Krieg in der Ukraine

Schämen Sie sich nicht?

Dokumentation: Ein offener Brief von Intellektuellen aus der Ukraine an ‚liebe Deutsche‘

Russland: Partei der Volksfreiheit gegen den Krieg

Ukrainische Intellektuelle haben Deutschland aufgefordert, sich dem Energieembargo gegen Russland anzuschließen. Den Brief hat die Zeitung Welt am 9. März 2022 erstveröffentlicht. KARENINA dokumentiert:

Die deutsche Bundesregierung hat am Montag öffentlich die Fortsetzung der Öl- und Gaseinkäufe in Russland besttätigt. Damit erklärte sich Deutschland bereit, Putins ungerechten, blutigen Krieg gegen das ukrainische Volk weiter zu finanzieren.

Deutschland macht sich damit zum zweiten Mal schuldig. Zum ersten Mal war das während des Zweiten Weltkriegs, als Wehrmacht und SS die slawische und jüdische Bevölkerung vernichtet und Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt haben.

Wir wollen die Deutschen und die Bundesregierung an ihre historische Verantwortung gegenüber der Ukraine erinnern. Historische Tatsache ist, dass alle Kräfte des Nationalsozialismus zunächst eingesetzt wurden, um die Ukraine zu erobern, mit Ausnahme von etwa zehn Prozent des anderen Territoriums der Sowjetunion. Dieses Land hatte die höchste Zahl ziviler Opfer. Jetzt bombardieren Putins Truppen systematisch die Wohngebiete von Charkiw mit einer Million Einwohnern und andere provisorisch besetzte Groß- und Kleinstädte.

Putin tötet Zivilisten, um zu beweisen, was unmöglich zu beweisen ist, nämlich die Nichtexistenz der ukrainischen Nation. Aber mehrere Tage des heldenhaften Widerstands gegen den blutigen Diktator haben der Welt klar gemacht, dass die ukrainische politische Nation mehr denn je um einen frei gewählten Präsidenten und eine frei gewählte Regierung geeinigt ist und sich niemals den Forderungen eines verrückten Führers des eingeschüchterten Russland beugen wird.

Deutsche Bürgerinnen und Bürger! Öffnen Sie ihre Augen und werden Sie Ihrer historischen Verantwortung gerecht. Obwohl keiner von Ihnen persönlich die Militärmaschine, die der von Hitler und Stalin ähnlich ist, unterstützt oder finanziert, tun Sie dies jedoch alle gemeinsam durch Ihre Regierung. Sie finanzieren die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Ukraine, einem Land, das heute auch die Demokratie und Sicherheit Deutschlands mit dem Leben ihrer Söhne und Töchter verteidigt.

Wir fordern, dass sich die Bundesregierung dem Energieembargo gegen das Putin-Regime anschließt. Die Deviseneinnahmen aus Energieexporten unterstützen die russische Aggression gegen die Ukraine und Europa. Es gibt Alternativen zur russischen Energie.

Das Nachbarland Polen wird schon im nächsten Jahr keine Energie mehr aus Russland importieren. Verschieben Sie Stilllegungen von Kohle- oder Kernkraftwerken. Helfen Sie Putins Handlangern nicht länger, Geld bei deutschen Banken zu verstecken.

Liebe Deutsche, schämen Sie sich nicht? Wenn Sie nicht aufhören, den Angreifer zu finanzieren, haben Sie nicht mehr das Recht zu sagen: „Nie wieder!“ Handeln Sie jetzt, um ehrlich vor Ihnen selbst zu bleiben!

Unterschrieben haben:

Yevhen Bystrytsky, Philosoph; Mykhailo Gonchar, Präsident des Zentrums für globale Forschungen „Strategie XXI“; Valerii Pekar, Dozent in Kyiw-Mohyla und Lviv Wirtschaftsschulen; Taras Wozniak, Generaldirektor der Nationalen Kunstgalerie in Lviv; Petro Burkovskyi, Senior Fellow Ilko Kucheriv Stiftung für demokratische Initiativen; Tetiana Pechonchyk, Leiterin des Menschenrechtszentrums ZMINA; Anatolij Karas, Professor für Philosophie, Vorsitzender der Fakultät für Philosophie an der Franko Nationale Universität in Lviv; Oleksandra Matviichuk, Leiterin des Zentrums für bürgerliche Freiheiten (Ukraine); Konstantin Sigov, Direktor des Europäischen Geisteswissenschaftlichen Forschungszentrums und der Forschungs- und Verlagsvereinigung „Dukh i Litera“ (Geist und Buchstabe), Nationale Universität „Kyiw-Mohyla-Akademie“; Olexiy Haran, Professor für Politikwissenschaften, Nationale Universität „Kyiw-Mohyla-Akademie“; Julia Kyrychenko, Ko-Vorsitzende der Koalition Reanimationspaket für Reformen; Maksym Yakovlyev, Leiter des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen, Direktor der Schule für Politikforschung, Nationale Universität „Kyiw-Mohyla-Akademie“; Alyona Getmanchuk, Leitering des Zentrums „Neues Europa”; Yulia Tyshchenko, Ukrainisches Zentrum für Unabhängige Politikforschung; Vadym Miskyi, Aufsichtsratsmitglied der ukrainischen öffentlichen Rundfunkgesellschaft, Programmdirektor des analytischen Zentrums „Detector Media“; Andrej Kurkow, Präsident von PEN Ukraine; Serhiy Kvit, Leiter der Nationalen Agentur für Qualitätssicherung der Hochschulbildung, Professor an der Nationalen Universität „Kyiw-Mohyla-Akademie“; Jurko Prochasko, Übersetzer und Autor; Juri Andruchowytsch, Schriftsteller; Juri Durkot, Übersetzer und Dolmetscher; Katja Petrowskaja, Autorin.