Protasewitsch

Protasewitsch: ‚Man wird mich töten‘

Rekonstruktion der weißrussischen Operation gegen den Ryanair-Flug FR4978 und Roman Protasewitsch

von Andreas Rüesch
Ryanair Ankunft in Vilnius ohne Protasewitsch
Highjacked: Ankunft der Maschine von Ryanair in Vilnius ohne Roman Protasewitsch und seine russische Freundin Sofia Sapega

Dass etwas nicht stimmte mit seinem Heimflug, merkte Roman Protasewitsch bereits am Gate im Flughafen Athen. Kurz vor dem Einstieg drehte sich ein Mann vor ihm in der Schlange plötzlich um, versuchte Protasewitschs Reisedokumente zu fotografieren und lief weg. „Ein KGBler“, schrieb der weißrussische Journalist eher belustigt noch vor dem Abflug und lieferte gleich eine Beschreibung des russischsprachigen Mannes mit: stramm, glatzköpfig, mit T-Shirt und Lederköfferchen.

Die von Nexta – dem von ihm mitgegründeten regierungskritischen Informationskanal – veröffentlichte Nachricht sollte die letzte Botschaft Protasewitschs in Freiheit sein. Denn wenige Stunden später fiel der 26-Jährige seinem ärgsten Feind in die Hände, dem Regime des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko. Was dazwischen geschah, hat weltweit für Empörung gesorgt: faktisch eine staatliche Entführungsaktion, mitten in einem Flug zwischen zwei europäischen Hauptstädten.

Die dramatischen Ereignisse im Luftraum über Weißrussland sind noch immer ungenügend ausgeleuchtet. Es lohnt sich daher ein näherer Blick darauf, was als gesichert gelten darf, was sich in ersten Berichten als falsch erwiesen hat und welche wichtigen Mosaiksteine vorläufig im Dunkeln bleiben. Eine Rekonstruktion der Ereignisse zeigt auch, wie wenig gefehlt hat, dass der in seiner Heimat als Staatsfeind verfolgte Aktivist der Verhaftung entgangen wäre.

Protasewitsch hatte eine Woche zuvor in Athen an einer Konferenz teilgenommen und danach mit seiner Freundin, der 23-jährigen Sofia Sapega, einige Tage Ferien angehängt. Am 23. Mai stand der Rückflug mit der irischen Billigfluggesellschaft Ryanair an. Der Flug FR4978 sollte das Paar nach Vilnius zurückbringen, wo Protasewitsch im Exil lebte und Sapega Recht studierte. Die in Polen registrierte Boeing 737-800 mit 123 Passagieren hob laut der Flugtracking-Website Flightradar24 um halb elf Uhr morgens (Lokalzeit) ab und begab sich auf einen nördlichen Kurs, der auf einer knapp 1900 Kilometer langen Strecke von Griechenland über Bulgarien, Rumänien, die Ukraine und Weißrussland nach Vilnius, der Hauptstadt Litauens, führen würde.

Achtzehn entscheidende Minuten

Als sich die Maschine zwei Stunden später der Grenze Weißrusslands nähert, nimmt der Pilot routinemäßig Kontakt mit der dortigen Flugsicherung auf. Aus Angaben der Zivilluftfahrtbehörde in Minsk geht hervor, dass die Boeing um genau 12.30 Uhr in den weißrussischen Luftraum gelangt. Unter normalen Umständen wäre nun noch eine Strecke von rund 250 Kilometern zurückzulegen, bis das Flugzeug litauisches Hoheitsgebiet erreichen würde. Unter Beibehaltung der Reisegeschwindigkeit von gut 850 Kilometern pro Stunde ließe sich dies in lediglich 18 Minuten bewältigen. Doch so weit sollte es nicht kommen.

Gleich nach Eintritt in den weißrussischen Luftraum informiert die dortige Flugsicherung die Piloten über eine Bedrohungssituation: „Wir haben eine Information von Geheimdiensten, dass Sie eine Bombe an Bord haben und sie über Vilnius gezündet werden kann.“ So zumindest steht es in der vom weißrussischen Staat vorgelegten Abschrift des Funkverkehrs zwischen Besatzung und Luftraumkontrolle. Deren Echtheit lässt sich vorerst nicht überprüfen, aber Minsk kann das Transkript nicht beliebig manipuliert haben, da eine Aufnahme sicherlich auch den westlichen Untersuchungsbehörden vorliegt.

