Russland: ‚Moralisieren nutzt nichts‘

Gabriele Krone-Schmalz rügt Medien: ‚Illusionen über den inneren Zustand in Russland‘

Reden über Russland: Gabriele Krone-Schmalz und Marc Friedrich

Gabriele Krone-Schmalz teilt gegen die deutschen Medien aus. Dort gelte sie als „Russlandversteherin“, sogar als „Putinversteherin“. Sie habe nie kapiert, „wie ein Begriff wie verstehen dazu taugen soll, negativ besetzt zu sein. Verstehen ist die Basis, um etwas zu begreifen und auf dieser Grundlage möglichst intelligent zu handeln.“ Wer verstehe, was sich außerhalb des eigenen Lands abspielt, habe die „Chance zu begreifen, warum andere so handeln wie sie handeln. „Das muss ich ja nicht moralisch bewerten.“

In einem Youtube-Interview fragte der Buchautor Marc Friedrich sie, ob Journalismus nur noch Meinungsmache sei? Ihre Antwort: „Journalismus war noch nie objektiv.“ Allerdings gebe faire und verantwortungsbewusste Berichterstattung, den Versuch, „sich der Wahrheit anzunähern“. Es gebe ohnehin nicht die eine Wahrheit. „Moralisierende Debatten helfen nicht weiter.“

Journalismus müsse Interessen auf den Grund gehen. „Wer hat woran Interesse? Warum kommt das jetzt gerade?“ Krone-Schmalz plädiert für gelegentlichen Perspektivwechsel, statt immer alles durch die eigene Brille zu sehen. „Dann kann das nichts werden“.

Eskalationspolitik gegen Russland

Von Minute 23 an ist Russland das Thema: Krone-Schmalz bedauert, dass nach dem Treffen Wladimir Putins mit Joe Biden in Genf der Vorschlag von Angela Merkel und Emmanuel Macron für ein ähnliches europäisch-russisches Treffen mit Putin auf Ablehnung gestoßen ist. „Dass einige Mitglieder der EU das verhindert haben, finde ich desaströs.“ Es habe sich wieder gezeigt, dass all die neu hinzugekommenen Mitglieder der EU „noch offene Rechnungen mit Moskau haben“. Das sei verständlich, aber nun bestimmten sie die EU-Russland-Politik. Immerzu Vorbedingungen zu stellen, bevor man sich trifft, „besser kann man eine Eskalationspolitik nicht betreiben“.

Dass Russland beim EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine nicht eingebunden worden sei, „war eine politische Dummheit“. Sie rügt, dass in den Medien nicht gesagt werde, dass die Umsetzung des Abkommens Minsk II auch in Kiew stockt; oder dass keinesfalls die Mehrheit der Ukrainer sich für den Beitritt zur Nato aussprach.

Sie beklagt den journalistischen Mainstream und den Eindruck, dass dort als Zivilgesellschaft in Russland nur gelte, „wenn sie sich gegen den Staat richten“. Es sei so, dass es „im Westen eine ganze Reihe von Illusionen gibt über den inneren Zustand in Russland“.

Es sei klarzustellen, dass Entspannungspolitik „in unserem Interesse ist und nicht nur etwas, was wir zum Gefallen von Herrn Putin tun“. Die große Mehrheit der Deutschen sei „dafür, vernünftige und gute Beziehungen mit Russland zu haben. In der Presse liest sich das anders in der Regel und in politischen Statements eben auch.“ Was sie für „wirklich fatal“ hält: „immer zu moralisieren“. Das schade denen, die sich für Demokratie einsetzen.  PHK