Russen im Exil

„Es ist traurig“

Der deutsche Politologe, Historiker und Publizist Alexander Rahr im Gespräch mit Elena Aizenberg über die Scham der ehemaligen Weißgardisten im Exil und die ausgebliebene Versöhnung zwischen Russland und den osteuropäischen Staaten

von Elena Aizenberg
Was wäre aus Russland geworden ohne Revolution? Ölgemälde "Der Bolschewik" von Boris Kustodiev (1920)

Elena Aizenberg: Der 7. November bringt Menschen, die in der Sowjetunion gelebt haben, viele Erinnerungen und löst bestimmte Assoziationen aus: freie Tage, die Parade auf dem Roten Platz, Fahnen, Plakate, Blumen, festliche Umzüge mit viel Lärm und Spaß, überall gab es Porträts der Partei- und Regierungschefs, in jedem Haushalt gab es ein Festessen. Manche denken noch heute wehmütig an den Tag der Oktoberrevolution, andere beschimpfen das Sowjetregime und die Kommunisten. Und es gibt Menschen, die sich an nichts erinnern; es ist lange her, dass dieser Tag der Feiertag war. Erinnern sich Familien der frühen russischen Emigranten in Deutschland an dieses Datum?

Alexander Rahr: Die alte Emigrantengemeinschaft umfasst Nachkommen derjenigen, die während des Bürgerkriegs auf der Seite der Weißen Bewegung gekämpft haben, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Westen geflüchtet waren und die als Zwangsarbeiter aus der UdSSR nach Deutschland deportiert wurden. Ihre Sicht auf diesen Tag und seine Geschichte ist im Allgemeinen äußerst negativ.

Ich bin mit russischen Migrationswurzeln in Westdeutschland aufgewachsen und habe schon früh die politischen Debatten über Emigration und Russland mitbekommen. Und als ich begann, Geschichte zu studieren, war ich ziemlich überrascht über die Aussagen der Vertreter der Weißgardisten und der alten Emigrantengemeinschaft. Sie sagten, die Oktoberrevolution sei die größte Katastrophe in der russischen Geschichte gewesen, der 7. November 1917 sei das Datum, an dem die russische Geschichte endete. Der Zeitraum zwischen der Oktoberrevolution und den 1990er-Jahren wurde als eine Art absolut verfälschte, künstliche und illegitime Periode der russischen Geschichte betrachtet.

Als Historiker kann ich dem nicht zustimmen. Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen die Fakten, die Realität anerkennen.

Heute gibt es kaum noch Vertreter der alten Emigrantenkreise. Es gibt ihre Enkelkinder, und viele von ihnen haben keinen Bezug zum heutigen Russland.

Nichtsdestotrotz eint die Oktoberrevolution und ihr Vermächtnis viele Russen bis heute, sowohl die im Land als auch die im Ausland lebenden. Einige Menschen haben eine kritische Einstellung zu ihr, für andere ist sie ein Teil der russischen Geschichte, genau wie das Mausoleum. Die Geschichte muss so anerkannt werden, wie sie war, mit all ihren guten und schlechten Facetten, und es ist unmöglich, sie aus dem russischen Identitätsbewusstsein zu löschen.

Haben Sie eine Vorstellung davon, was das heutige Russland wäre, wenn die Revolution nicht stattgefunden hätte? Wäre Russland ein moderner, hoch entwickelter Staat?

Wenn die Oktoberrevolution nicht stattgefunden hätte, sondern nur die Februarrevolution (und sie musste zwingend stattfinden, denn Monarchien waren überall in Europa am Ende, nur in Russland herrschte ein absolutistischer Zar), dann hätte es natürlich schmerzhafte Reformen gegeben. Russland hätte dann den Weg der anderen führenden europäischen Länder eingeschlagen. Das parlamentarische System und die Parteien hätten sich vermutlich ohne Gewalt und Bürgerkrieg etabliert.

