recht, einen Anführer (Hetman) zu wählen, ihn zu kontrollieren und sogar von seinem Posten zu entfernen. Politischer Wettbewerb und kompetitive Wahlen wurden von den ukrainischen Wählern in den letzten 30 Jahren am positivsten bewertet, und sie sind nicht bereit, dies zu verlieren.

Laut der UIM-Studie unterscheidet sich die ukrainische Bevölkerung von der russischen durch ihre Einstellung zur politischen Führung. Im Allgemeinen sehen die Befragten die Mentalität der Russen als der ihren am ähnlichsten an.

Als grundlegenden Unterschied nennen sie jedoch das Verhältnis zwischen den Bürgern und ihrer Regierung. In Russland hat sich ein autoritäres Regierungsmodell herausgebildet, und die demokratischen Institutionen funktionieren dort auf eher formale Weise.

Die Ukrainer hingegen betrachten die Behörden als vorübergehend eingestellte Manager, die für bestimmte Aufgaben da sind, und die Bürger sind stolz auf ihr Recht, sie offen zu kritisieren. Es ist die Frage der Einstellung zur Staatsmacht, die oft zum Gegenstand emotionaler Auseinandersetzungen zwischen Ukrainern und Russen wird.

Die Desakralisierung der Staatsmacht wirkt sich auch auf die zivilisatorische Wahl der modernen Ukrainer aus. Eurobürokraten in Brüssel entsprechen eher den ukrainischen Vorstellungen von einem idealen Führer als ein autoritärer Mann im Kreml.

Nachdem für die Ukraine die Visafreiheit eingeführt wurde, haben Millionen von Ukrainern in EU-Ländern gearbeitet oder ihren Urlaub dort verbracht. Nach ihrer Rückkehr forderten sie von den ukrainischen Behörden den Aufbau von Institutionen nach europäischem Vorbild im eigenen Land.

Im Jahr 1775 zerstörten russische Truppen die Saporischschja. Die Logik ihrer Erklärungen war das Ende des russisch-türkischen Kriegs. Für die Ukrainer hingegen standen die Freiheiten der Kosaken auf der einen Seite und der autoritäre Druck Russlands auf der anderen Seite.

Als der Krieg 2014 in den Donbas kam, meldeten sich viele aktive Bürger in der Ukraine als freiwillige Kämpfer und bildeten paramilitärische Einheiten, die sich an den Prinzipien der Kosakenarmee orientierten. Nach einer mehrmonatigen Umstrukturierung der Streitkräfte wurden diese Einheiten in die reguläre Armee eingegliedert.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass sich unter den freiwilligen Kämpfern sowohl ukrainischsprachige Bewohner der westlichen Regionen als auch russischsprachige Bewohner des Ostens befanden. Der Krieg hat nicht die Zivilisationen, sondern die Werte gespalten.

Die Ukraine hat keinen „tiefen Staat“, und Unterhändler aus anderen Ländern halten dies für ein Problem. Nur gewählte politische Führer allein können die Umsetzung von Vereinbarungen nicht garantieren, wie der Fall der Minsker Vereinbarungen gezeigt hat. Alle geopolitischen Entscheidungen müssen von der Gesellschaft getragen werden, einschließlich ihrer aktiven Minderheit – den Trägern der kosakischen Werte.

Dieser Beitrag ist ursprünglich im Rotary Magazin erschienen.