Puschkin und Sacharow canceln?

Die Ukraine diskutiert über die Politik gegenüber russischer Kultur, ausschließen will sie niemand

von Andrii Portnov
Puschkin: In der Ukraine bald gecancelt?
Der Historiker Jaroslaw Hricak meint: Die Ukrainer sollen weiterhin Puschkin und Dostojewski lesen, aber sie müssen lernen, deren „Giftigkeit“ zu verstehen.

Jeder große Krieg wird nicht nur auf dem Schlachtfeld ausgetragen, sondern findet auch in den Äußerungen von Kulturschaffenden, in den Lehrplänen sowie in der Erinnerungspolitik statt. In jüngster Zeit war ein Schwerpunkt der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg die „Entrussifizierung“ der Ukraine.

Einige beschreiben das Terrain als Gegensatz zwischen „Kultur“ (in diesem Fall der russischen Kultur) und „Barbarei“ (verkörpert durch Boykottaufrufe von ukrainischen Aktivisten). Andere erinnern an die jahrhundertelange Diskriminierung der ukrainischen Sprache und Literatur und reden von der Überwindung einer kolonialen Vergangenheit.

Beidem liegt eine grundsätzliche Wahl der Diskursperspektive zugrunde: Dem Vorwurf eines archetypischen ukrainischen Nationalismus steht die Behauptung entgegen, dass die ehemalige russische „Provinz“ das Recht besitze, sich zu emanzipieren und sich antikolonial zu äußern. Gleichzeitig erzeugt die Emotionalität der Diskussion nicht selten die Illusion der Homogenität sowohl der ukrainischen Politik als auch der russischen Kultur.

Bei der Forderung nach einer „Entrussifizierung“ der Ukraine handelt es sich in der Regel um verstreute Initiativen staatlicher Behörden (oft lokaler Ebene) sowie um verschiedene Äußerungen von Schriftstellern, Journalisten und Historikern. Obwohl es leicht ist, darin Beispiele für Hassrede und grobe Vereinfachungen zu finden, ist es wichtig, die Tatsache nicht aus den Augen zu verlieren: Der Pluralismus ist in der innerukrainischen Diskussion garantiert. Und das selbst in einer Situation, in der die russländische Aggression und das Kriegsrecht in vollem Umfang weiterbestehen.

Puschkins Giftigkeit verstehen

Hier einige Beispiele: Anton Drobowitsch, Direktor des Instituts für nationales Gedenken, sprach sich öffentlich gegen Vorschläge zur Umbenennung von Straßen aus, die nach dem russischen Künstler Ilja Repin benannt sind, in dessen Werk ukrainische Themen eine wichtige Rolle spielen. Gegen die Umbenennung einer Straße in Iwano-Frankiwsk, die nach dem russischen Menschenrechtsverteidiger Andrei Sacharow benannt ist, haben sich bekannte ukrainische Dissidenten – ehemalige politische Gefangene – ausgesprochen. Die Bürgermeister der Millionenstädte Charkiw und Odessa lehnten Vorschläge zur Umbenennung der Puschkin-Straße ab.

Es gibt in der Ukraine eine anhaltende Diskussion über Inhalt und Bedeutung einer neuen Politik gegenüber der russischen Kultur. Interessanterweise wird in dieser Diskussion oft auf die deutschen Erfahrungen verwiesen. Der Historiker Jaroslaw Hricak merkte an, dass die Ukrainer weiterhin Puschkin und Dostojewski lesen sollten, aber sie müssten lernen, deren „Giftigkeit“ zu verstehen: „So wie die Deutschen die Giftigkeit von Nietzsche verstehen, obwohl sie ihn lesen, sollten wir auch Dostojewski lesen und seine Giftigkeit verstehen.“

Aus den Äußerungen von Hricak und anderen vernünftigen Stimmen wird deutlich, dass es nicht um ein vollständiges Verbot oder die Abschaffung der russischen Kultur geht, sondern um die Überwindung einer jahrhundertelang bestehenden Asymmetrie – der Folgen der Russifizierungspolitik des russländischen Reichs sowie der Sowjetunion. Deren Politik, einschließlich der Tabuisierung von Namen unerwünschter Autoren und des Verbots der Verwendung von ukrainischen Wörtern, die sich zu sehr vom Russischen unterscheiden, ist im Westen noch weitgehend unbekannt.

