Deutschland und Russland

„Zeit für einen neuen Gründungsimpuls“

Fünf Fragen an Annegret Wulff

Koordinatorin der Arbeitsgruppe Zukunftswerkstatt des Petersburger Dialogs

 

Wo stehen wir im deutsch-russischen Verhältnis?

Es besteht weitgehend Einigkeit: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind zerrüttet wie seit langer Zeit nicht mehr, vielleicht sogar so schlecht wie nie zuvor. Die Vergiftung von Nawalny, die Diskussionen um Nord Stream 2 und immer noch die Annexion der Krim zeigen auch, dass sich Werte und Zukunftsvorstellungen scharf auseinander bewegen. Ernüchtert stehen wir da und fragen uns: „Was will und was kann man noch miteinander?“

Und gleichzeitig gibt es Zusammenarbeit und ein Verständnis mit langjährigen Partnern in Russland, die sich einsetzen für Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit. Diese Zusammenarbeit weiter zu führen und zu stärken ist ein Gebot der Stunde.

 

Nach 30 Jahren Vernunftehe scheint die deutsch-russische Liaison zerrüttet. Lohnt sich eine Mediation?

Das deutsch-russische Verhältnis ist ein gewachsenes Beziehungsgeflecht zwischen den Ländern und Menschen – neben den Wirtschaftsbeziehungen, die das Verhältnis ebenso prägen. Aber es waren eben auch Leidenschaft, Interesse und Begeisterung füreinander im Spiel. Das Bild der Vernunftehe passt deshalb nur bedingt.

Wir sollten uns der Frage zuwenden: „Wie können Austausch und Dialog in dieser schwierigen Phase gelingen?” Das ist für mich zentral. Unsere Unterschiede im gemeinsamen Diskurs benennen, ohne sie zu manifestieren, also nicht in einen ritualisierten Monolog zu kommen, das ist ein Weg in den Dialog und in neue Facetten des Zuhörens.

 

Was trennt, was eint Russen und Deutsche heute?

Der Petersburger Dialog hat die ungeheure Chance, Menschen mit verschiedenen Werten, Haltungen und Prioritäten miteinander in Kontakt zu bringen, und so langfristig zu funktionierenden Beziehungen und Kooperationen beizutragen. Das Potenzial des Petersburger Dialogs liegt darin, Deutsche mit Russen, Russen mit Russen, Deutsche mit Deutschen in Kontakt zu bringen – vor allem auch mit Akteuren außerhalb der eigenen Blase, die sonst nicht in einen Austausch treten. Und es ist eine zentrale Frage: Wie kann der Peterburger Dialog diesem Anspruch gerecht werden und dieses Potential heben? Die Antwort haben wir gemeinsam noch nicht gefunden.

 

Was wird das wichtigste Thema Ihrer Arbeitsgruppe im kommenden Jahr?

In der Zukunftswerkstatt entwickeln wir die Themen gemeinsam und sind dabei in Bereichen und Feldern unterwegs, die für uns verbindend und zukunftsweisend sind und das Potential haben, Lösungen für die gemeinsamen Herausforderungen aufzuzeigen. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit Sozialen Innovationen, Sozialem Unternehmertum, Urbanistik sowie Konflikt und Dialog beschäftigt. In diesem Jahr haben wir begonnen, über die Zukunft zu sprechen.

Lange wirkte sie nicht mehr so unsicher – und gleichzeitig ermöglicht diese Erschütterung unseres Zukunftsglaubens auch eine neue Auseinandersetzung mit der Frage: „Wie stellen wir uns die Zukunft vor und was können wir dazu beitragen?“ Wir werden dieses Thema im kommenden Jahr weiterverfolgen.

Und dabei sollte es auch um die Zukunft des Petersburger Dialogs gehen. Wenn wir uns fragen, was der Petersburger Dialog braucht, um zukunftsfähig zu bleiben, glaube ich, dass es an der Zeit für einen neuen Gründungsimpuls ist.

Der Petersburger Dialog wurde in einer anderen Ära gegründet. Es ist unsere Aufgabe, ihn in unsere Gegenwart zu heben und sich vom gemeinsamen Monolog zu verabschieden.

 

Wagen Sie eine Prognose: Wie sieht das deutsch-russische Mit- oder Gegeneinander in zehn Jahren aus?

Die Welt an sich wird eine andere sein, auch durch die Krisen, die wir durchleben. Corona zeigt das bereits: Die Krise funktioniert als Brennspiegel und beleuchtet das, was im Großen und Kleinen nicht funktioniert. Wir werden in zehn Jahren verstanden haben, dass wir den großen globalen Herausforderungen nur gemeinsam begegnen können.