Deutsch-Russische Beziehungen

Jugendaustausch als Chance

Lisa Petrenko will wieder nach Deutschland reisen, sobald die Pandemie überwunden ist

Möchte Brücken schlagen: Lisa Petrenko

#3 – Für die KARENINA-Reihe "Zwischen den Welten" entdeckt Gemma Pörzgen bemerkenswerte Menschen, die eng mit Russland und Deutschland verbunden sind.

„Mir gefiel der Klang der Sprache“, sagt Lisa Petrenko. „Viele Leute sagen, dass Deutsch so grob klingt, aber mir ging das ganz anders.“ Die 22-Jährige stammt aus Westsibirien und wuchs in der Provinzstadt Polysajewo mit rund 25 000 Einwohnern auf. Aber es zog die aufgeweckte junge Frau schon früh aus diesem entfernten Winkel des riesigen Landes hinaus in die weite Welt.

Schon zu Hause hatte Lisa hin und wieder Deutsch gehört, denn der Großvater mütterlicherseits war Russlanddeutscher. Zusammen mit seiner Familie war er vor dem Zweiten Weltkrieges nach Sibirien umgesiedelt worden. In den 1990er-Jahren war dann die Hälfte seiner Brüder und Schwestern nach Deutschland ausgereist. „Wenn sie uns besuchen kamen, sprachen alle zusammen Deutsch, und ich habe sehr gerne zugehört“, erinnert sich Lisa an frühe Kindheitserlebnisse.

Das war einer der Gründe, warum sie sich zum Studienbeginn an der Universität Tomsk für Deutsch als zweite Fremdsprache entschied, und nicht etwa für Französisch oder Chinesisch. Lisa begann das Studium der internationalen Beziehungen und suchte bald nach Austauschprogrammen, um in Deutschland ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen, aber auch um Land und Leute kennenzulernen.

Erstaunen über den höflichen Umgangston

Mit einem Freiwilligenprogramm kam sie 2017 ein erstes Mal zwei Wochen lang nach Thüringen. „Alles war anders“, fasst sie ihre ersten Eindrücke zusammen. Die Menschen seien im Alltag so überraschend freundlich gewesen. „Alle lächeln einen auf der Straße an.“ Das sei sie aus Sibirien ganz anders gewöhnt, wo der Umgangston etwas rauer sei. „Es ist bei uns nicht üblich, zu Fremden besonders freundlich zu sein und so viel zu lächeln.“

Die flüchtigen Eindrücke dieses ersten Deutschlandbesuchs konnte Lisa bald vertiefen. Von Oktober 2019 bis März führte sie das Copernicus-Programm nach Hamburg. „Meine Gastfamilie hat mich schon am Bahnhof erwartet und wie eine Tochter aufgenommen“, sagt Lisa. „Dadurch habe ich mich nicht alleine oder fremd gefühlt.“

Zu ihren Gasteltern pflegt sie bis heute einen herzlichen Kontakt. Das ältere Ehepaar mit erwachsenen Kindern wohnte in einem größeren Haus, in dem Lisa ein eigenes Zimmer bezog. An der Universität studierte sie Politikwissenschaften und absolvierte in den letzten zwei Monaten ein Praktikum bei der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.

„Wo Tomsk liegt oder wo genau Sibirien ist, wussten viele Leute nicht“, erzählt die junge Frau. Für ihre Gastfamilie sei sie ein erster Kontakt nach Russland gewesen. „Meine Gasteltern haben mit meinem Auftauchen in ihrem Leben damit begonnen, sich auch für mein Land zu interessieren und sehr viel gefragt.“ Im Fernsehen wurden von nun an viele Reisereportagen über Sibirien geschaut und durch Lisas Erzählungen ergänzt.

