Ukraine: ‚Wir müssen nicht den USA überall folgen‘

Politologe Hacke mit Blick auf Ukraine: ‚Auch der Westen betreibt Einflusssphärenpolitik‘, welt.de, 18.1.2022

von KARENINA
Christian Hack tabulos über Ukraine

Christian Hacke bescheinigt Außenministerin Annalena Baerbock im Interview mit welt.de eine „gute Feuertaufe“ bei ihrem russischen Kollegen. Aber die westliche Politik gegenüber Russland in den altgewohnten Bahnen zu bewegen, „das reicht den Russen nicht“, so der Politikwissenschaftler. Es gehöre „eine stärkere Berücksichtigung der russischen Interessen“ dazu.

Man müsse jetzt fragen: „Was muss mehr passieren, damit eine Situation in Europa entsteht, die mehr Sicherheit bringt, und das geht nur mit Russland und nicht gegen Russland.“ Hacke wünscht sich „mehr Bescheidenheit des Westens, weniger Moralin.“

Bezüglich der Ukraine folgt dann deutliche Kritik am Westen: Amerika suche gerade mehr die Konfrontation mit Russland. Offen zu halten, dass die Ukraine in die Nato aufgenommen wird, hält er „für einen großen Fehler“. Europas einzige Chance mit Blick auf die Ukraine liege darin, „dass die Ukraine eine Brücke wird zwischen Ost und West“.

Er sei Transatlantiker, so Hacke, aber „wir müssen nicht den USA überall folgen“. Die ganze Ostpolitik von Adenauer bis Willy Brandt, die Entspannungspolitik, habe die USA nicht mitgetragen.

Heute, so Hacke in bisher ungehörter Klarheit, urteilt er: „Wir sind zu selbstgerecht. Auch der Westen betreibt eine Einflusssphärenpolitik. Und mit Blick auf Ukraine halte ich das für fatal. Die Ukraine ist keine Demokratie. Auch nicht auf dem Wege danach.“ Sei so „korrupt, dass wir uns einen Mühlstein anhängen würden, wenn die Europäische Union dieses Land reinzieht.“

Hacke plädiert dafür, aus den ausgetreten Formaten auszutreten und für einen „kühnen neuen Anfang, wo Deutschland als Entspannungsvormacht der vergangenen Jahrzehnte einen neuen Schritt wagen könnte und müsste“.  PHK