Unbekannte Ukraine

Susann Worschech: Ukrainian Studies? – Fehlanzeige: Die Ukraine im Spiegel der Wissenschaft in Deutschland, Ukraine-Analysen 250, 28.4.2021

Ukraine-Analysen

Einen "Mangel an Wissen zur Ukraine und Einordnung der Geschehnisse rund um den Euromaidan, die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass" beklagt Susann Worschech, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Masterstudiengang European Studies an der Europa-Universität Viadrina, in der Jubiläumsnummer 250 der Ukraine-Analysen. Dabei sei der Bedarf an wissenschaftlicher Expertise bezüglich der Ukraine seit dem Euromaidan gestiegen.

Worschech ruft nach intensiverer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Ukraine, akademischem Austausch und mehr Wissenstransfer in die gesellschaftliche Debatte. Von den relevanten Fachgesellschaften habe nur die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) genügend Größe und Reichweite, "dass Debatten über das akademische Feld hinaus und Transfer in Gesellschaft und Politik möglich sind". Allerdings sei die Ukraine dort "nur ein – wenn auch wichtiges – regionales Themenfeld unter vielen".

In der Lehre fehlten Professuren mit "Ukraine-Denomination". Die Sprache im Rahmen allgemeinerer Osteuropa-Studiengänge zu erlernen sei "an vielen Hochschulstandorten nicht möglich".

Worschech: "Auch sechs Jahre nach dem Beschluss der Bundesregierung, mit dem ZOiS ein eigenständiges Institut für sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung zu Osteuropa zu schaffen, und der Erkenntnis, dass eine gegenwartsbezogene Osteuropaforschung und -lehre eklatante Lücken aufweist, ist die Etablierung einer systematischen Ukraine-Forschung in Deutschland noch immer nicht erkennbar." Immerhin werde seit Gründung des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien erreicht, dass mehr und disziplinär vielfältiger geforscht werde und sich durch Kolloquien und andere Veranstaltungen Netzwerke bilden könnten. Das sei aber "allenfalls ein Anfang", zudem auf den Berlin-Brandenburger Raum fokussiert und begrenzt.

Die Hochschulen in Deutschland könnten Expertinnen und Experten, die zukünftig in Ministerien, Unternehmen, Zivilgesellschaft und in der Forschung dringend gebraucht werden, "auf dieser Basis nicht ausbilden. Über verbreitetes Unverständnis, Desinteresse und Fehlwahrnehmungen einer ganzen Gesellschaft in Bezug auf eines der größten europäischen Nachbarländer der EU braucht man sich daher weiterhin nicht zu wundern – und die nächste Krise kommt bestimmt." PHK