Die Information über eine Bombendrohung löst laut der Abschrift zwischen Cockpit und Flugsicherung ein Hin und Her aus, das sich eine gute Viertelstunde hinzieht. Der Pilot wird offensichtlich von Zweifeln geplagt. Mehrmals fragt er nach, um die Vertrauenswürdigkeit der Information besser einschätzen zu können. Er will wissen, woher die Mitteilung über die Bombendrohung komme. Auf die Antwort, dass eine entsprechende E-Mail eingetroffen sei, hakt er nach: „Beim Sicherheitspersonal in Vilnius oder in Griechenland?“ Es dürfte ihn misstrauisch gestimmt haben, dass er von keiner anderen Stelle eine Warnung erhalten hatte, aber informiert wurde, kaum hatte er den weißrussischen Luftraum erreicht.

Angebliche Drohung der Hamas

Der Besatzung ist zu diesem Zeitpunkt nicht klar, auf welch dubioser Grundlage die angebliche Bombendrohung beruht. Die weißrussische Zivilluftfahrtbehörde verbreitet später in der Öffentlichkeit folgende Version: Auf der allgemeinen E‑Mail-Adresse des Flughafens Minsk sei an jenem Tag eine Nachricht im Namen von „Hamas-Soldaten“ eingetroffen. Geschickt wird die Nachricht nach offiziellen Angaben über den E-Mail-Service Protonmail, der seine Server in der Schweiz hat. Obwohl dies eigentlich unerheblich ist, wird dieser Umstand Lukaschenko später als Grundlage für die Behauptung dienen, die Warnung sei „aus der Schweiz“ gekommen.

Der angebliche Absender namens Ahmed Yurlanov fordert laut dem später von Weißrussland vorgelegten Text einen Waffenstillstand im Krieg gegen Gaza und das Ende der EU-Unterstützung für Israel – andernfalls werde an Bord von FR4978 über Vilnius eine Bombe explodieren. Der Text wirkt wie eine plumpe Irreführung: In Gaza herrscht gar kein Krieg mehr. Zu diesem Zeitpunkt schweigen dort die Waffen bereits seit mehr als zwei Tagen.

Im Cockpit sind diese Hintergründe nicht bekannt, und es gilt eine schnelle Entscheidung zu treffen. Gleichwohl verstreichen weitere Minuten: Der Pilot ersucht darum, mit Ryanair verbunden zu werden. Um 12.42 Uhr blitzt nochmals seine Skepsis auf: Woher die Empfehlung, in Minsk notzulanden, komme, will er von der Kontrollstelle wissen – von den Flughafenbehörden in Athen oder jenen in Vilnius? „Das ist unsere Empfehlung“, lautet die Antwort des weißrussischen Flugsicherheitsbeamten.

„Es heißt, der Code ist Rot“

Zwei Minuten später – das Flugzeug hat bereits mehr als drei Viertel des weißrussischen Luftraums durchquert – drängt die Flugsicherung per Funk zu einer definitiven Antwort: Wie laute die Entscheidung des Piloten? Dieser will jedoch ein letztes Mal den Grad der Bedrohung herausfinden und fragt nach der Gefahrenstufe: Grün, Gelb, Orange oder Rot. „Es heißt, der Code ist Rot“, erhält er zur Antwort.

Normalerweise würde der Pilot zu diesem Zeitpunkt des Flugs bereits mit dem Sinkflug in Richtung Vilnius beginnen. Doch wie die Auswertung auf Flightradar24 zeigt, fliegt die Maschine mit konstanter Reisegeschwindigkeit und Flughöhe weiter. Will der Pilot das weißrussische Hoheitsgebiet so rasch wie möglich verlassen, oder ist er in der Notsituation ganz einfach noch nicht dazu gekommen, das Anflugmanöver zu beginnen?

Nochmals vergehen zwei weitere Minuten, dann gibt der Pilot um 12.47 Uhr seine Entscheidung bekannt: Er setze das Notrufsignal „Mayday“ ab und beabsichtige eine Kursänderung in Richtung Minsk.

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Boeing nur noch 30 Kilometer von der litauischen Grenze entfernt. Diese Distanz wäre in zwei Minuten zurückzulegen – zwei Minuten, die für Protasewitsch und seine Freundin einen fatalen Unterschied ausmachen. Um 12.49 Uhr wäre die angebliche Bombe an Bord bereits nicht mehr das Problem der weißrussischen Behörden gewesen, sondern jenes der Litauer.

Auch unter Sicherheitsaspekten hätte ein Weiterflug Sinn ergeben: War Minsk zu Beginn des Funkverkehrs tatsächlich noch geringfügig näher gewesen als Vilnius, so bedeutete die Umleitung nun eine wesentliche Verzögerung. Das Flugzeug zu landen, würde etwa drei Mal so lange dauern wie der Weiterflug nach Vilnius.