Natürlich hätte das Land sich den Kataklysmen, denen Deutschland, Frankreich und fast ganz Europa ausgesetzt waren, nicht entziehen können, aber nach der Februarrevolution hätte Russland im Inneren Stärke gefunden. Und es hätte eine starke bürgerliche Schicht gegeben, die das gleiche wirtschaftliche und politische System aufgebaut hätte wie in anderen führenden europäischen Ländern.

Und was wäre mit der Arbeiterklasse geschehen, mit der bäuerlichen Bevölkerung? In der Sowjetzeit begannen sie eine so besondere Rolle im Land zu spielen, bekamen die Möglichkeit zur Bildung und waren nicht so unterprivilegiert wie in der Zarenzeit.

Aus historischer Sicht müssen wir zugeben, dass der Analphabetismus unter der Sowjetherrschaft wirklich beseitigt wurde. Millionen von Menschen, denen im zaristischen Russland Bildung und Aufstieg versperrt waren, hatten nun Optionen. Dies wird im heutigen Russland als eine große Errungenschaft des Sowjetregimes empfunden.

Die negative Seite der Sowjetherrschaft waren Terror gegen die eigene Bevölkerung, die schreckliche Gewalt, die Millionen von Opfern für die Idee einer kommunistischen lichten Zukunft, die Kollektivierung in der Ukraine und allen Regionen Russlands und in anderen Republiken, die Vernichtung der Intelligenzia, die Säuberungen Stalins, die nur Stalin zugutekamen und den Staat schwächten.

Aber seien wir fair: Heute wird die Französische Revolution von 1789 trotz der Grausamkeit und Gewalt jener Zeit allgemein als fortschrittlich anerkannt. Sie hat das Menschenbild und das politische System der ganzen Welt verändert. Wäre die Französische Revolution nicht gewesen, gäbe es keine amerikanische Verfassung, keine amerikanische Demokratie, keine europäische Demokratie.

Im 21. Jahrhundert glaubt man, dass die Französische Revolution der Menschheit mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat. Niemand wird das über die Oktoberrevolution sagen. Der 7. November wird auch in Russland nicht groß gefeiert.

Auch die jüdische Bevölkerung war im Zarismus vieler Möglichkeiten beraubt, sie lebte in besonderen geschlossenen Ansiedlungsgebieten, auf die ihr Leben und ihre Arbeitserlaubnis beschränkt war. Die Oktoberrevolution ermöglichte ihnen, diese Ansiedlungsrajons zu verlassen. Das Sowjetregime ermöglichte auch ihr eine große Entwicklung und Teilnahme in allen Lebensbereichen. Was wäre ohne Sowjetunion aus ihnen geworden?

Nicht nur Juden, auch andere Minderheiten wurden im Zarenreich unterdrückt, auch solche aus den islamischen Gebieten. Die sozialistische Revolution ermöglichte ihnen allen ein vollkommeneres Leben und Karrieren zu machen, die vorher undenkbar waren. Es gab auch viele Verlierer, die alte Herrschaftsschicht der Zarenzeit.

Eine Revolution westlicher Art, eine bürgerliche Revolution, wie sie damals verächtlich genannt wurde, hätte zu großem Wohlstand geführt und Russland nicht in eine solche Katastrophe wie den Stalinismus gestürzt. Es gäbe keinen Stalinismus, es gäbe keinen GULAG, es gäbe keine radikalen Säuberungen und keinen Terror. Aber Geschichte darf man nicht im Konjunktiv betrachten.

Was heute oft geschieht ist, dass Russland von vielen „Experten“ im Westen für alle Sünden des 20. Jahrhunderts verantwortlich gemacht wird. Das ist unfair, unehrlich und unkorrekt.

Wäre die Sowjetunion nicht entstanden, hätte Hitler dann Russland angegriffen?

Das ist eine sehr interessante Frage, über die man auch heute noch streiten kann. Sofort drängen sich die nächsten Fragen auf: Hätte Russland internationalen Beistand gehabt? Hätte es diesem Angriff des sehr mächtigen Deutschlands standgehalten, das in wenigen Monaten ganz Europa erobert hat?

Russische Politiker und Historiker erinnern daran, dass die Sowjetunion das einzige Land in Europa war, dem es gelang, das eigene Terrain zu verteidigen, dann den Faschismus zurückzudrängen und ihn in Berlin zu besiegen.

