Putins Zukunft

Putin und der russische Patient

Die polnische Perspektive auf Putin: Seine Drohungen überzeugen nicht einmal seine Landsleute

Putin in der Notfallambulanz
Trainieren für den Notall: Putin im Übungsraum einer Rettungsstation in Puschkin am 28. April

Die jährliche Rede des russischen Präsidenten zur Lage der Nation enthielt so viele zur Schau gestellte Drohungen, dass sie schon wieder beruhigend klang. Nicht nur, dass er den Westen davor warnte, rote Linien zu überschreiten, er kündigte an, dass er selbst bestimmt, wo diese Linien verlaufen.

Allerdings sagte er nicht, ob er sie auch irgendjemand mitteilen will – als wären rote Linien bisher immer von Gott gezogen worden, nicht von Politikern.

Damit wollte er wohl vor allem sich selbst herausfordern – jedenfalls bestimmt nicht den chronisch lustlosen Westen. Kaum jemand wird Putin glauben, wenn er behauptet, Russland werde durch die Macht einer Europäischen Union bedroht, die nicht einmal mit Ungarn fertig wird.

Dasselbe gilt für die USA. Zwar hat die Regierung von Joe Biden gerade neue Sanktionen gegen Russland verhängt, die scheinen aber noch symbolischer zu sein als die von Donald Trump – dem Präsidenten, der mit russischer Hilfe gewählt wurde. Durch die neuen Sanktionen sank der Kurs des russischen Rubels zwei Tage lang, schoss dann aber wieder in die Höhe.

Nicht einmal die Russen finden Putins Drohungen überzeugend. Das heißt nicht, dass sie ihn demnächst absetzen werden (solche Aktionen haben immer zu Problemen und meistens zu einem noch schlechteren Regime geführt). Aber es deutet auch wenig darauf hin, dass die Russen noch einmal so reagieren wie nach der Annexion der Krim, als Putins Beliebtheitswerte durch die Decke gingen.

Schließlich haben Russland und die Russen durch den Diebstahl der Krim und der ostukrainischen Region Donbass nichts gewonnen. Nachdem der Kreml sieben Prozent des ukrainischen Hoheitsgebiets erobert und verwüstet hat, muss er diesen Territorialgewinn jetzt mit bezahlten Söldnern, zusätzlichen Infrastrukturprojekten (wie der gewaltigen Brücke zwischen dem russischen Festland und der Krim) und Sozialleistungen für die Bevölkerung sichern, die nicht mehr normal leben und arbeiten kann.

Putin vereint die Ukrainer

Darüber hinaus hat Russland – vielleicht für immer – das traditionelle Wohlwollen der ukrainischen Gesellschaft verspielt, die historisch gesehen immer der russischen Kultur zugeneigt war. (Eine ähnliche kulturelle „Scheidung“ geschieht gerade in Belarus.) Früher haben die Ukrainer russisches Fernsehen gesehen, russische Musik gehört und russische Konsumgüter gekauft; kaum jemand war stolz auf seine ukrainische Identität – wenigstens nicht östlich von Kiew. Das ist nun anders. Kein ukrainischer Politiker hat die Ukrainer so erfolgreich hinter der Idee einer ukrainischen Nation versammelt wie Putin.

Als Reaktion auf die russische Aggression hat die Ukraine ihre Armee vergrößert und gefestigt, die kulturelle, wirtschaftliche und politische Integration in den Westen vertieft und – wenn auch langsam – innenpolitische Reformen auf den Weg gebracht. Putin hat es sogar geschafft, prorussische Politiker wie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky zu Helden im Kampf um die Unabhängig von Russland zu machen.

Die nächste Errungenschaft der russischen Führung wird höchstwahrscheinlich darin bestehen, Selenskys schwächelnder Partei neue Wähler zuzutreiben und damit seine Wiederwahl zu sichern. Da in den Umfragen zurzeit die prorussische Oppositionsplattform „Für das Leben“ vorn liegt, schien dieses Ergebnis bis vor Kurzem eher unwahrscheinlich. Aber Putin hat wie durch ein Wunder so gut wie garantiert, dass auf Russland ausgerichtete Kräfte an Unterstützung verlieren.

Putin verprellt Freunde in Tschechien

An anderer Stelle konnte Putin seiner immer länger werdenden Erfolgsliste die Zerstörung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der Tschechischen Republik hinzufügen, die kürzlich 60 russische Diplomaten ausgewiesen hat. Bevor aufgedeckt wurde, dass Russland hinter der Explosion eines tschechischen Munitionslagers im Jahr 2014 stand, bei dem zwei Menschen getötet wurden, war Miloš Zeman, Tschechiens Präsident und vermutlich der größte Putinfreund in Europa, und Ministerpräsident Andrej Babiš hatte sich lange gegen die Ausweitung der EU-Sanktionen gegen Russland ausgesprochen.

Inzwischen hat auch die Tschechische Republik Rosatom, die staatliche Agentur für Atomenergie Russlands, von der öffentlichen Auftragsvergabe ausgeschlossen. Und nach seinem letzten Tobsuchtsanfall kann Putin auch seinen Plan vergessen, den in Russland hergestellten Coronaimpfstoff Sputnik V großflächig in die ganz EU zu verkaufen.

Auch die Pipeline Nord Stream 2, die russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland bringen soll, hängt jetzt am seidenen Faden. Wenn das Projekt bis zur Bundestagswahl im September nicht abgeschlossen ist, könnte die Pipeline zur bloßen Touristenattraktion für Taucher werden. Zur Zeit liegen die deutschen Grünen in den Umfragen nah an der Spitze, und beträchtliche Teile der Presse und der Gesellschaft fordern, dass das Projekt eingestampft wird. Selbst, wenn die Pipeline fertiggestellt wird, ist kaum zu erwarten, dass sie in vollem Umfang genutzt wird, wie Maxim Samorukow vom Carnegie Moscow Center scheibt, weil ihr ursprünglicher Zweck (für Russland) darin bestand, die Ukraine zu umgehen.

Putins teures Säbelrasseln

Obwohl wir nicht genau wissen, wie viel Russland für die aktuelle Verlegung von fast 150 000 Soldaten, schwerem Gerät und Feldlazaretten an die ukrainische Grenze aufwendet, sind die Kosten für eine Wirtschaft, die ungefähr derjenigen von New York entspricht, bestimmt nicht unerheblich. Den Russen sind diese Kosten schmerzlich bewusst. Nach zehn Jahren fallender (inflationsbereinigter) Reallöhne zieht Putins neues demonstratives Säbelrasseln nur noch bei den wenigsten.

Es hätte auch anders laufen können. Putins Russland hätte sich für Modernisierung entscheiden können. Putins politischer Leitstern, die Sowjetunion, hat sich ebenfalls für Ersteres entschieden, und das heutige Russland erinnert mehr und mehr an die Spätphase der UdSSR, die damals mit Juri Andropow ebenfalls von einem KGB-Mann gelenkt wurde. Russland hat in der Ukraine genau das Gleiche erreicht, wie die UdSSR in ihrem Afghanistankrieg von 1979 bis 1989.

Jetzt hat der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu angekündigt, dass Russland mit dem Abzug seiner Armeen aus der russischen Grenzregion beginnt. Anscheinend war Putins Rede tatsächlich ein bloßer Wortschwall, der zeigt, dass er sowohl im Inneren als auch im Ausland an Einfluss verliert.

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