Migration

Flüchtlinge: ‚Ansturm der Verzweiflung‘

Nobelpreisträgerinnen empört über den Hybridkrieg, bei dem Menschen als Geiseln benutzt werden

von der KARENINA-Redaktion
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Migranten an der Grenze zwischen Polen und Belarus: "Europa muss nun handeln."

„Europa muss nun handeln“, fordern vier Literaturnobelpreisträgerinnen in einem offenen Brief an den Präsidenten des Europäischen Rates Charles Michel, den Präsidenten des Europäischen Parlaments David Sassoli und die Mitglieder des Europäischen Parlaments, der in der Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht wurde. Denn an der Grenze zu Polen „treibt der belarussische Machthaber Menschen in ihr Verderben“.

Was trotz der noch spärlichen Informationen aus dem Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus erkennbar sei, so schreiben Swetlana Alexijewitsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller und Olga Tokarczuk, sei eine humanitäre Katastrophe: „Wir wissen, dass dort Menschen der erbarmungslosen Prozedur von Push-Backs unterzogen und dem Hunger, der Erschöpfung und der Unterkühlung in den Sümpfen ausgesetzt werden.“

Die Schuld weisen sie sowohl Lukaschenkos Regime als auch der polnischen Seite zu: „Menschen werden mit organisierten Transporten in den Wald an die Grenze gebracht. Von dort treibt man sie mit Gewalt nach Polen, die polnische Grenzwache treibt sie ebenfalls mit Gewalt nach Belarus zurück. In den schlimmsten Fällen endet es tödlich. Manche Verstorbene kennen wir mit Namen, andere sterben namenlos.“

Die EU dürfe nicht wegsehen, wenn „Menschen in diesem Hybridkrieg als Geiseln benutzt werden“.

Es sei nicht einfach ist, „mit dem Ansturm der Verzweiflung auf die Grenzen Europas klarzukommen“. Es passe jedoch nicht zu „unseren fundamentalen europäischen Werten“, so die Autorinnen, „was wir an diesen Grenzen zulassen“.

Die Beschlüsse der Genfer Flüchtlingskonvention seien einzuhalten und „allen den Zugang zum Asylverfahren zu gewähren, die darum bitten und an der östlichen EU-Grenze festgehalten werden“. Hilfsorganisationen müssten in das Grenzgebiet hineingelassen werden, um medizinische und juristische Hilfe zu leisten. Journalisten und Medien müsse der Zugang gewährt werden, damit die Öffentlichkeit vollständige und wahrheitsgetreue Informationen erhalte.

„Wir fühlen uns schmerzhaft ratlos“, schließen die vier Frauen, „zu wissen bedeutet, sich des Bösen, das sich gerade ereignet, bewusst zu sein. Dem Wissen sollte das Handeln folgen.“  PHK