Hätte das ein anderes Russland geschafft? Ich weiß es nicht, und wir werden nie die Antwort bekommen. Es ist auch nicht klar, ob Hitler den Krieg mit Russland begonnen hat, weil er die slawische Rasse und das slawische Untermenschen ausrotten wollte, oder weil er den Bolschewismus vernichten und zum Herrscher Europas werden wollte.

Wahrscheinlich beides. Die Propagandakampagne gegen den Bolschewismus diente dazu, andere Nationen gegen das kommunistische Russland zu vereinnahmen. Er verfolgte außerdem das Ziel, „Lebensraum“ zu schaffen – einen Lebensraum für die Deutschen.

In einem Russland nach der Februarrevolution hätte sich in den 1930er- und 1940er-Jahren vermutlich eine Art bürgerliche Demokratie gebildet. Dann wäre ein stärkeres Bündnis zwischen diesem Russland, Frankreich und England entstanden. Russland wäre nicht so isoliert gewesen, wie es unter dem Bolschewismus tatsächlich der Fall war. Und vielleicht hätte Hitler unter diesen Umständen keinen Angriff gewagt.

In der Zeit der Sowjetunion haben Sie für Radio Free Europe/Radio Liberty gearbeitet. Was dachten die Menschen damals über die Sowjetunion?

Die meisten dieser Menschen wussten nicht, was hinter dem Eisernen Vorhang vor sich ging. Und doch hatten 99 Prozent eine absolut negative Meinung über das Leben im Ostblock. Umgekehrt hatten die Menschen östlich des Eisernen Vorhangs die gleichen negativen Ansichten über den Westen und insbesondere über die Amerikaner.

Ich bedaure sehr, dass es uns nach 1991 nicht gelungen ist, alle diese Positionen einzuebnen und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Westdeutschland hatte es nach dem Krieg geschafft, sich mit allen seinen Nachbarstaaten zu versöhnen und eine Europäische Union zu bilden. In Osteuropa sind heute die Völker mit Russland nicht ausgesöhnt, im Gegenteil.  Es ist traurig.

Ich erinnere mich an die alte russische Diaspora. Sie organisierte im Exil Pfadfinderlager, in denen sie den Bolschewismus verfluchte. In der Kirche verfluchten sie die bolschewistischen Führer. Ich begann, an der Richtigkeit dieser Mentalität zu zweifeln.

Später studierte ich Geschichte, um mich wissenschaftlich mit der historischen Materie zu befassen. Ich verstand, dass es in der Sowjetunion unter Breschnew nicht mehr um Stalinismus ging, dass es einen Versuch gab, das System zu reformieren, einen Versuch, über Entspannung und Abrüstung Frieden in Europa zu schaffen.

Mein Großvater, der im Alter von 94 Jahren kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion starb, war während des gesamten Kalten Kriegs einer der Führer der Weißen Bewegung in Europa. In einem Interview gestand er mir, dass die Weißgardisten, obwohl sie Monarchisten waren, nach ihrer Flucht aus dem kommunistischen Russland verstanden hatten, dass das zaristische Russland keine Zukunft mehr haben würde.

Es gab viele Anhänger der Wlassow-Armee im Westen. Aber sie schwiegen lieber – einige aus Scham, einige aus völliger Enttäuschung, andere aus Angst.

Warum schwiegen sie?

Sie waren der Illusion unterlegen, zu glauben, dass es möglich sei, mit Hitler zusammenzuarbeiten und Russland im Zweiten Weltkrieg zu befreien. Aus heutiger Sicht scheint dies Irrsinn zu sein. Aber auch das ist ein Teil der Geschichte, und dafür sollte man es nicht verunglimpfen.

Viele emigrierte Russen wollten einfach, dass Russland vom Bolschewismus befreit wird. Sie haben das kommunistische System verteufelt, obwohl sie das Hitler-System viel schärfer hätten verteufeln müssen.