Putins Armee zerstört Kulturstätten

Für die ukrainische Kulturgemeinschaft ist der zerstörerische Krieg eine erneute Erinnerung an diese bittere historische Erfahrung. Die Zahl der von Putins Armee zerstörten Kulturstätten geht bereits in die Hunderte. Ende April etwa brannte das Archiv des sowjetischen Geheimdienstes in Tschernihiw vollständig aus. Am 7. Mai zerstörte eine russische Rakete ein Monument der Architektur des 18. Jahrhunderts – das Museum des Philosophen Hrihori Skoworoda in der Nähe von Charkiw. Im besetzten Mariupol wiederum wurden massenweise ukrainische Bücher beschlagnahmt und verbrannt.

Bedenkenswert ist das Statement der beiden Künstler Lia Dostljewa und Andri Dostljew, die 2014 gezwungen waren, Donezk zu verlassen, dass Putins „historische“ Reden „eine logische Etappe in einer langen Geschichte kolonialer Haltungen gegenüber der Ukraine“ seien.

Ist es tatsächlich möglich, Putins Politik vollständig von der russischen Kultur zu trennen? Warum wurde im Westen bisher so wenig über die imperialen, kolonialen Konnotationen der russischen Literatur, Musik oder Malerei gesprochen? Und schließlich: Ist die Entkolonialisierung der russischen Kultur möglich?

Am 24. Juni erklärte Michail Piotrowski, Direktor der Petersburger Eremitage, in einem langen Interview mit der Rossiskaja gaseta selbstbewusst, dass alle Russen „Militaristen und Imperialisten“ seien, und bezeichnete den Krieg als eine Form der „Selbstbestätigung der Nation“. Piotrowski nannte „[seine] jüngsten Ausstellungen im Ausland“ unverblümt einen Teil der militärischen Operation! Wobei die von Piotrowski so farbenfroh geschilderte „Kulturfront“ auch eine innerrussische Dimension besitzt: Noch vor den ersten ukrainischen Debatten über die Entfernung von Denkmälern und die Umbenennung von Straßen wurde bereits am 27. Februar eine Gedenktafel für den ukrainischen Historiker Michailo Hruschewski in Kasan demontiert.

Russische Kulturschaffende uneins

Als am 25. August 1968, nach dem sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei, sich acht Personen mit Plakaten (auch in tschechischer Sprache) auf dem Roten Platz versammelten, wurden sie bereits nach einer Minute abgeführt. Nichtsdestoweniger nannte der Bürgerrechtler Andrei Sacharow die Szene „einen Auftritt, der die Ehre eines ganzen Landes wiederherstellt“. Wer stellt diese Ehre für Russland heute wieder her?

Die Äußerungen einzelner russischer Kulturschaffender gegen den Krieg sind, so es sie denn überhaupt gibt, uneinheitlich. Nicht immer enthalten sie eine klare Verurteilung von Putins Politik und eine unmissverständliche Unterstützung des Kampfes der Ukraine um ihr Überleben und ihre territoriale Integrität. Dennoch gibt es solche Aussagen. Und sie sind nicht weniger wichtig als 1968.

Die mutigsten und tiefgreifendsten Verurteilungen des Kriegs stammen von populären Rappern wie Noize MC und Face. Sie haben sich darin dem schwierigen (und für viele kategorisch inakzeptablen) Thema der kollektiven Verantwortung angenähert. Grob gesagt, ist die russische Hip-Hop-Kultur ebenso wie die Rockmusik und die Literatur über dem Krieg gegen die Ukraine in zwei Teile zerfallen. Wobei Schweigen in dieser Situation oft beredter ist als jedes Wort. Wenn der Kreml die Ukraine als „existenzielle Bedrohung für das russische Volk“ bezeichnet und ein „Ende dieser Bedrohung“ fordert, ist es gefährlich, explizit zu widersprechen.