Verfrühte Rückkehr nach Russland

Wegen der Pandemie musste Lisa im März etwas verfrüht nach Tomsk zurückkehren. Sehr traurig war sie, dass ein geplanter Länderabend ausfiel, bei dem sie im Rahmen des Copernikus-Programms eigentlich noch einen Vortrag hätte halten sollen. „Mein Thema war die Erinnerungskultur Russlands an die Zeit des Stalinismus und des Großen Sieges.“

Schon bei ihrem ersten Aufenthalt in Deutschland hatte Lisa sich im früheren Konzentrationslager Mittelbau-Dora nördlich von Nordhausen in Thüringen mit dem Thema Erinnerungskultur beschäftigt. „Ich habe damals begonnen, darüber nachzudenken, was es für die Geschichte meines Landes bedeutet, vor allem für die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg und den Stalinismus.“ Diese Traumata lebten in den Erinnerungen vieler Zeitzeugen fort, spielten aber auch bis heute eine wichtige Rolle. „Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, damit es nicht wiederholen kann“, findet Lisa.

Nach ihrer Rückkehr in die Heimat und zwei Wochen Quarantäne beendete Lisa in Tomsk im Sommer erfolgreich ihr Studium. Den Sommer verbrachte sie im fernen Osten Russlands in Kamtschatka und arbeitete in einer Surfschule am nordwestlichen Pazifik. Danach wanderte sie im Altai-Gebirge und sammelte mit anderen Freiwilligen im mehr als 4000 Meter hohen Hochgebirge Müll, um etwas für den Umweltschutz zu tun.

Neuanfang in St. Petersburg

Heute arbeitet Lisa in St. Petersburg und hat sich damit einen Traum verwirklicht. „Da wollte ich schon lange hin, aber ich konnte mir ein Studium dort nicht leisten, weil meine Eltern keine reichen Leute sind.“ Einer der Gründe für den Umzug in die weltoffene Stadt an der Newa war, dass es dort ganz andere Kreise gibt, die in deutsch-russischen Netzwerken aktiv sind. „In Sibirien gibt es da viel weniger Leute“, sagt Lisa, die sich freut, ihre Verbindungen nach Deutschland derzeit wenigstens über Online-Angebote weiter pflegen zu können. „In meiner sibirischen Heimatstadt gibt es nur sehr wenig Leute, die jemals im Ausland waren oder außerhalb von Russland“, sagt Lisa. „Die meisten können keine einzige Fremdsprache.“

Im Oktober begann die junge Frau als Beraterin für das russische Startup Studyqa zu arbeiten, das Informationsangebote für Studien im Ausland anbietet. Lisa unterstützt dort junge Leute bei deren Bewerbungen an auswärtigen Hochschulen und freut sich, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen. „Meine Tätigkeit ist jetzt vor allem auf Russisch und Englisch, aber ich hoffe auch meine Deutschkenntnisse stärker einbringen zu können“, sagt sie.

Außerdem möchte Lisa bald wieder nach Deutschland reisen, um ihre Gastfamilie, Freunde und Bekannte wiederzusehen. Sie hofft auf das Ende der Pandemie. „Für unsere Generation ist dieser internationale Austausch sehr wichtig“, sagt Lisa. „Man lernt andere Sichtweisen kennen, versteht aber durch die Begegnung mit dem Fremden auch seine eigene Kultur sehr viel besser.“

Weil sie an vielen Austauschprojekten teilnehme und beide Kulturen gut kenne, vermittle sie bereits ihrer Familie und ihren Bekannten ein ganz anderes Deutschlandbild, sagt Lisa. „Politik und Menschen, das sind ganz verschiedene Dinge.“ Gerade angesichts politischer Spannungen sei es umso wichtiger, Brücken zu schlagen, nicht nur nach Deutschland. „Ich möchte auch in der Zukunft daran mitwirken und sehe darin auch eine Art von Mission in meinem Leben.“ Ihr gefalle die Idee einer internationalen Gemeinschaft und großer Toleranz zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Sobald es möglich wird, möchte Lisa mit ihren Eltern gemeinsam nach Deutschland reisen.  Die Mutter ist Hebamme im örtlichen Krankenhaus, der Vater Bergmann. Polysajewo entstand 1952 einst als Bergbausiedlung unweit der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn und ist bis heute vom Bergbau geprägt. Ihre Eltern hätten sie als Einzelkind immer bei allen Vorhaben unterstützt, sagt Lisa. Im Ausland waren sie aber noch nie. Nun will die Tochter den Eltern etwas zurückgeben: „Ich freue mich darauf, meinen Eltern Hamburg zu zeigen und all das, was mir dort ans Herz gewachsen ist.“