Die Menschen im Westen hatten eine falsche Vorstellung von Chruschtschow, der eine sehr mutige Entstalinisierung des Systems anging. Die Vertreter der russischen Diaspora hielten das damals für Kosmetik. Sie haben die Bedeutung solcher Momente nicht registriert.

Die Oktoberrevolution war rückblickend ein großes Menschheitsexperiment, genau wie die Französische Revolution oder vielleicht wie die Reformation Luthers, die den gesamten nördlichen Teil Europas verändert hatte. Richtig?

Für mich war der negativste Aspekt die Zerstörung des Christentums, der Orthodoxie, die Ermordung von Priestern, das Sprengen der Gotteshäuser, der Untergang der Kirche selbst und die Verfolgung des Glaubens in der Gesellschaft. Ich denke, das war einer der Hauptgründe, warum die russische Emigration, die aus alten Adeligen und der alten Elite bestand, die Oktoberrevolution geißelte. Die Millionen von Flüchtlingen aus Russland waren in ihrer Mehrzahl religiös, besuchten jeden Sonntag die orthodoxen Kirchen in Berlin, Paris, München oder Brüssel und bewahrten das alte christliche Russland für sich selbst auf.

Sie waren ein Sowjetologe. Woher haben Sie unvoreingenommene Informationen erhalten? Hatten Sie Ihre eigenen Agenten, Ihre eigenen Journalisten? Woher hatten Sie die unvoreingenommenen Fakten über das Leben in der Sowjetunion und nicht die linguistischen Informationen, die im Radio und in den sowjetischen Zeitungen zu hören waren?

Die meisten Menschen wussten nichts vom kulturellen Leben des kommunistischen Russlands, woran das sowjetische Volk wirklich interessiert war. Und nur gelegentlich konnte eine Gruppe von Ausländern, Studenten oder Teilnehmern einiger Austauschprogramme das erkunden, jedoch unter der Aufsicht des KGB.

Natürlich gab es im Westen keine Touristen aus der Sowjetunion. Es gab den Eisernen Vorhang, und der war fast undurchdringlich. Die Bevölkerungen in Ost und West wussten nichts voneinander. Es gab keine Kommunikationskanäle, westliche Radiosendungen in die Sowjetunion wurden gestört, es gab keine sozialen Netzwerke.

Als ich anfing, für Radio Free Europe/Radio Liberty zu arbeiten, bekam ich einen besseren Zugang zu Informationen. Es gab Radioabschriften und Berichte von Überläufern, die ich lesen konnte; es gab einige regionale sowjetische Zeitungen, die für normale Zeitgenossen nicht zugänglich waren. Ich studierte parallel Osteuropäische Geschichte an der Münchner Universität und schrieb meine Seminararbeiten anhand der Materialen des Archivs von Radio Free Europa. Und das mitten in der Perestroika-Zeit. In Jahre 2021 begehen wir den dreißigsten Jahrestag des Endes der Sowjetunion. Bevor dies passierte, konnten wir nicht nach Osten fahren. Aber dennoch wäre es wichtig gewesen, dorthin früher zu gehen, um die Realität zu verstehen. Aber diese Möglichkeiten gab es einfach nicht.

Im heutigen Russland besteht kein Interesse an der Geschichte der russischen Emigration, die im 20. Jahrhundert außerhalb ihres Heimatlands lebte. Bei allem Falschem und Naivem hatte sie dennoch ihre Funktion. So veröffentlichte die Literatur, die im Osten streng verboten war. Von Solschenizyn bis zu verschiedenen Dissidenten wie Sacharow – im Westen wurden ihre Schriften gedruckt und in die Sowjetunion geschmuggelt.

Es gab aber auch in Russland eine Untergrundpresse und selbstveröffentlichte Bücher, die dem Westen erklärten, was in der Sowjetunion tatsächlich geschah, und die der sowjetischen Bevölkerung durch Rückmeldungen Informationen darüber gaben, was in ihrem Land geschah. Die russische Emigration hatte in diesem Bereich ihre eigene Mission.

 

Dieses Interview ist ursprünglich in „Russkoe pole“ erschienen, dem Internetportal des Koordinationsrats der Russischen Landsleute in Deutschland, Erfurt.