Stark verankerte kulturelle Asymmetrie

Die zahlreichen Versuche westlicher kultureller und politischer Organisationen, einen russisch-ukrainischen Dialog schon jetzt in Gang zu bringen, beruhen oft auf dem tiefen Missverständnis, dass es in diesem Moment, mitten im Krieg um das Überleben der Ukraine, für die Ukrainer sehr schwierig sei, einen Dialog zu führen, und sei es mit Russen, die Putin und sein Regime verabscheuten. Das grundsätzliche Problem ist aber nicht der „Nationalismus“, sondern ein tiefsitzendes historisches Trauma. Es geht um den Wunsch, auf eine stark verankerte kulturelle Asymmetrie aufmerksam zu machen.

Der ukrainische Schriftsteller Serhi Zhadan hat kürzlich erklärt, ein Dialog sei unmöglich, „solange die russische Gesellschaft nicht die kollektive Verantwortung für alles übernimmt, was sie in der Ukraine getan hat“. Lia Dostljewa und Andri Dostljew wandten sich in ähnlichem Sinn an ihre russischen Kollegen: „Wenn Sie ein russischer Kulturschaffender sind, der sich für diesen Krieg schämt oder sich schuldig fühlt und nicht weiß, was er tun soll, beginnen Sie damit, Ihre eigene Kultur von innen heraus zu dekolonisieren. Oder geben Sie ukrainischen Stimmen Ihren Platz auf internationalen Plattformen.“

Ich selber bin seit zwanzig Jahren aktiv am russisch-ukrainischen Dialog beteiligt, der schon vor der Annexion der Krim weder einfach noch ausgewogen war. Ich hatte das Glück, so großartige russische Kollegen wie Boris Dubin, Arseni Roginski und Dmitri Furman zu treffen und viel von ihnen zu lernen. Ich erinnere mich gut an die Worte des wunderbaren Altertumsforschers Michail Gasparow von 2002: „Wir [Russen] haben [gegenüber der Ukraine] eine Schuld zu sühnen, das ist unsere moralische Pflicht; wenn nicht jeder aufgeklärte Russe [diese Schuld] fühlt, ist das bitter und seltsam.“

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der ukrainisch-russischen Historie ist schlicht und einfach notwendig. Dabei geht es nicht nur darum, asymmetrische Beziehungen in der Vergangenheit zu konzeptualisieren, sondern auch um das komplexe Problem der russischen Sprache und der russischen Kultur in der Ukraine, das weder durch „militärische Spezialoperationen“ noch durch „cancelling“ gelöst werden kann.

Die Slawistik müsste sich weltweit sensibilisieren und zu einer Gestalt finden, die der Ukraine endlich die gebührende Aufmerksamkeit schenkt. Auch müsste geklärt werden, wie es mit dem Studium Russlands in der Nachkriegs-Ukraine weitergehen soll. Das ist für die Zukunft des Landes von entscheidender Bedeutung.

Nur ist es leider noch zu früh, jetzt schon sinnvoll über all das sprechen zu wollen. Wenn man allzu leise über ein sehr schmerzhaftes Thema spricht, kann leicht der Eindruck entstehen, dass das Hauptproblem nicht mehr der Krieg sei. Solches wäre ein großer Irrtum. Noch toben die Kämpfe, und sie sind zutiefst zerstörerisch – nicht zuletzt auch für die russische Kultur.

Andrii Portnov ist Professor für Entangled History of Ukraine an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Dieser Beitrag ist ursprünglich am 20.7.2022 erschienen in: Neue Zürcher Zeitung / © Neue Zürcher Zeitung

Nichts verpassen!

Tragen Sie sich hier ein für unseren wöchentlichen Newsletter: