Deutsch-russische Beziehungen

Russland ist kein schlechter Schüler

Krise des Vertrauens und des Verstehens zwischen Ost und West: Ist Versöhnung möglich?

Einem meiner deutschen Kollegen musste ich einmal Folgendes erklären, um die Bedingungen klarzumachen, unter welchen ein Dialog nicht nur zwischen Fachleuten, sondern auch zwischen Vertretern der Zivilgesellschaften unserer Länder möglich wäre: „Wir wollen nicht, dass man uns für schlechte Schüler in einer guten Schule hält. Wir sind keine schlechten Schüler, und die Schule ist von der Perfektion weit entfernt.“

Man kann beliebig oft wiederholen, dass die Beziehungen zwischen Russland und der „westlichen Gemeinschaft“ schlechter sind als die während des „Kalten Kriegs“, dennoch spiegelt diese Feststellung die Wirklichkeit nur annähernd wider. Zudem darf man den berühmten Satz von Stanislaw Jerzy Lec nie vergessen: „Als ich glaubte, den tiefsten Punkt erreicht zu haben, klopfte jemand von unten“.

Neben der Vertrauenskrise ist eine Krise des Verstehens entstanden, die meiner Meinung nach noch schwieriger zu überwinden ist. Die Frage ist, ob die Partner im Westen dies auch wünschen. Und welcher entgegenkommende Schritt unsererseits nicht als ein Zeichen der Schwäche gesehen wird.

Man kann die Ursachen dieser Krise auf vielerlei Art interpretieren, die historischen Fehlkalkulationen benennen, die uns zum derzeitigen Status quo gebracht haben. Ich möchte auf eine brisante Äußerung des Akademiemitglieds Dynkin, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Akademie der Wissenschaften der RF, in einem Interview mit Viktor Loschak hinweisen: Während der deutschen Wiedervereinigung hätte man die Erhaltung der sowjetischen, später russischen, Militärbasen in der Bundesrepublik Deutschland aushandeln sollen (analog zu den USA). Das hätte die aggressive Osterweiterung der NATO mit Sicherheit aufgehalten. Aber wenn wir heute die Vergangenheit analysieren, müssen wir uns auch Gedanken über die Zukunft machen.

Was bringen die Bundestagswahlen?

Wie der Austausch mit der Zivilgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland fortgesetzt werden könne, darum ging es unter dem Vorsitz von Witali Ignatenko bei der Tagung der Arbeitsgruppe Medien des „Petersburger Dialogs“ während der Maifeiertage. Ganz offensichtlich wird sich dieser Austausch in neuen Umständen entwickeln.

Die bevorstehenden Bundestagswahlen im September dieses Jahres lassen die Stellungnahmen der Politiker schärfer klingen, sind sie doch vor allem an die deutschen Wähler gerichtet. Auch in Bezug auf die Beziehungen zu Russland. Heutzutage ist man in Deutschland ernsthaft mit dem Thema eines möglichen Siegs von Bündnis 90/Die Grünen bei den kommenden Wahlen befasst und auch damit, dass ihre charismatische Gallionsfigur Annalena Baerbock nicht unbeträchtliche Chancen hat, die neue Bundeskanzlerin zu werden.

Laut ARD-Umfrage vom 7. Mai, vor fünf Tagen, würden 26 Prozent der deutschen Wähler für die Grünen stimmen, 23 Prozent für die CDU/CSU und nur 14 Prozent für die SPD. Die rechtspopulistische AfD liegt nur 2 Prozent hinter der SPD. Und wenn der erfahrene Armin Laschet, der der CDU vorsteht und als Spitzenkandidat des rechtszentristischen Blocks CDU/CSU antritt, mit Blick auf Russland höchstwahrscheinlich die pragmatische Politik von Angela Merkel fortsetzen wird, so fallen die Grünen mit einer demonstrativ antirussischen Rhetorik in meisten Fragen auf, die vom gegenseitigen Interesse sind.

Nicht minder wichtig ist die Tatsache, dass eine wichtige Rolle im heutigen politischen, medialen und gesellschaftlichen Leben Deutschlands relativ junge Menschen zu spielen beginnen, die keinen Schuldkomplex für die NS-Vergangenheit mit sich tragen und für die die „Ostpolitik“ von Willi Brandt und Egon Bahr, die den Grundstein zu den qualitativ neuen Beziehungen zur UdSSR in der ersten Hälfte der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts legte, kein bedingungsloser Wert ist. Es ist unmöglich, all diese neuen Umstände außer Acht zu lassen.

Die menschlichen Beziehungen beibehalten

Dennoch bleibt Deutschland einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Russlands, der an der Entwicklung von pragmatischen Beziehungen zu unserem Land interessiert sind. Die Position der deutschen Regierung in Bezug auf die Fertigstellung von Nord Stream 2 ist ein wichtiges Zeugnis dafür. Die 13. Deutsch-Russische Rohstoff-Konferenz, die Ende April unter Teilnahme von Ministern und führenden Experten beider Länder stattfand, hat die produktive Wechselbeziehung zwischen den beiden Volkswirtschaften erneut bestätigt.

Heutzutage wird leider Gottes immer seltener daran erinnert, dass zwei Völker, die in zwei blutigsten Weltkriegen des 20. Jahrhunderts gegeneinander gekämpft hatten, die innere Kraft fanden, sich nicht nur politisch, sondern auch menschlich zu versöhnen. Wenn ich an dieses einmalige Phänomen denke, erinnere ich mich stets an das Gebot Seiner Heiligkeit des Patriarchen Alexij II.: „Oft bete ich dafür, dass unser Herr uns schneller begreifen lässt, dass nur die Liebe über dem Gesetz, nur die Gnade über dem Recht und nur die Vergebung über der Gerechtigkeit stehen kann.“ Diese Weisheit steht über der Politik, sie spiegelt das innere Arbeiten der kollektiven Seele des Volkes wider.

Selbstverständlich werden wir bei jeder politischen Kräfteverteilung, jedoch unbedingt beim gegenseitigen Wunsch, gemeinsam mit deutschen Partnern die Themen finden, die für unsere Länder gleichermaßen von Bedeutung sein werden. Selbst mit den Grünen, die sich genauso wie wir mit Umweltproblemen, neuen Energien und dem Fortbestehen von einigen Verträgen im Militärbereich beschäftigen. Wichtig aber ist, nicht nur die partnerschaftlichen, sondern auch die menschlichen Beziehungen beizubehalten.

Russophobes Mantra in Medien und Politik

Es darf nicht vergessen werden, dass die Beziehungen zwischen den Staaten nicht immer mit den Beziehungen zwischen den Menschen und Völkern übereinstimmen, die in diesen Staaten leben. Es ist kein Zufall, dass die meisten Deutschen nach wie vor glauben, dass gute nachbarschaftliche Beziehungen zu Russland wichtig sind, ungeachtet der russophoben Mantras eines beträchtlichen Teils der deutschen Medien sowie einer Reihe angesehener Politiker.

Auch in unserem Land sind keine germanophoben Gesinnungen festzustellen – eher umgekehrt. Im vergangenen halben Jahrhundert ist es uns gelungen, all das beste wieder zu beleben, was unsere Völker während eines guten Jahrtausends verbunden hatte – in Wissenschaft, Bildung, Kultur, Wirtschaft und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Gerade diese historische „Bruchsicherheit“ lässt uns heute solche Großprojekte wie das „Deutschlandjahr in Russland“ oder das Deutsch-Russische Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“ umsetzen.

Für wie lange reicht diese Bruchsicherheit? Werden wir sie verstärken können oder werden wir sie komplett einbüßen?

Dieser Beitrag ist auf Russisch am 11. Mai 2021 erschienen in:Rossijskaja Gaseta, Föderalausgabe Nr. 101(8452) / Übersetzung aus dem Russischen: Alan Jerschow