Warum lassen die Russen sich nicht impfen?

Kirill Martynow: „In der Covid-Schlange“, Nowaja Gaseta, 15.05.2021

Nowaja Gaseta

Russland hat es geschafft, den ersten Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln, und startete innerhalb des Landes eine der ersten Impfstoffkampagnen. Bis jetzt aber ließen sich lediglich 6,5 Prozent der Russen impfen. In seinem Beitrag überlegt Kirill Martynow, Redakteur des politischen Ressorts von Moskauer Zeitung Nowaja Gazeta, warum die Russen sich nicht impfen lassen wollen.

Vor allem die Vertreter der progressiven russischen Gesellschaft wenden sich ab. Um in Russland als Teil der modernen Gesellschaft zu gelten, solle man Gerüchte über angeblich schädliche Folgen des Impfens verbreiten, so der Redakteur weiter.

Laut Martynow ist die russische „Impfphobie“ eine Folge der jahrelangen Degradierung der öffentlichen Institute und eine Folge der jahrelangen sowjetischen Macht. In einer geschlossenen, korrumpierten Gesellschaft erwartet die Bevölkerung vom Staat nichts Gutes, dabei ist der Impfstoff Sputnik V keine Ausnahme. Dazu trägt auch die Werbung für den Impfstoffs bei.

Die Studien, so Martynow weiter, zeigen: Nur die Länder, in denen die Bürger ihren Regierungen und sozialen Einrichtungen vertrauen, schaffen es, die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen. Als Beispiel nennt er die USA, wo die Republikaner und die Wähler von Donald Trump sich viel seltener impfen lassen als die anderen.

Der Autor fasst zusammen: Es könnte sein, dass die Pandemie nur in den Ländern erfolgreich bekämpft werden kann, wo sich ein gut funktionierendes demokratisches System etabliert hat. Den Beitrag schließt er mit den Worten des russischen Konzeptkünstlers Ilja Kabakow, dessen große Retrospektive „In die Zukunft werden nicht alle mitgenommen“ hieß. Es könnte sein, so Martynow, dass in die Post-Covid-Zukunft nur die aufgenommen werden, die eine „normale Demokratie“ aufgebaut haben.  TF