Zweifellos hatten die Piloten aber noch weitere Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Klarheit darüber kann nur eine sorgfältige Untersuchung schaffen. Die in ersten Berichten kolportierte Version, Geheimagenten hätten an Bord einen Streit angezettelt und die Piloten dadurch zur Notlandung veranlasst, hat sich nicht bestätigt. Aus Zeugenaussagen geht hervor, dass im Passagierraum bis zum abrupten Landemanöver alles ruhig blieb.

Die mysteriöse MiG-29

Nebulös bleibt auch, welche Rolle die weißrussische Luftwaffe spielte. Hat ein Abfangjäger die Boeing zur Kursänderung gezwungen, wie es in ersten Medienberichten hieß? Eine solche Darstellung verbreiteten nicht zuletzt Exponenten der weißrussischen Exil-Opposition wie der frühere Kulturminister Pawel Latuschko. Beweise dafür liegen bis jetzt allerdings nicht vor. Das weißrussische Militär betont, dass ein Kampfflugzeug des Typs MiG-29 erst aufgestiegen sei, nachdem sich der Ryanair-Pilot zur Notlandung entschieden habe. Der Start sei von der Luftwaffenbasis Baranowitschi aus erfolgt, also in rund 100 Kilometern Entfernung.

Passagiere berichteten später, sie hätten beim Anflug auf Minsk ein Militärflugzeug gesehen. Klar ist, dass die weißrussische Seite den Eindruck einer militärischen Zwangsmaßnahme entkräften will und die Notlandung als autonome Entscheidung der Besatzung darstellt. Ryanair hingegen erklärt, es habe sich um eine Anweisung der Weißrussen gehandelt.

Vom „Mayday“-Notruf bis zur Landung in Minsk um 13.15 Uhr vergehen nochmals 28 Minuten. Der Pilot bleibt stumm; offenbar erst nach einer Viertelstunde informiert er die Passagiere über die neue Destination. Die abrupte Drehung und der rasante Sinkflug haben die Reisenden jedoch längst aufgerüttelt. Eine litauische Touristin spricht später gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender ABC von einem plötzlichen Abtauchen, von Panik in der Kabine.

Letztes Flehen Protasewitschs

Ein Passagier zeigt eine besonders heftige Reaktion: Roman Protasewitsch. Nachdem der Pilot die Kursänderung nach Minsk mitgeteilt hat, steht der Journalist laut einem von Reuters zitierten Mitpassagier auf, öffnet das Gepäckfach und übergibt seinen Computer sowie andere Dinge seiner Freundin. Auf den Grund seiner Panik angesprochen, sagt er laut dem litauischen Nachrichtenportal Delfi: „Mich erwartet die Todesstrafe.“ Passagiere hören, wie der wegen „Organisation von Massenunruhen“ in Abwesenheit angeklagte Protasewitsch auch ein Besatzungsmitglied anfleht: „Tun Sie das nicht, man wird mich töten. Ich bin ein Flüchtling.“ Er erhält zur Antwort, dass Ryanair aus rechtlichen Gründen keine andere Wahl habe.

Nach der Landung in Minsk zeigen die dortigen Behörden keine Eile, das Flugzeug zu evakuieren und die Reisenden in Sicherheit zu bringen. Laut Berichten von Passagieren werden jeweils nur kleine Gruppen aufs Mal nach draußen gebracht, noch auf der Rollbahn wird ihr Gepäck durchsucht. Danach müssen sie stundenlang im Terminal warten und weitere Kontrollen über sich ergehen lassen. Eine Bombe kommt nicht zum Vorschein.

Erst um 20.48 Uhr hebt die Boeing ab, um die verbleibende Strecke nach Vilnius doch noch zurückzulegen. Nicht mehr an Bord sind Roman Protasewitsch und Sofia Sapega – von ihnen wird es erst am folgenden Tag wieder ein Lebenszeichen geben, aus zwei verschiedenen Untersuchungsgefängnissen in Minsk.

Auf dem Weiterflug fehlen auch drei oder vier russische Staatsbürger, die es offenbar vorziehen, in der weißrussischen Hauptstadt zu bleiben. Handelt es sich um Geheimdienstagenten, die ihre Mission erfüllt haben? Dies ist vorerst nur eine unbestätigte Vermutung, wenn auch keine völlig abwegige.

Sicher ist jedoch, dass dem Diktator Lukaschenko ein Coup gelungen ist. So dreist die Finte mit der Bombendrohung war, so erfolgreich ist die Operation für ihn ausgegangen. Mag der Westen noch so toben und von Staatsterrorismus sprechen: Entscheidend ist für Lukaschenko die Rückendeckung aus Moskau, die er auch diesmal prompt erhält. Wenn die EU nun die Flugverbindungen nach Minsk kappt, bedeutet dies für Lukaschenko lediglich eine Hilfestellung darin, sein Land in einen großen Kerker zu verwandeln.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 26. Mai 2021 in der Neue Zürcher Zeitung erschienen.