Nord Stream 2 zuende bauen

Franziska Augstein: Das böse Gas. Spiegel Online, 8.2.2021

von PHK
Spiegel Online

Die Erdgaspipeline Nord Stream 2 wird weitergebaut – trotz des Falls Nawalny, der wohl eher ein Fall Putin ist. Nicht nur deshalb gibt noch immer einen hitzigen Streit darüber, ob es richtig ist, die Röhre zu vollenden. Auch die USA machen Druck und drohen mit weiteren Sanktionen. Franziska Augstein, Kolumnistin des Magazins Der Spiegel, hält das für einen Irrtum. Nawalnys Verurteilung hält auch sie für "empörend", das Ansinnen, Putin dafür zu bestrafen, sei "verständlich". Aber es sei "aus diplomatisch-geopolitischer Sicht heikel". Das gewählte Mittel sei "alles andere als einleuchtend". Würde der Bau nun gestoppt, "würde Deutschland sicherlich Russland schaden, zuallererst aber sich selbst".

Moralische und wirtschaftliche Gründe seien bei der Debatte "in einem Knäuel verschlungen". Augstein empfiehlt,  lieber die Interessen der Staaten zu betrachten.

Deutschland könnte ohne Nord Stream 2 auskommen: Gas komme dann aus anderen Quellen und würde lediglich teurer. Etwa das "kostspielige Frackinggas, das die USA mit Druck fördern" und das ganze Landstriche zerstöre.

USA: Will ihr Frackinggas verkaufen. Und Teilerfolge hat die USA bereits errungen. Versprochen ist ein Hafenbau in Brunsbüttel, der Schiffe mit dem verflüssigten Gas (liquefied natural gas, LNG) aus den USA aufnehmen könnte. "Der Bau ist an sich überflüssig", moniert Augstein. Es gebe in Europa bereits 36 dafür geeignete Terminals, sie seien nicht ausgelastet.

Polen: Es sei längst Usus, russisches Gas über Deutschland gen Osten zu pumpen. Für Polen sei das billiger, "weil Deutschland gute Kundschaft ist und entsprechend Rabatt hat. Aber die polnische Regierung will ihr Land unabhängig machen von russischem Gas. Lieber kauft man Gas aus Norwegen (eine neue Pipeline ist im Bau) und das teurere amerikanische gefrackte Gas, das per Schiff geliefert wird."

Ukraine: Das Land habe sich wirtschaftlich bis heute nicht berappelt, weil "eigensüchtige Oligarchen das Sagen gehabt haben". Aus Pipelinenetz sei nicht ordentlich gewartet worden, Verdichterstationen undicht, "sodass Methan-Gas in die Umwelt austreten könnte". Möglicherweise verlorene Transitgebühren könne die EU ausgleichen.

Frankreich: Betreibt Atomkraftwerke und importiert Frackinggas.

Russland: Das Interesse ist offensichtlich. Man könne Putin "einen Verbrecher schimpfen", räumt Augstein ein, "er steht in einer Linie mit seinen sowjetischen Vorgängern", Aber: "Verträge mit Deutschland werden eingehalten."

Europäische Union: Der EU schreibt Augstein, wenn sie nicht wünsche, dass Russland sich China vollends zuwendet "und dass die Menschenrechte dort Beachtung finden, muss Nord Stream 2 fertig gebaut werden".

Abschließend zitiert die Autorin den US-amerikanischen Politanalytiker Nikos Tsafos, wonach "Sanktionen (gegen Russland) bloß den Mangel einer Strategie verhehlen, wie die USA mit Russland umgehen sollen".